Kurzkritik: Die „Losers“ kämpfen am „Pass“

Juni 30, 2011

Der dritte „Losers“-Sammelband „Der Pass“ von Autor Andy Diggle und Zeichner Jock (der hier teilweise den Zeichenstift abgab), über eine Spezialeinheit der US-Army, die von ihren Arbeitgebern verraten wurde und die sich jetzt für den Verrat rächen will, besteht aus drei kürzeren Geschichten, von denen nur „Scheich dich!“ unmittelbar an den zweiten „Losers“-Sammelband „Die Insel“ anknüpft. In „Boomerang“ erfahren wir etwas über Aisha, das neueste Mitglied der Losers, und in „Der Pass“ wird der Einsatz geschildert, der dazu führte, dass 1998 aus einer Spezialeinheit des US-Militärs die „Losers“ wurden, sie offiziell für tot gelten und Clay, Jensen, Pooch und Cougar sich an ihren vorherigen Arbeitgebern, die sie während eines Einsatzes ermorden wollten, rächen wollen. Den Befehl dafür gab Max, ein geheimnisvoller Strippenzieher, den niemand kennt. Dieser Max scheint seine Hände in jedem schmutzigen Geschäft der vergangenen Jahrzehnte zu haben. Bei ihrer Jagd nach Max erfahren die „Losers“, dass sich dabei um eine CIA-Tarnidentität handelt, die offiziell nicht mehr benutzt wird.

Auch, oder gerade weil Andy Diggle und Jock, sich in „Der Pass“ Zeit nehmen im Rahmen von actionhaltigen Geschichten, wie einer Gefangenenbefreiung und einem Einsatz in Pakistan, mehr über die einzelnen Charaktere zu erzählen, macht der dritte „The Losers“-Sammelband als kleiner Schritt vom Wege Spaß.

Und wer die kurzweilige Verfilmung „The Losers“ von Sylvain White mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba und Columbus Short kennt, kann sehen, wie die Entstehungsgeschichte der Losers von Pakistan (im Buch) nach Südamerika (im Film) verlegt wird, aber die wichtigsten Punkte der Geschichte erhalten blieben.

Andy Diggle (Autor)/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza (Zeichner): The Losers: Der Pass – Band 3

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2011

172 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

The Losers 13 – 19

Vertigo/DC Comics 2005

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Bonusmaterial


TV-Tipp für den 30. Juni: Al Di Meola

Juni 30, 2011

MDR, 23.05

Al Di Meola

Ein Mitschnitt von einem Konzert, das Jazzgitarrist Al Di Meola mit dem „Al Di Meola Project“ (jaa, Jazzer sind oft etwas einfallslos bei ihren Bandnamen) 1988 in Ostberlin gab und das zuletzt vollständig vor 23 Jahren im TV gezeigt wurde.

Hinweise

Homepage von Al Di Meola

Wikipedia über Al Di Meola (deutsch, englisch)

MDR über die Sendung


DVD-Kritik: Takashi Miike goes Samurai mit „13 Assassins“

Juni 29, 2011

Wahrscheinlich haben sogar beinharte Takashi-Miike-Fans nicht alle seine Filme gesehen. Denn der ultraproduktive Regisseur drehte in den vergangenen zwanzig Jahren 85 Filme. Dabei ist, so die IMDB, ein Film in der Postproduktion und zwei werden gerade gedreht. Und, auch wenn es, wenigstens bei seinen bekanntesten Filmen, wie „Dead or Alive“ oder „Ichi, der Killer“, eine spürbare Lust nach ultrabrutaler, grotesk übersteigerter Comicgewalt gibt, hat er mit ruhigen Filmen, wie „Audition“, auch andere Seiten gezeigt. Sowieso hat er sich nie auf ein Genre festgelegt. Wobei wir vor allem seine Kriminal- und Horrrorfilme kennen. Immerhin liefen einige sogar im Kino und etliche wurden auf DVD veröffentlicht.

Auch sein halbwegs neuester Film „13 Assassins“ erlebt bei uns nur eine DVD-Premiere; was schade ist, weil der japanische Kinohit bildgewaltig eine Samurai-Geschichte erzählt, die, wie es so schön heißt, auf wahren Ereignissen beruht.

1844 wird der Samurai Shinzaeman vom Ältestenrat beauftragt Lord Naritsugu, den Halbbruder des Shogun und Anwärter auf einen Sitz im Rat, zu ermorden. Das ist, weil Lord Naritsugu als Verwandter des Shogun zu den Unberührbaren gehört, eine ungeheuerliche Intrige, aber Lord Naritsugu ist ein durchgeknallter Psychopath, dem es Spaß macht, Menschen zu demütigen, foltern und zu ermorden und der, wenn er an der Macht ist, aus reiner Lust am Kampf das Land in einen Krieg stürzen wird.

Shinzaeman sammelt eine kleine Gruppe von Samurais um sich und in einem Hinterhalt fordern sie, die titelgebenden „13 Assassins“ (auf deutsch „13 Attentäter“), Lord Naritsugu und seine Armee zum Kampf heraus.

13 Assassins“ ist ein sich am klassischen Abenteuerfilm orientierendes Samurai-Abenteuer. Entsprechend klar unterscheiden sich die Guten und die Bösen. Lord Naritsugu kann es in Punkto Bosheit mit jedem James-Bond- oder Hollywood-Bösewicht aufnehmen. Die Samurai sind tapfer bis über die Selbstaufgabe hinaus. Sonst würden sie auch nicht bei dieser Selbstmordmission mitmachen. Es gibt den klassischen Comic Relief, der als Witzbold immer das letzte Wort hat.

Vor allem bei dem fast fünfzigminütigem Schlusskampf gibt es heftige, gut choreographierte Schwertkämpfe und das alles wird von Takashi Miike angenehm unblutig (jedenfalls im Vergleich zu einigen seiner anderen Werke) inszeniert. „13 Assassins“ ist zwar kein Film für die ganze Familie, aber die halbe Familie darf schon zusehen und sich an Filme wie Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ (ohne je dessen philosophische Tiefe zu erreichen) erinnern. Außerdem, was das Retro-Feeling unterstützt, hat Miike „13 Assassins“ auch klassisch inszeniert. Da gibt es kein modisches Geruckel, keine Wackelkamera und keine Zehntelsekundenschnitte. Stattdessen Panoramaaufnahmen von der Landschaft und dem Dorf, in dem der Kampf stattfindet, und ruhige Einstellungen bei den Gesprächen im Rat und wenn Shinzaeman die Samurais rekrutiert.

