DVD-Kritik: Gregory Peck ist „Der gefährlichste Mann der Welt“

Damals, 1968, als J. Lee Thompsons Jay-Richard-Kennedy-Verfilmung „Der gefährlichste Mann der Welt“, nach einem Drehbuch von „Asphalt-Dschungel“-Autor Ben Maddow, in den Kinos gezeigt wurde, war die Sache mit dem Sender im Kopf noch Science Fiction. Heute; – nun, heute lassen sich Discobesucher einen RFID-Chip in den Arm schießen, damit sie ohne Warten in die Disco gehen können und die Rechnung sofort von ihrem Konto abgebucht werden kann, und fast jeder hat ein Handy/iPhone/Smartphone dabei, das vorzüglich als Peilsender funktioniert und – hey, letztendlich sind die Geräte immer noch Telefone – man belauscht werden kann.

Lauschen konnte in „Der gefährlichste Mann der Welt“ auch Lieutenant General Shelby (Arthur Hill). Er schickt Dr. John Hathaway (Gregory Peck), ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Biochemiker, nach China. Dort soll der Wissenschaftler von Professor Soong Li (Keye Luke), der für ihn ein Lehrer war, die Formel, mit der auch in unwirtlichen Gebieten Nahrung angebaut werden kann, bekommen. Zu seinem Schutz bekommt Hathaway eine Kombination aus Peilsender und Wanze implantiert. Außerdem, aber das verrät Shelby ihm nicht, ist das Implantat eine Bombe. Denn unter keinen Umständen soll Hathaway den kommunistischen Chinesen in die Hände fallen. Aber als Hathaway mit dem Mann, der ein kleines rotes Buch schrieb und der Herrscher Chinas ist (Na, haben Sie erraten wer es ist?), eine Partie Tischtennis spielt und mit ihm über die Freiheit der Forschung philosophiert, fragen sich Shelby und ein Kollege im Abhörzentrum im ländlichen England, ob sie nicht jetzt die Bombe zünden sollen.

Sie tun’s nicht und Hathaway trifft nach einer langen Reise in Soong Li, der in einem einsame gelegenem, gut bewachtem Labor forscht. Jetzt muss Hathaway nur noch an die Formel kommen (schwierig) und verschwinden (noch schwieriger).

Der gefährlichste Mann der Welt“ ist professionell erzählter, aber mäßig spannender und sich viel zu ernst nehmender Sixties Spy Stuff mit einigen interessanten Aspekten. Denn die Geschichte wird arg gradlinig und, was bei Spannungsroutinier J. Lee Thompson überrascht, im Mittelteil sogar langatmig erzählt. Anstatt in diesen Minuten die Geschichte energisch voranzutreiben, gibt es Impressionen aus dem kommunistischen China, Tischtennis und philosophische Diskussionen mit dem großen Vorsitzenden (immerhin wird er nicht als kompletter Blödkopf porträtiert, aber selbstverständlich gewinnt der aufrechte Westler den Diskurs) und Gelehrtenblabla. Außerdem ist Hathaway erst gegen Ende, nachdem er die Formel bekommen hat und vor den Chinesen flüchten muss, in Lebensgefahr. Dann kann J. Lee Thompson, der bereits in „Ein Köder für die Bestie“ und „Die Kanonen von Navarone“ erfolgreich mit Gregory Peck zusammen arbeitete, mit glänzend inszenierter Action glänzen.

Die Idee mit der Bombe im Kopf ist heute erschreckend aktuell, der damit verbundene sehr zynische Blick auf das Spionagegewerbe (deutlich näher bei John le Carré als bei Ian Fleming), das Ende (wenn es zu einer Kooperation mit den Russen, die damals in Spionagefilmen die Standard-Bösewichter waren, kommt), die zahlreichen Außenaufnahmen (es wurde auch in Taiwan gedreht) und der Blick in ein totalitäres Land, in dem jeder jeden bespitzelt (sogar die Tochter von Soong Li spitzelt, als überzeugte Kommunistin, ihren Vater aus) und die spannend inszenierten Actionszenen bieten genug Gründe für einen Blick auf dieses solide Genrewerk.

Als Bonusmaterial gibt es die gelungen zusammengekürzte 16-mm-Fassung des Films, eine umfangreiche Bildergalerie, einige entfallene Szenen und einen informativen Audiokommentar von Filmkritiker Lee Pfeiffer und Journalist Eddie Friedfield, die bereits die Audiokommentare der Derek-Flint-Filme bestritten. Das ist für einen so alten und heute ziemlich unbekannten Film ein rundum gelungenes, umfangreiches Paket.

Einige andere Meinungen

Britischer Propagandafilm (…) Ein nur leidlich spannender Agentenfilm ohne wirkliche Überraschungen.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die Produktion will die veränderte politische Großwetterlage (Pakt mit den Russen gegen die Chinesen) zur Aufrechterhaltung der ‚gelben Gefahr‘ ausnutzen, wirkt aber besonders in der groben Darstellung innerchinesischer Verhältnisse lächerliche und politisch instinktlos.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von ‚Che‘ bis ‚Z‘ – Polit-Thriller im Kino, 1991)

Peck spielt in diesem schwachen Spionage-Thriller, der seine zentrale Handlung aus Hitchcock ‚Der zerrissene Vorhang‘ (Torn Curtain, 1966) entliehen hat, den Nobelpreisträger, der nach China reist (…) Seine technischen Spielzeuge (…) sind Leihgaben von James Bond. Leider verzichtet Thompson auf die mögliche moralische Dimension der Handlung und gibt Bond-ähnlichen Heldentaten den Vorzug.“ (Paul Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

Der gefährlichste Mann der Welt (The Chairman, GB 1968)

Regie: J. Lee Thompson

Drehbuch: Ben Maddow

LV: Jay Richard Kennedy: The Chairman, 1969 (auch „The most dangerous man in the world“; weil der Film in England unter diesem Titel gezeigt wurde; bei uns hieß das Buch dann „Schach dem Vorsitzenden“)

Musik: Jerry Goldsmith

mit Gregory Peck, Conrad Yama, Anne Heywood, Arthur Hill, Alan Dobie, Eric Young, Keye Luke

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Audiokommentar, Alternative Szenen, Miniversion des Films inkl. geschnittener Szenen, Bildergalerie

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der gefährlichste Mann der Welt“

Turner Classic Movies über „Der gefährlichste Mann der Welt“

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One Response to DVD-Kritik: Gregory Peck ist „Der gefährlichste Mann der Welt“

  1. […] Meine Besprechung von J. Lee Thompsons „Der gefährlichste Mann der Welt“ […]

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