DVD-Kritik: Über Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“

Ex-Cop Matt Scudder versucht sein Leben in den Griff zu kriegen. Die Anonymen Alkoholiker, deren Treffen er regelmäßig besucht, helfen ihm. Nach einem Treffen spricht ihn eine Frau an. Die Prostituierte bittet ihn, mit ihrem Zuhälter zu sprechen. Sie möchte ein neues Leben beginnen und hat Angst vor ihm. Kurz darauf ist sie tot und Scudder will ihren Mörder fangen.

8 Millionen Wege zu sterben“ erzählt einen klassischen Plot und, wer die Vorlage nicht kennt, dürfte halbwegs zufrieden mit dem Werk sein. Denn als Verfilmung eines Matt-Scudder-Buches ist „8 Millionen Wege zu sterben“ gründlich gescheitert und nur einen Tick besser als die ebenfalls auf einem Roman von Lawrence Block basierende Bernie-Rhodenbarr-Verfilmung „Die diebische Elster“ (Burglar, USA 1986). Das beginnt schon damit, dass die Macher die Geschichte von New York nach Los Angeles verlegten und so innige Beziehung von Scudder und seiner Stadt negierten. Sie rissen Scudder das Herz heraus und für Scudder-Fans ist der Rest, wozu auch die vielen Änderungen in der Geschichte gehören (immerhin wurde die Prämisse übernommen), dann eigentlich egal.

Als PI-Krimi ist der Film, wenn man entweder die Vorlage nicht kennt (was ein schwerer Fehler ist und sofort geändert werden sollte) oder links liegen lässt (immerhin hat auch Alfred Hitchcock bei seinen Romanverfilmungen oft die Geschichte stark verändert), ein höchst zwiespältiges Vergnügen.

New-Hollywood-Regisseur Hal Ashby hatte mit „Harold und Maude“, „Shampoo“, „Sie kehren heim“ und „Willkommen, Mr. Chance“ einige gute Filme gedreht. Das waren beeindruckende Dramen und Satiren, vulgo Charaktergeschichten, in denen der Plot eher zweitrangig ist und auch immer mehr oder weniger viel improvisiert wurde (Oliver Stone war von dieser Bearbeitung seines Drehbuchs nicht begeistert.). Aber für einen gelungenen Detektivfilm ist das nicht unbedingt eine gute Visitenkarte und gerade in den Szenen zwischen Jeff Bridges (der Matt Scudder spielt) und Andy Garcia (der den Bösewicht spielt) wird diese Diskrepanz zwischen Drama und Krimi schmerzhaft deutlich. Sie machen sich minutenlang, wie zwei pubertierende Kinder, an, ohne dass es die Geschichte irgendwie voran bringt. Die wenigen Action-Szenen wurden von Ashby lieblos heruntergedreht. Und, als grotesken Höhepunkt gibt es in einer riesigen, leeren Lagerhalle einen Austausch von Drogen gegen eine Geisel, die eine minutenlange (gefühlt stundenlange) sinnentleerte Kreischorgie ist, die gerade wegen ihrer Absurdität einen gewissen Kultwert hat.

Dazu hat James Newton Howard einen Soundtrack geschrieben, der alle 80er-Jahre-Musikklischees in sich vereinigt und heute absolut unhörbar ist.

Auf der Haben-Seite kann „8 Millionen Wege zu sterben“ die Schauspieler (ein Film mit Jeff Bridges und Andy Garcia, in einer seiner ersten großen Rollen, kann nicht ganz schlecht sein) und die Außenaufnahmen und kleinen Szenen, die einen Eindruck von der Schattenseite Hollywoods, geben, verbuchen. Außerdem dürfte Ashbys Film einer der ersten Krimis gewesen sein, in der der Alkoholismus des Helden und die daraus entstehenden Probleme, wichtig für die Geschichte waren.

Dennoch ist Ashbys letzter Kinofilm, auch ohne die Kenntnis der mit dem Shamus Award ausgezeichneten Vorlage, ein Film der verschenkten Möglichkeiten.

8 Millionen Wege zu sterben (Eight million ways to die, USA 1986)

Regie: Hal Ashby

Drehbuch: Oliver Stone, David Lee Henry, Robert Towne (ungenannt)

LV: Lawrence Block: Eight million ways to die, 1982 (Viele Wege führen zum Mord)

mit Jeff Bridges, Rosanna Arquette, Andy Garcia, Alexandra Paul, Randy Brooks, Lisa Sloan

DVD

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Italienisch

Extras: Deutscher Trailer, Bildergalerie, Wendecover

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „8 Millionen Wege zu sterben“ (deutsch, englisch)

Propellerinsel (tkl) über „8 Millionen Wege zu sterben“

Ikonenmagazin: Marcus Stiglegger über „8 Millionen Wege zu sterben“

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Lawrence Block in der Kriminalakte

Senses of Cinema: Darren Hughes über Hal Ashby

Images Journal über Hal Ashby

Indiewire: Oliver Lyttelton über die Filme von Hal Ashby (6. Mai 2011)

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2 Responses to DVD-Kritik: Über Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“

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