Takashi Miike passt halt seinen Stil dem Genre und der Geschichte an. Und „13 Assassins“ ist eben klassisches Abenteuerkino mit einem überlebensgroßem Bösewicht, einer Armee ihm treu ergebener Untertanen und ebenso überlebensgroßen tapferen Kämpfern für die gerechte Sache. Das ist ziemlich unterhaltsam, aber auch arg vorhersehbar.

Oh, „13 Assassins“ ist auch ein Remake von einem Samurai-Film von 1961, der jetzt auch auf DVD veröffentlicht wurde.

Auf der sehr dürftig ausgestatteten DVD sind die „Internationale Fassung“ und einige Trailer.

13 Assassins (Jûsan-nin no shikaku, Japan 2010)

Regie: Takashi Miike

Drehbuch: Daisuke Tengan (nach einem Drehbuch von Kaneo Ikegami)

mit Kôji Yakusho, Takayuki Yamada, Yûsuke Iseya, Gorô Inagaki, Masachika Ichimura, Mikijiro Hira, Hiroki Matsukata, Ikki Sawamura, Arata Furuta, Tsuyoshi Ihara

DVD

Ascot-Elite

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Japanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Deutscher Trailer, Promotrailer, Wendecover (Die angekündigten „Deleted Scenes“ habe ich nicht gefunden.)

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Japanische Homepage zum Film (englische Version)

Amerikanische Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Wikipedia über „13 Assassins“

Schnittberichte: Vergleich Internationale – Japanische Fassung


DVD-Kritik: Der grandiose Director’s Cut von „Carlos – Der Schakal“

Juni 29, 2011

Von Olivier Assayas Biopic „Carlos – Der Schakal“ war ich vor etwas über einem halben Jahr begeistert. Ich kannte zwar nur die dreistündige Kinoversion und nicht die fast doppelt solange TV-Version, aber ich sah mir den Film zweimal an.

Entsprechend neugierig war ich jetzt auch auf die 330-minütige TV-Version, aus der Assayas die kürzere Kinoversion destillierte. Es waren, wie bei Wolfgang Petersens Kriegsfilm „Das Boot“ von Anfang an, mehrere Versionen geplant. Insofern ist dieser „Director’s Cut“ auch kein normaler „Director’s Cut“ sondern ein eigenständiges, aus drei Teilen bestehendes Werk.

Im ersten Teil zeichnen Assayas, der auch das Drehbuch schrieb und sein Co-Autor Dan Franck den Aufstieg von Ilich Ramirez Sánchez zum bekannten Terroristen Carlos (grandios verkörpert von Édgar Ramirez in der Rolle seines Lebens; jedenfalls bis jetzt) nach. Er beginnt mit dem Einstieg von Carlos in die „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP) und endet kurz vor dem Beginn seiner bekanntesten Aktion: der Geiselnahme der OPEC-Minister in Wien.

Im zweiten Teil wird dann, wie im Kinofilm, diese Geiselnahme und die anschließende Flucht im Flugzeug detailliert über fast eine Stunde nachgezeichnet. Danach ist Carlos auf dem Höhepunkt seines Ruhms, er hat Ärger mit Wadi Haddad (dem Anführer der PFLP) und Carlos versucht, nachdem Haddad ihn aus seiner Gruppe verstößt, eine eigene Gruppe zu gründen. Der zweite Teil endet mit Haddads Tod und der ersten Begegnung von Carlos und Magdalena Kopp.

Im dritten Teil steht dann die Liebe zwischen Carlos und Magdalena im Mittelpunkt. Gleichzeitig versucht er weiterhin seine Gruppe aufzubauen und er wird zunehmend zu einem Spielball der Geheimdienste.

Dieser dritte Teil war mir in der Kinoversion zu hektisch und ohne roten Faden. Schon damals vermutete ich, dass Assayas hier viel geschnitten hatte. So war es auch. Es gibt zwar im ersten Teil noch weitere Aktionen, wie die Geiselnahme der Japanischen Roten Armee in Den Haag und die beiden, eher komödiantischen und, zum Glück, missglückten Panzerfaust-Anschläge auf El-Al-Maschinen auf dem Pariser Flughafen Orly. Aber diese Unterschiede fallen kaum ins Gewicht. Ebenso die wenigen Ergänzungen im zweiten Teil. Im dritten und längsten Teil des Biopics gibt es dann viele neue Szenen und damit einen neuen und viel besseren dritten Teil, der jetzt genau die Kohärenz hat, die dem Abstieg von Carlos in der Kinoversion fehlte.

Deshalb sollte jeder, der bislang nur die Kinoversion kennt, sich unbedingt den viel besseren Director’s Cut ansehen.

Und wer die lange Version kennt, kann dann auf die gekürzte Version verzichten. Ihr fehlt dann doch der Reichtum der langen, mit dem Golden Globe als beste Miniserie ausgezeichneten Version.

Carlos – Der Schakal (Carlos, Frankreich/Deutschland 2010)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck

mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Aljoscha Stadelmann, Jule Böwe, Ahmat Kaabour, Udo Samel

DVD

Warner Home Video

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch, Originalfassung (Französisch, Spanisch, Englisch, Arabisch)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Édgar Ramirez (auf deutsch), Nora von Waldstätten, Christoph Bach, Alexander Scheer, Olivier Assayas (auf englisch), zwei Kinotrailer, zwei TV-Spots

Länge: 330 Minuten (Director’s Cut), 180 Minuten (Kinofassung)
FSK: ab 16 Jahre

(Blu-ray identisch)

Die Kinofassung kann auch als Single-Disc-Edition gekauft werden. Aber das wäre Geldverschwendung.

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Carlos“

Wikipedia über Illich Ramirez Sánchez (Carlos) (deutsch, englisch)

The Crime Library: Patrick Bellamy über Carlos

Meine Besprechung der Kinofassung von „Carlos – Der Schakal“

Nachtrag 21. Juli 2011: Schnittberichte: Vergleich Kinofassung – Director’s Cut


TV-Tipp für den 29. Juni: Kopf der Woche: Dracula

Juni 29, 2011

 

ZDFkultur, 20.15

Kopf der Woche: Dracula

Das nenne ich einen ausgewachsenen Themenabend: bis Mitternacht gibt es Information über Graf Dracula und den Vampirismus:

20.15 Uhr: Dracula – Pages From A Virgin’s Diary (Tanzfilm von Guy Maddin nach dem Roman von Bram Stoker, Can 2002)

21.30 Uhr: Twilight Fieber (D 2010, Regie: Martin Uhrmeister)

22.30 Uhr: Heiliges Blut – Blutige Begierde (D 2001, Regie: Thomas Schmitt)

23.20 Uhr: True Horror: Dracula (GB 2009)

und danach kommt vielleicht eine Fledermaus in unser Schlafzimmer geflogen.

