Mit Joe R. Lansdale nach Osttexas in die dreißiger Jahre

Nachrichten verbreiteten sich nicht besonders schnell. Nicht damals. Nicht über das Radio und nicht über Zeitungen. Nicht im Osten von Texas. Die Dinge waren anders. Was in einem Ort geschah, drang meistens nicht über ihn hinaus.“

So beginnt der 1933/1934 spielende Kriminalroman „Die Wälder am Fluss“ von Joe R. Lansdale. Er erhielt dafür einen Edgar. Mit „Kahlschlag“ kehrte er einige Jahre später wieder nach Osttexas in die dreißiger Jahre zurück. Aber in einen anderen Bezirk und „Kahlschlag“ ist auch fast so gut wie „Die Wälder am Fluss“.

In „Die Wälder am Fluss“ entdeckt der elfjährige Harry Collins die bestialisch zugerichtete Leiche einer Schwarzen. Zusammen mit seiner jüngeren Schwester sucht er den Mörder. Er glaubt, dass der legendäre, im Wald hausende Ziegenmann dahintersteckt. Weil sein Vater auch der Constable des Dorfes ist, erfährt er aus erster Hand, wie die Ermittlungen voranschreiten.

Diesen Krimiplot verknüpft Joe R. Lansdale äußerst gelungen mit einer Coming-of-Age-Geschichte und einem handfestem Schauermärchen. Denn wenn Harry im Wald den Ziegenmann sucht, stampft man buchstäblich durch sumpfiges Gelände.

In „Kahlschlag“ muss die rothaarige Schönheit Sunset Jones ihren Mann stehen. Vor allem nachdem sie ihren Mann, der sie geschlagen hatte und vergewaltigen wollte, erschossen hat und jetzt von ihrer Schwiegermutter, die die Besitzerin des Sägewerks ist, aufgefordert wird, den Job ihres toten Mannes zu übernehmen. Er war der Constable.

Zusammen mit Clyde, der bereits einige Erfahrung als Deputy hat, und Hillbilly, einem gut aussehendem, aber auch skrupellosem Hobo mit einer musikalischen Ader, versucht sie sich Respekt zu verschaffen. Als der Farbige Zendo auf seinem Grundstück eine im Boden vergrabene, mit Öl überzogene, weiße Frauenleiche und einen Säugling findet und Sunset diesen Doppelmord aufklären will, stößt sie auf einige Geheimnisse und schmutzige Geschäfte.

Aber diesen, in weiten Teilen vorhersehbaren Krimiplot treibt Lansdale nicht sonderlich energisch voran. Denn dafür werden die Leichen reichlich spät entdeckt und die Mordermittlung verschwindet immer wieder unter den zahlreichen, teils sehr detailliert ausgeführten Nebengeschichten.

Lansdale geht es in „Kahlschlag“ halt mehr um ein Porträt der Depressionsjahre, dem damaligen Leben in Osttexas und den Versuchen von zwei Frauen in einer Männergesellschaft ihren Mann zu stehen. Da sind dann einige Längen vorhanden, die es in dem ebenfalls ruhig erzähltem „Die Wälder am Fluss“ nicht gibt. Denn der damals jugendliche Held beginnt seine Welt zu erkunden und die Geheimnisse der Erwachsenen zu enttarnen. Sunset entdeckt dagegen nur und auch für sie wenig überraschend, wie stark ökonomische Interessen das Leben der oberen Zehntausend des Bezirks (was in der Provinz nur eine handvoll Leute sind) bestimmen. Dass ihr Mann eine Geliebte hatte, wusste sie dagegen schon lange.

Letztendlich ist das größte Problem von „Kahlschlag“ allerdings, dass Joe R. Lansdale kurz davor das überragende „Die Wälder am Fluss“ schrieb.

Und wer danach immer noch nicht genug von Joe R. Lansdale hat, sollte sich die Anthologie „The new Dead“ von Christopher Golden mit der Kurzgeschichte „Rack ’n‘ Break“ von Joe R. Lansdale schnappen. In der Geschichte erzählt er von einem Billardspiel das mit einem Toten endet.

Zu den anderen Autoren der Zombie-Anthologie gehören John Connolly, David Liss, Brian Keene, Jonathan Maberry, Mike Carey, Max Brooks, Tad Williams und Joe Hill. Das klingt doch gut.

Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss

(übersetzt von Mariana Leky)

dumont, 2011

368 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Bottoms

Warner Books/Mysterious Press, 2000

Deutsche Erstausgabe

dumont, 2004

Joe R. Lansdale: Kahlschlag

(übersetzt von Katrin Mrugalla)

Golkonda, 2010

368 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Sunset and Sawdust

Alfred A. Knopf, 2004

Christopher Golden (Hrsg.): The new Dead – Die Zombie-Anthologie

(übersetzt von Firouzeh Akhavan-Zandjani)

Panini Books, 2011

480 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

The new Dead – A Zombie Anthology

St. Martin’s Press, 2010

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

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One Response to Mit Joe R. Lansdale nach Osttexas in die dreißiger Jahre

  1. […] Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000) […]

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