Hinweise

ZDFkultur über „Kopf der Woche: Dracula“

Wikipedia über Dracula


Cover der Woche

Juni 28, 2011


TV-Tipp für den 28. Juni: Schmalspurganoven

Juni 28, 2011

RBB, 22.30

Schmalspurganoven (USA 2000, R.: Woody Allen)

Drehbuch: Woody Allen

Ray will eine Bank ausrauben. Zusammen mit seinen dämlichen Kumpels graben sie von ihrem Tarngeschäft aus einen Tunnel in die Bank, während Rays Frau in dem Tarngeschäft selbstgebackene Kekse verkauft und sie sich vor Kunden nicht retten kann. Ray und seine Gang sind dagegen nicht so erfolgreich.

Mal wieder ein Krimi von Woody Allen; oder doch eine Komödie? In jedem Fall ein Woody-Allen-Film.

Die ‚Schmalspurganoven‘ schulden der europäischen Tradition absolut nichts – der Film hat seine Vorbilder eher in den Komödien der 30er Jahre, deren Plots und Figuren genau so naiv dahergekommen sind. Was damals natürlich viel besser funktionierte.“ (Claudius Seidel, SZ, 4. Dezember 2000)

mit Woody Allen, Tracey Ullman, Hugh Grant, Tony Darrow, George Grizzard, Elaine May, Michael Rapaport

Hinweise

Wikipedia über „Schmalspurganoven“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Kriminalakte über Woody Allen

 


DVD-Kritik: Der brutale Western „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Juni 27, 2011

Als „härtester Western der Geschichte“ ging Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ in die Filmgeschichte ein. Damals konnte und sollte das Massaker am Filmende nur als Allegorie auf das Wüten der amerikanischen Soldaten in Vietnam gesehen werden und, ebenfalls konform zum Zeitgeist, als Abrechnung mit der amerikanischen Geschichte, ihrem Umgang mit den Ureinwohnern und auch, wenn auch in geringerem Umfang, als Verklärung des Lebens der Indianer als edle, friedliebende Wilde in der freien, schönen Natur (Sehen Sie sich nur die ersten Minuten an: während Buffy Sainte-Marie „Soldier Blue“ singt, gibt es atmosphärische Landschaftsbilder und, mit dem Ende des Songs, das Bild von einer Horde verdreckter, müder und schwitzender Soldaten, die ohne Uniform Filmschurken wären).

Heute sind die Vietnam-Referenzen weniger deutlich, aber dafür können wir an Afghanistan denken.

Außerdem fällt aus heutiger Sicht die Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen auf. Candice Bergen („Boston Legal“ für die Jüngeren; die Älteren kennen sie ja noch von früher) spielt Cresta Lee, eine New Yorkerin, die zwei Jahre Gefangene der Cheyenne und auch die Frau des Häuptlings Gefleckter Wolf war, und jetzt wieder zu den Weißen (und ihrem neuen Mann, einem Soldaten) zurückkehren will. Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter der US-Army überleben nur sie und Honus Gant (Peter Strauss in seinem zweiten Film und seiner ersten Hauptrolle), ein wahres Greenhorn vor dem Herrn und überheblicher Hasenfuß, der selbstverständlich alles besser weiß, aber in der Wildnis keinen halben Tag überleben würde. Lee kennt sich dagegen in der Wildnis aus und sie übernimmt ohne zu zögern die Initiative. Gant stolpert dagegen von einem Ungeschick ins nächste und er ist extrem schüchtern und verklemmt.

Der gesamte Mittelteil des Films schildert dann die beschwerliche Reise von Cresta Lee und Honus Gant durch die Wildnis zum Lager der Soldaten und wie die beiden sich auf dem Marsch durch die Wildnis näherkommen und – Überraschung! – auch ineinander verlieben.

Das erzählt der TV-Routinier Nelson in seinem bekanntestem Film energisch, ohne Durchhänger und mit einer ordentlichen Portion Humor, der manchmal etwas von einer Screwball-Comedy hat.

Diese vergnügliche Liebesgeschichte hängt aber dramaturgisch in der Luft, weil sie mit dem Massaker am Anfang wenig und dem am Ende nichts zu tun hat. In ihr geht es halt nicht um das Verhältnis von Weißen zu Indianern, sondern von Frauen zu Männern und um die Beziehung von einem Greenhorn zu einer Person, die den Wilden Westen wie ihre Westentasche kennt und das Greenhorn durch die Wildnis schleppen muss. Dass sie außerdem eine Frau ist, steigert nur – zu unserem Vergnügen – die Minderwertigkeitskomplexe des Greenhorns.

In den letzten zwanzig Minuten des Western zeigt Nelson dann seine Version des historisch verbürgten Massakers am Sand Creek, Colorado. Am 29. November 1864 schlachtete eine 700 Mann starke Einheit der US-Kavallerie über 500 Indianer, mehr als die Hälfte Frauen und Kinder, und skalpierte über 100 Männer, die sich vor dem Kampf ergeben hatten, bestialisch ab. Die Bilder von Soldaten, die Frauen vergewaltigen und erschießen, Kinder erschießen, Arme abhacken, Wehrlose köpfen, aufschlitzen, erschießen, pfählen und zum Ausbluten aufhängen, beunruhigen immer noch. Nicht weil sie so drastisch sind. Da haben moderne Horrorfilme mehr zu bieten. Es ist die in den Bildern spürbare Wut, Empörung und Hilflosigkeit über das barbarische Verhalten der Soldaten die wehrlose, friedfertige Menschen töten und die Beiläufigkeit, in der es gezeigt wird. Fast als habe ein Reporter einfach mit seiner Kamera draufgehalten und die besten Bilder ausgewählt. In diesen Minuten ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ gar nicht so weit von damals zeitgenössischen Horrorfilmen, wie „Die Nacht der lebenden Toten“ und „The Texas Chainsaw Massacre“, die ebenfalls Allegorien auf den Vietnam-Krieg sind, Jedes Bild fragt, warum wir die Weißen für die Guten halten sollen.

Allerdings werden die Indianer erst am Ende des Films als hilflose Unschuldslämmer gezeigt. Am Anfang, wenn sie aus heiterem Himmel den gut geschützten Geldtransport überfallen und alle Soldaten töten und skalpieren, sind sie die Bösewichter und man kann die Empörung von Gant über das Ermorden seiner Kompanie verstehen. Dass die Indianer den Transport, wie ihm Cresta Lee erklärt, nur überfallen haben, um sich Geld für Waffen zu besorgen und sie das Skalpieren vom weißen Mann gelernt haben, ist in diesem Moment nur die Behauptung einer Frau, die aus der Sicht von Gant, viel zu lange unter Indianern lebte und eine Verräterin ist. Dennoch sind die Indianer jetzt als Bösewichter eingeführt, gegen die Lee und Gant sich auf ihrem Fußmarsch durch die Wildnis verteidigen müssen.

Und ohne das Massaker am Ende, das wie angeklebt wirkt, um dem Film eine sofort erkennbare gesellschaftspolitische Relevanz zu verschaffen, wäre „Das Wiegenlied vom Totschlag“ nur ein weiterer 08/15-Western. Vergnüglich, unterhaltsam, aber nicht weiter aufregend und wahrscheinlich schon lange ebenso vergessen wie die anderen Filme von Ralph Nelson.

Insofern ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ sehenswert als historisches Dokument, wegen des drastischen Massakers (das, obwohl die Soldaten in Wirklichkeit viel schlimmer gewütet haben sollen, allerdings einen stark spekulativen Charakter hat und sicher haben die Macher beim Dreh auch die Kinokasse im Blick gehabt) und der schön erzählten Liebesgeschichte. Aber „Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist kein Klassiker. Dafür klaffen die formale Gestaltung, die erzählte Geschichte, der implizit formulierte Anspruch eine Anklage gegen die US-Regierung zu sein und die Durchführung zu weit auseinander.

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

Blu-ray

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (1080/24p Full HD)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch (Mono DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch, Dänisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Cinema Retro über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Ikonen über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Nothing is written mag „Das Wiegenlied vom Totschlag“ überhaupt nicht

DVD Talk: Paul Mavis über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Bonus (das bekanntere Plakat/DVD-Cover)


TV-Tipp für den 27. Juni: Gran Torino

Juni 27, 2011

ZDF, 22.15

Gran Torino (USA 2008, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang letzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch einige weitere Filme, der nächste, „J. Edgar“, wird gerade geschnitten und das Biopic über den FBI-Chef J. Edgar Hoover soll am 16. Februar 2012 bei uns anlaufen. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über „Gran Torino“ (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter“

Clint Eastwood in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 26. Juni: Columbo: Der Tote in der Heizdecke

Juni 26, 2011

Super RTL, 22.15

Columbo: Der Tote in der Heizdecke (USA 1993, R.: Vincent McEveety)

Drehbuch: Peter Falk

Erfinder: Richard Levinson, William Link

Lauren (Faye Dunaway) bringt ihren fremdgehenden Liebhaber um und verschafft sich ein perfektes Alibi. Aber sie hat nicht mit Lieutenant Columbo gerechnet.

Eine ungewöhnliche Episode: Peter Falk schrieb das Drehbuch (sein einziges) und Faye Dunaway erweist sich als echte femme fatale, die Columbo so heftig umgarnt, dass der dabei anscheinend seine detektivischen Fähigkeiten verliert. Der Lohn waren drei Golden-Globe-Nominierungen und ein Emmy für Faye Dunaway.

Der Tote in der Heizdecke“ gehört zu den besseren der späten Columbo-Fälle, die ab 1989, nach einer elfjährigen Pause, entstanden.

Super RTL zeigt an den kommenden Sonntagen weitere „Columbo“-Filme.

mit Peter Falk, Faye Dunaway, Claudia Christian, Armando Pucci, Bill Macy, John Finnegan

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

The Museum of Broadcast Communications über “Columbo”

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Mein Nachruf auf Peter Falk


R. i. P. Newton Thornburg, Peter Falk

Juni 25, 2011

 

Newton Thornburg (Harvey, Illinois, 13, Mai 1929 – Bothell, Washington, 9. Mai 2011)

Via The Rap Sheet habe ich erfahren, dass Newton Thornburg bereits am 9. Mai gestorben ist. Am bekanntesten ist sein 1976 erschienener Roman „Cutter and Bone“, der damals wegen seiner literarischen Qualitäten im Rahmen einer spannend erzählten Genregeschichte (also kein „literarischer Kriminalroman“) gelobt wurde.

George Pelecanos sagt: „There are very few novels, in fact, that have rocked my world to the degree that ‚Cutter and Bone‘ did the first time I read it.“

Heute ist das Buch vor allem als die Vorlage für den Film „Bis zum bitteren Ende“ (Cutter’s Way, USA 1981) von Ivan Passer mit Jeff Bridges, John Heard, Lisa Eichhorn und Stephen Elliott bekannt. Jeffrey Alan Fiskins Drehbuch erhielt den Edgar und inzwischen ist der Krimi ein kleiner Klassiker.

Nach einem Schlaganfall 1998 konnte Thornburg keine weiteren Bücher mehr schreiben und er verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Danach unterhielten sich Bob Cornwell (Tangled Web) und Santa Barbara Independent mit ihm.Einen Nachruf gibt es im Guardian.

Peter Falk (New York City, New York, 16. September 1927 – Beverly Hills, Kalifornien, 23. Juni 2011)

Lieutenant Columbo ist tot.

Neben dieser Rolle, die Peter Falk erstmals 1968 in dem TV-Film „Mord nach Rezept“ (Prescription: Murder) spielte und ab 1971 in der „Columbo“-Serie fast siebzigmal bis 2003 verkörperte, spielte er auch in zahlreichen kleinen Filmen, wie „Ehemänner“ (Husbands, USA 1970) und „Eine Frau unter Einfluss“ (A woman under the influence, USA 1974), beide inszeniert von seinem Freund John Cassavetes (ein weiterer Grenzgänger zwischen klassischem Hollywood- und radikalem Independent-Kino), Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ (D 1987), und, nun, normalen Hollywood-Filmen, wie „Eine Leiche zum Dessert“ (Murder by Death, USA 1976), „Das große Ding bei Brinks“ (The Brink’s Job, USA 1978) und „Die Braut des Prinzen“ (The Princess Bride, USA 1987), mit. Peter Falks letzter Filmauftritt war 2009 in der schwarzen Komödie „American Cowslip“.

Aber er wird immer der scheinbar trottelige Lieutenant Columbo bleiben, der mit seiner Schusseligkeit, seinen schlecht sitzenden Kleidern und „Eine Frage hätte ich noch“ die von ihrem Status, ihrem Geld und ihrer Macht überheblich gewordenen Mörder fängt. Insofern sind die „Columbo“-Filme Klassenkampf.

Nachrufe gibt es bei Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Washington Post, L. A. Times, New York Times und im Rap Sheet.

Und Super RTL zeigt am Sonntag, den 26. Juni, um 22.15 Uhr die für drei Golden Globes nominierte Columbo-Folge „Der Tote in der Heizdecke“ (USA 1993). Peter Falk schrieb das Drehbuch, Faye Dunaway (die einen Emmy für ihre Rolle erhielt) ist der Bösewicht und Columbo hat da noch eine Frage.

 


TV-Tipp für den 25. Juni: Erbarmungslos

Juni 25, 2011

RBB, 23.55

Erbarmungslos (USA 1992, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: David Webb Peoples

Wyoming, 1880: Als der ehemalige Revolverheld William Munny erfährt, dass die Huren von Big Whiskey ein Kopfgeld von 1000 Dollar auf zwei Cowboys aussetzten, die eine von ihnen verstümmelte, schnallt er wieder seinen Colt um. Denn er braucht das Geld für sich und seine beiden Kinder; – auch wenn er es mit zwei Gefährten teilen muss.

„‘Erbarmungslos’ ist offensichtlich ein feinfühlig gemachter und ausbalancierter Film, und, wenn man seine Einsichten in die menschliche Natur bedenkt, so düster, wie ein Genrefilm überhaupt nur sein kann. Aber er präsentiert sich nicht finster, was er teilweise seinen Autoren verdankt. (…) Abgesehen von ‘revisionistisch’ , war das von den Kritikern am häufigsten verwendete Wort ‘Meisterstück’.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)

„ein vorzüglicher Spätwestern, der wie seit Peckinpahs ‘The Wild Bunch’ nicht mehr verstört.“ (Fischer Film Almanach 1993)

„Erbarmungslos“ erhielt vier Oscars, unter anderem als bester Film. Clint Eastwood erhielt für seine Regie und sein Spiel zahlreiche Preise und Nominierungen.

Das Drehbuch war für den Edgar, Oscar, Golden Globe und WGA Award nominiert und erhielt von den Western Writers of America den Spur Award als bestes Western-Drehbuch.

Außerdem erhielt „Erbarmungslos“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards.

Bei Rotten Tomatoes liegt der Frischegrad für diesen Western bei 96 Prozent.

Auf einer 2008 veröffentlichten Liste der zehn besten Western setzte das American Film Institute „Erbarmunglos“ auf den vierten Platz.

mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Francis Fisher, Jeremy Ratchford

Hinweise

Wikipedia über „Erbarmungslos“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples (Production Draft Sript, 23. April 1984)

epd Film: Rudolf Worschech über Clint Eastwood (2010)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


DVD-Kritik: David Lynch auf der „Lost Highway“

Juni 24, 2011

 

Im Rückblick war „Lost Highway“ der letzte große Film von David Lynch. Danach drehte er das für ihn absolut untypische Drama „The Straight Story“ (ein schöner Film, aber wirklich nicht das, was wir bei David Lynch erwarten), das als TV-Serie geplante, dann als Kinofilm realisierte „Mulholland Drive“ (was man beim Sehen auch bemerkte; außerdem kopierte Lynch schamlos die Struktur von „Lost Highway“), viele Kurzfilme, das als Spielfilm unansehbare „Inland Empire“ (als Kurzfilm-Compilation oder Kunstinstallation vielleicht okay, aber drei Stunden im Kino?) und, auch hier in Berlin, seltsame Auftritte.

Aber ist „Lost Highway“ vierzehn Jahre nach seiner Deutschlandpremiere, die am 10. April 1997 war, heute noch so faszinierend wie damals?

Machen wir den Test mit der neuen DVD-Ausgabe des Films, für die der Film auch geremastered wurde. Bild und Ton sind deutlich besser. Man sieht mehr Details, das Bild ist heller und die Farben sind auch natürlicher. Während man bei der alten DVD bei den Nachtaufnahmen fast nichts erkannte, sieht man bei der neuen DVD die Details sehr deutlich.

Das Bonusmaterial der neuen Ausgabe ist zwar etwas umfangreicher als bei der alten Veröffentlichung von Universum Film, aber immer noch kärglich. Damals gab es vier Interviewschnipsel mit Lynch und den Hauptdarstellern. Heute gibt es mehrere Ausschnitte aus dem Interview mit Lynch, die sich auf knappe fünf Minuten summieren. Dafür fehlen die anderen Interviews. Es gibt zehn Minuten Aufnahmen von den Dreharbeiten. Und den Trailer. Das war’s. Mehr wird nicht geboten.

Und jetzt zum Film, dessen Geschichte nicht wirklich nacherzählbar ist.

Nachdem David Lynch 1990 Barry Giffords Noir „Wild at heart“ verfilmte, schrieben sie für „Lost Highway“ gemeinsam das Drehbuch. In ihm geht es um einen eifersüchtigen Jazz-Musiker Fred Madison (Bill Pullman). Er und seine Frau Renee (Patricia Arquette) erhalten seltsame Briefe mit Videocassetten, auf denen Bilder von ihrem Haus aufgenommen wurden. Dieser unbekannte Beobachter bricht auch bei ihnen ein, filmt sie und schickt ihnen anschließend die Aufnahme. Die beiden Polizisten finden keine Spuren eines Einbruchs.

Nach dem Tod seiner Frau wird Madison zum Tode verurteilt. Immerhin existiert eine Videoaufnahme auf der man sieht, wie er sie im Schlafzimmer tötet. In der Todeszelle verwandelt er sich in einen anderen Mann. Aus Fred Madison wird Pete Dayton (Balthazar Getty). Die Polizei lässt Pete Dayton frei. Der junge Automechaniker kommt mit seinem Leben nach dieser seltsamen Erfahrung (denn auch für ihn ist unerklärlich, wie er in die Todeszelle kam) nicht mehr klar. Er verliebt sich in Alice Wakefield (Patricia Arquette), die Geliebte des Gangsters und Pornofilmproduzenten Mr. Eddy aka Dick Laurent (Robert Loggia). Aber in den ersten Minuten des Films sagte eine unbekannte Stimme Madison an der Sprechanlage seines Hauses, dass Dick Laurent tot sei. Und es gibt noch viel mehr Fragen, die sich im Lauf des Films stellen, ohne dass David Lynch und Barry Gifford sie im Film auch nur halbwegs beantworten. Denn egal welche Erklärung man sich zurechtbastelt, keine funktioniert wirklich. Wobei die Erklärung, dass Madison sich im Gefängnis in eine Fantasiewelt als junger Automechaniker flüchtet, trotz aller Fragen, noch die befriedigendste ist.

Aber Lynch und Gifford sind auch überhaupt nicht an einer stringenten, logischen Geschichte, in der am Ende alle wichtigen Fragen beantwortet sind, interessiert. In „Lost Highway“ folgen sie der Logik des Alptraums, aber ohne den absurden Humor von „Twin Peaks“ (der von David Lynch vorher inszenierten und produzierten TV-Serie). Auch ein geheimnisvoller Mann (Robert Blake in seiner bislang letzten Rolle), der dem Zwerg aus „Twin Peaks“ verdächtig gleicht, ist dabei und er bringt etwas von der irrealen „Twin Peaks“-Atmosphäre in den Film, in dem es nichts zu lachen gibt.

Denn „Lost Highway“ ist ernst, düster, fatalistisch und die Charaktere (vor allem der Protagonist Fred Madison) sind in ihren eigenen seelischen Gefängnissen gefangen. Entsprechend zäh, auch weil in etlichen Szenen nichts geschieht, ist „Lost Highway“ immer wieder. Gleichzeitig gibt es viele beeindruckende Szenen. Die erste Begegnung von Alice Wakefield, die in Mr. Eddys Auto sitzt, und Pete Dayton ansieht, während Lou Reeds „This magic moment“ erklingt. Wer da nicht an die Schwarze Serie denkt, muss noch einige Stunden in seine Filmbildung investieren. Oder Mr. Eddys Ausraster am Mulholland Drive oder die Begegnungen von Madison und dem geheimnisvollem Mann. Oder wenn Dayton während eines Einbruchs (der mit einem Mord enden soll) entdeckt, dass seine Freundin Alice Wakefield in einem Porno mitspielte und dazu die Teutonen-Rocker Rammstein „Heirate mich“ skandieren.

Sowieso ist der Soundtrack fantastisch. Denn David Lynch beauftragte damit, neben seinem Hauskomponisten Angelo Badalamenti, „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor, der damals mit „The downward spiral“ und seinem Soundtrack für Oliver Stones „Natural Born Killers“ everybody’s darling war. Auch für „Lost Highway“ stellte er eine gelungene Mischung aus bekannten Songs von ihm und anderen Musikern (allein schon die geniale Idee, den Film mit David Bowies „I’m deranged“ und den Bildern einer nächtlichen Autobahnfahrt zu beginnen, stimmt sofort auf die kommenden beiden Stunden ein) und neuen Stücken zusammen. Ohne die Musik, die die Bilder kongenial ergänzt und kommentiert, wäre „Lost Highway“ nur halb so gut.

Diese Mischung war damals sehr beeindruckend und sorgte für etliche Diskussionen. Heute wirkt einiges arg gekünstelt. Dennoch ist „Lost Highway“ immer noch ein faszinierender zwischen Hysterie und Langeweile pendelnder Alptraum. Ziemlich „deranged“ eben.

Lost Highway (Lost Highway, USA 1997)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford

mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler

DVD

Concorde Home Entertainment

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch(DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of (in Wirklichkeit ein „Behind the Scenes“), Interview mit David Lynch, Kinotrailer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(BluRay und DVD-Box [mit „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“] identisch)

Hinweise

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Deutsche David-Lynch-Seite

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über „The Straight Story“)

 


TV-Tipp für den 24. Juni: Der Manchurian Kandidat

Juni 23, 2011

Pro 7, 20.15

Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Wiederholung: Samstag, 25. Juni, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Manchurian Kandidat“

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)


Neu im Kino/Filmkritik: die rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“

Juni 23, 2011

Los Angeles ist eine große Stadt. Deshalb hat Mickey Haller (Matthew McConaughey) sich eines Tages entschlossen, seine Büroarbeit nicht mehr im Büro, sondern in einem Lincoln Town Car zu erledigen, während er sich von seinem Chauffeur (einem seiner Mandanten, der so seine Schulden abfährt) von einem Gerichtsort zum nächsten fahren lässt. Haller ist einer dieser unzähligen Strafverteidiger, die versuchen für ihre Mandanten vor Gericht das Beste herauszuholen. Dass seine Mandanten normalerweise schuldig und oft schlecht zahlende Stammkunden sind, gehört zum Geschäft. Ebenso dass er die Ermittlungsfehler der Polizei schamlos ausnutzt und versucht das Verfahren bereits vor dem ersten Verhandlungstag beizulegen. Er ist kein Großverdiener. Aber er kommt über die Runden und er hat auch zu seiner Ex-Frau immer noch ein gutes Verhältnis.

Als er den stinkreichen Schnösel Louis Roulet (Ryan Phillippe) verteidigen soll, freut er sich über das erkleckliche Honorar für den einfachen Fall. Roulet wird Vergewaltigung und versuchter Mord vorgeworfen. Haller und sein Ermittler, der Privatdetektiv Frank Levin (William H. Macy mit Hippie-Matte), finden schnell genug Indizien, die die Version der Staatsanwaltschaft erschüttern. Aber Roulet will vor Gericht gehen, damit die ganze Welt erfährt, dass er unschuldig ist.

Und Mickey Haller fragt sich, als er in alten Fällen stöbert, ob Roulet nicht doch schuldig ist (was, wie gesagt, für Haller kein großes Problem wäre), er in den vergangenen Jahren mehrere Frauen ermordete und Haller vor einigen Jahren Jesus Martinez (Michael Pena), der immer seine Unschuld beteuerte, für einen von Roulets Morden ins Gefängnis brachte.

Jetzt will Haller diesen Fehler korrigieren. Aber Roulet will ihn als Verteidiger behalten und Haller muss alles, auch seine Zulassung, riskieren.

Bereits die Titelsequenz (Ja, es gibt endlich mal wieder eine Titelsequenz!) deutet an, wohin die Reise geht: ins Hollywoodkino alter Schule, als dort Filme für Erwachsene gemacht wurden, die an einem Samstagabend niveauvoll unterhalten werden wollen. „Der Mandant“ erinnert an das heute kaum noch vorhandene Hollywood-Kino der siebziger Jahre, an Filme wie „Die drei Tage des Condor“, „Die Unbestechlichen“, „Zeuge einer Verschwörung“ und „Hundstage“. Spannende Unterhaltung, bei der man sein Hirn nicht ausschalten muss. Die Regie ist straff. Das Drehbuch hat die Vorlage geschickt für die Leinwand adaptiert, ohne der Vorlage bis auf’s Komma zu folgen. Das taten zuletzt, mit wechselndem Erfolg, aber auch begleitet von der Frage, warum man sich einen Film ansehen soll, wenn man doch bereits die Vorlage gelesen hat, „The Killer inside me“ und „True Grit“. Regie und Kamera haben ungewöhnliche Bilder von Los Angeles eingefangen. Die Schauspieler sind glaubwürdig in ihren Rollen und Matthew McConaughey ist Mickey Haller. Denn danach wird es einem, auch bei der Lektüre von Connellys grandiosen Romanen, schwerfallen, ein anderes Gesicht als das von Matthew McConaughey als leicht zwiespältigen, aber letztendlich sympathischen Strafverteidiger Mickey Haller zu sehen.

Brad Furmans spannender Old-School-Thriller ist eine eigenständige Version von Michael Connellys Roman. Und wer bis jetzt den grandiosen Justizthriller „Der Mandant“ noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt und ganz schnell ändern.

Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: John Romano

LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)

mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Länge: 119 Minuten


Die Vorlage

Michael Connelly: Der Mandant – Der Roman zum Film

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2011

544 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2007

Originalausgabe

The Lincoln Lawyer

Little, Brown and Company, 2005

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mandant“

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“

 

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Michael Connelly in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. Juni: Brügge sehen…und sterben?

Juni 22, 2011

 

ARD, 22.45

Brügge sehen…und sterben? (B/GB 2008, R.: Martin McDonagh)

Drehbuch: Martin McDonagh

Die Profikiller Ray und sein väterlicher Freund Ken sollen nach einem leicht missglückten Mord an einem Priester für einige Tage in Brügge untertauchen. Schnell verwandeln sie die friedliche Stadt in eine Kampfzone. Denn: „Shoot first. Sightsee later.“

Grandiose, mit dem Edgar ausgezeichnete schwarze Komödie

Mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Clémence Poésy, Zeljko Ivanek, Ciarán Hinds

Hinweise

Britische Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Brügge sehen…und sterben?“

Filmstew: Interview mit Martin McDonagh

IndieWire: Interview mit Martin McDonagh

Collider: Interview mit Martin McDonagh und Colin Farrell

Time porträtiert Martin McDonagh

New York Times ebenso

 

 


Kurzkritik: Birgit Lautenbach/Johann Ebend: Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi

Juni 22, 2011

Erinnern Sie sich an den Auftritt des Kinderchores, bei dem alle Noten da waren, nur nicht in der richtigen Reihenfolge? Nun, bei „Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi“ geht es einem ähnlich. Es ist alles da, aber nichts stimmt. Naja, die Länge ist okay.

Aber der Rest? Da wird auf der kleinen Ostsee-Insel Hiddensee ein Baby entführt. Die beiden Inselpolizisten rufen Hilfe vom Festland, die Insel wird auf den Kopf gestellt und selbstverständlich findet einer der beiden Inselpolizisten dann auch das Baby. Aber wie es dazu kommt ist ganz schlecht mit Kommissar Zufall und einem dieser Alleingänge, die Polizisten in schlechten Krimis immer machen müssen, zusammenfantasiert.

Dabei hätte aus „Hühnergötter“ ein guter Krimi und eine feine Sozialstudie werden können, wenn, ja wenn das Autorenduo recherchiert hätte, wie die Polizei ein auf einer Insel verschwundenes Kind sucht, die Charaktere schärfer gezeichnet wären, die Kindesentführerin ein Gesicht und gute Gründe für ihr Tun bekäme, die Eltern des Babys mehr als Abziehbilder wären, die Inselpolizisten (die ja in weiteren Büchern ermitteln) gute Auftritte bekämen, das Verhältnis von Haupt- und Nebencharakteren geklärt wäre (im Moment sind alle irgendwie gleich unwichtig), es einen stringenten Plot (und keine Ansammlung zusammenhangloser Szenen) gäbe und, immerhin ist „Hühnergötter“ von seiner Struktur her ein Thriller, es spannend wäre.

Aber auch dann stünde man noch vor der Frage, warum jemand auf einer Insel, von der er nicht flüchten kann, ein Baby entführen sollte. Das klingt doch sehr nach dem Wunsch des Autorenduos Birgit Lautenbach und Johann Ebend, das sich so oft wie möglich auf Hiddensee aufhält, einfach eine Geschichte auf Hiddensee spielen zu lassen und, weil Krimis halt gut laufen, diese Liebeserklärung in einen Krimi mit einem möglichst spektakulärem Fall packt.

Entstanden ist so ein biederer Krimi, der von ebenso biederen TV-Krimis inspiriert (deutsche natürlich, britische und amerikanische TV-Krimis ignoriert man ja, weil die erstens schlecht sind und zweitens sowieso nicht in Deutschland spielen können) und, trotz der wenigen Seiten, verquast ist. Aber der Untertitel „Ein Hiddensee-Krimi“ ist ja ein deutlicher Hinweis auf die anvisierte Käuferschaft.

Birgit Lautenbach/Johann Ebend: Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi

(durchgesehene Neuveröffentlichung)

Goldmann, 2011

160 Seiten

7,99 Euro

Erstausgabe

Prolibris Verlag, 2005

Hinweis

Alligatorpapiere: Befragung von Birgit Lautenbach und Johann Ebend

 


TV-Tipp für den 22. Juni: Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Juni 22, 2011

BR, 23.40

Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (USA/F 2005, R.: Tommy Lee Jones)

Drehbuch: Guillermo Arriaga

Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.

Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.

Der Film ist Tommy Lee Jones’ bislang einziger Kinofilm.

mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“

Unionsverlag über Guillermo Arriaga


DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Juni 21, 2011

Wie sehr hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Michael Winterbottom, produktiver Kritikerliebling und eloquenter Springer zwischen allen Stilen und Genres, verfilmt nach einem Drehbuch von John Curran den Noir-Klassiker „The Killer inside me“ von Jim Thompson, der in USA inzwischen fast gottgleichen Status genießt. Die Besetzung mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson stimmt auch hoffnungsvoll. Und das sind nur die Hauptrollen. Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty und Bill Pullman übernahmen wichtige Nebenrollen.

Dann auf der Berlinale 2010 waren die Kritiker nicht begeistert von dem Film. Zu gewalttätig. Zu frauenverachtend, schrieben sie. Vor allem die Szene, in der Casey Affleck Jessica Alba minutenlang verprügelt, wurde genannt.

An der Kinokasse war auch nichts zu holen. Denn der Protagonist, der psychopathische Kleinstadtpolizist Lou Ford, ist ein direkter Vorgänger von Jeff Lindsays Seriencharakter Dexter Morgan (und der erfolgreichen TV-Serie „Dexter“), aber während Dexter als Serienmörder nur andere Serienmörder tötet und letztendlich zu den Guten gehört, ist Lou Ford der Bösewicht.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 sah ich mir den Film an und verließ mit gemischten Gefühlen das Kino. Die Retro-Titelsequenz gefiel mir sehr gut. Die ersten Minuten auch, aber dann fand ich den Gang der Handlung etwas schleppend. Die Prügelszene fand ich nicht so schlimm (Hm, vielleicht schon zu viele brutale Filme gesehen) und den Film insgesamt auch nicht so gewalttätig und frauenverachtend, wie die Kritiker nach der Uraufführung gesagt hatten. Aber wirklich gepackt hatte der Film mich nicht. Nicht schlecht, aber nicht so gut, wie ich erwartet hatte.

Dass Winterbottoms Version besser als die erste Verfilmung des Romans, 1975 von Burt Kennedy mit Stacy Keach als Lou Ford, ist, ist keine besondere Leistung. Denn Kennedy verlegte die Geschichte in die Gegenwart und es entstand ein durchschnittlicher und schnell vergessener Krimi, der manchmal im Nachtprogramm als Lückenfüller gezeigt wird.

Ganz im Gegensatz zu Jim Thompsons Roman. Als der Roman „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me) 1952 erschien, war die Idee, dass ein höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Kleinstadtpolizist ein psychopathischer Mörder ist, schockierend. Denn damals waren Polizisten die Guten. Thompson ließ 1957 mit „Gefährliche Stadt“ (Wild Town) eine zweite Geschichte mit Lou Ford folgen, die natürlich nicht mehr die Überraschung von „Der Mörder in mir“ bot.

Aber vielleicht war ich auf dem Fantasy Filmfest einfach nicht in „Killer“-Stimmung gewesen.

Auch beim zweiten Ansehen gefiel mir die Retro-Titelsequenz, passend unterlegt mit dem hübsch harmlosen Song „Fever“, gesungen von Little Willie John, und die Geschwindigkeit mit der Michael Winterbottom in den ersten Minuten die Hauptpersonen, den Kleinstadtpolizisten Lou Ford (Casey Affleck) und die Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba), den Handlungsort, das texanische Ölkaff Central City, und die Zeit, die ach so heilen, wirtschaftlich prosperierenden fünfziger Jahre, etabliert.

Aber ziemlich schnell, vor allem nachdem Lou Ford sie und Elmer Conway (Jay R. Ferguson), den Sohn des örtlichen Ölmagnaten, umgebracht hat, zerfasert die Geschichte. Lou muss plötzlich an mehreren Fronten kämpfen. Dabei ist unklar, von welcher Front die größte Gefahr ausgeht. Ist es von Joe Rothman (Elias Koteas), einem Gewerkschaftler, der einen Verdacht hat, oder von Howard Hendricks (Simon Baker), einem Polizisten, der den Doppelmord aufklären soll, oder von Chester Conway (Ned Beatty), dem Vater des Ermordeten und als Ölmagnat der heimliche Herrscher der Stadt? Nur von Lous Freundin Amy Stanton (Kate Hudson), die hoffnungslos in ihn verliebt ist und lammfromm alles duldet, geht keine Gefahr aus. Sowieso ist das Frauenbild aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet und, wenn es nicht in ein historisches Umfeld gekleidet wäre, frauenfeindlich bis frauenverachtend. Und steht so in der Vorlage, die die Macher nur bebildern. Denn anstatt den Geist des Buches in den Film zu übertragen, folgen sie einfach blind Thompsons Roman, ohne darauf zu achten, dass einiges, was in einem Roman und in einer Ich-Erzählung gut funktioniert, in einem Film nicht mehr funktioniert.

Dazu gehören die vielen Gegner von Lou, die in ihrer Häufung dann doch nicht mehr so bedrohlich sind und sie teilweise einfach aus der Geschichte verschwinden und dass einige von Fords Problemen sich quasi nebenbei und außerhalb der Leinwand erledigen. Hier hätte etwas weniger Respekt von Drehbuchautor Curran und Regisseur Winterbottom vor der Vorlage gut getan.

Trotzdem hat mir der Film beim zweiten Ansehen, auch wenn ich mir keine 1-zu-1-Umsetzung der Geschichte, sondern des Geistes der Vorlage gewünscht hätte, besser gefallen. Bertrand Tavernier gelang das mit seiner hundsgemeinen Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“. Michael Winterbottoms Film ist dagegen in vielen Momenten bewundernswert und gut gelungen. Ausstattung, Musik und Kamera schaffen es, die fünfziger Jahre wieder auferstehen zu lassen. Die Schauspieler sind gut. Wobei Casey Affleck als harrmloser Bösewicht, wie schon in dem allseits abgefeierten Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (den ich sterbenslangweilig fand), die perfekte Besetzung ist.

Das Bonusmaterial ist eine Frechheit. Es wird nur eine halbe Stunde mit Impressionen von den Dreharbeiten angeboten. Dabei hätte es Material gegeben. Zum Beispiel den Bericht von den Dreharbeiten oder die Berlinale-Pressekonferenz.

The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: John Curran

mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson, Bill Pullman, Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty, Tom Bower

BluRay

Universum Film

Bild: 2,25:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(DVD identisch)

Vorlage

Jim Thompson: The Killer inside me

Gold Medal, 1952

Deutsche Erstausgabe

Der Mörder in mir

Ullstein, 1982

(derzeit bei Diogenes erhältlich)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Killer inside me“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Roter Teppich und Pressekonferenz zu „The Killer inside me“

Kriminalakte über „The Killer inside me“


Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

 Kriminalakte über Jim Thompson


Cover der Woche

Juni 21, 2011


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