DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Wie sehr hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Michael Winterbottom, produktiver Kritikerliebling und eloquenter Springer zwischen allen Stilen und Genres, verfilmt nach einem Drehbuch von John Curran den Noir-Klassiker „The Killer inside me“ von Jim Thompson, der in USA inzwischen fast gottgleichen Status genießt. Die Besetzung mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson stimmt auch hoffnungsvoll. Und das sind nur die Hauptrollen. Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty und Bill Pullman übernahmen wichtige Nebenrollen.

Dann auf der Berlinale 2010 waren die Kritiker nicht begeistert von dem Film. Zu gewalttätig. Zu frauenverachtend, schrieben sie. Vor allem die Szene, in der Casey Affleck Jessica Alba minutenlang verprügelt, wurde genannt.

An der Kinokasse war auch nichts zu holen. Denn der Protagonist, der psychopathische Kleinstadtpolizist Lou Ford, ist ein direkter Vorgänger von Jeff Lindsays Seriencharakter Dexter Morgan (und der erfolgreichen TV-Serie „Dexter“), aber während Dexter als Serienmörder nur andere Serienmörder tötet und letztendlich zu den Guten gehört, ist Lou Ford der Bösewicht.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 sah ich mir den Film an und verließ mit gemischten Gefühlen das Kino. Die Retro-Titelsequenz gefiel mir sehr gut. Die ersten Minuten auch, aber dann fand ich den Gang der Handlung etwas schleppend. Die Prügelszene fand ich nicht so schlimm (Hm, vielleicht schon zu viele brutale Filme gesehen) und den Film insgesamt auch nicht so gewalttätig und frauenverachtend, wie die Kritiker nach der Uraufführung gesagt hatten. Aber wirklich gepackt hatte der Film mich nicht. Nicht schlecht, aber nicht so gut, wie ich erwartet hatte.

Dass Winterbottoms Version besser als die erste Verfilmung des Romans, 1975 von Burt Kennedy mit Stacy Keach als Lou Ford, ist, ist keine besondere Leistung. Denn Kennedy verlegte die Geschichte in die Gegenwart und es entstand ein durchschnittlicher und schnell vergessener Krimi, der manchmal im Nachtprogramm als Lückenfüller gezeigt wird.

Ganz im Gegensatz zu Jim Thompsons Roman. Als der Roman „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me) 1952 erschien, war die Idee, dass ein höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Kleinstadtpolizist ein psychopathischer Mörder ist, schockierend. Denn damals waren Polizisten die Guten. Thompson ließ 1957 mit „Gefährliche Stadt“ (Wild Town) eine zweite Geschichte mit Lou Ford folgen, die natürlich nicht mehr die Überraschung von „Der Mörder in mir“ bot.

Aber vielleicht war ich auf dem Fantasy Filmfest einfach nicht in „Killer“-Stimmung gewesen.

Auch beim zweiten Ansehen gefiel mir die Retro-Titelsequenz, passend unterlegt mit dem hübsch harmlosen Song „Fever“, gesungen von Little Willie John, und die Geschwindigkeit mit der Michael Winterbottom in den ersten Minuten die Hauptpersonen, den Kleinstadtpolizisten Lou Ford (Casey Affleck) und die Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba), den Handlungsort, das texanische Ölkaff Central City, und die Zeit, die ach so heilen, wirtschaftlich prosperierenden fünfziger Jahre, etabliert.

Aber ziemlich schnell, vor allem nachdem Lou Ford sie und Elmer Conway (Jay R. Ferguson), den Sohn des örtlichen Ölmagnaten, umgebracht hat, zerfasert die Geschichte. Lou muss plötzlich an mehreren Fronten kämpfen. Dabei ist unklar, von welcher Front die größte Gefahr ausgeht. Ist es von Joe Rothman (Elias Koteas), einem Gewerkschaftler, der einen Verdacht hat, oder von Howard Hendricks (Simon Baker), einem Polizisten, der den Doppelmord aufklären soll, oder von Chester Conway (Ned Beatty), dem Vater des Ermordeten und als Ölmagnat der heimliche Herrscher der Stadt? Nur von Lous Freundin Amy Stanton (Kate Hudson), die hoffnungslos in ihn verliebt ist und lammfromm alles duldet, geht keine Gefahr aus. Sowieso ist das Frauenbild aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet und, wenn es nicht in ein historisches Umfeld gekleidet wäre, frauenfeindlich bis frauenverachtend. Und steht so in der Vorlage, die die Macher nur bebildern. Denn anstatt den Geist des Buches in den Film zu übertragen, folgen sie einfach blind Thompsons Roman, ohne darauf zu achten, dass einiges, was in einem Roman und in einer Ich-Erzählung gut funktioniert, in einem Film nicht mehr funktioniert.

Dazu gehören die vielen Gegner von Lou, die in ihrer Häufung dann doch nicht mehr so bedrohlich sind und sie teilweise einfach aus der Geschichte verschwinden und dass einige von Fords Problemen sich quasi nebenbei und außerhalb der Leinwand erledigen. Hier hätte etwas weniger Respekt von Drehbuchautor Curran und Regisseur Winterbottom vor der Vorlage gut getan.

Trotzdem hat mir der Film beim zweiten Ansehen, auch wenn ich mir keine 1-zu-1-Umsetzung der Geschichte, sondern des Geistes der Vorlage gewünscht hätte, besser gefallen. Bertrand Tavernier gelang das mit seiner hundsgemeinen Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“. Michael Winterbottoms Film ist dagegen in vielen Momenten bewundernswert und gut gelungen. Ausstattung, Musik und Kamera schaffen es, die fünfziger Jahre wieder auferstehen zu lassen. Die Schauspieler sind gut. Wobei Casey Affleck als harrmloser Bösewicht, wie schon in dem allseits abgefeierten Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (den ich sterbenslangweilig fand), die perfekte Besetzung ist.

Das Bonusmaterial ist eine Frechheit. Es wird nur eine halbe Stunde mit Impressionen von den Dreharbeiten angeboten. Dabei hätte es Material gegeben. Zum Beispiel den Bericht von den Dreharbeiten oder die Berlinale-Pressekonferenz.

The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: John Curran

mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson, Bill Pullman, Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty, Tom Bower

BluRay

Universum Film

Bild: 2,25:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(DVD identisch)

Vorlage

Jim Thompson: The Killer inside me

Gold Medal, 1952

Deutsche Erstausgabe

Der Mörder in mir

Ullstein, 1982

(derzeit bei Diogenes erhältlich)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Killer inside me“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Roter Teppich und Pressekonferenz zu „The Killer inside me“

Kriminalakte über „The Killer inside me“


Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

 Kriminalakte über Jim Thompson

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4 Responses to DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

  1. […] Meine Besprechung der Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ […]

  2. […] Western. In der zu texttreuen und daher durchwachsenen Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ war er der Antiheld Lou Ford und gerade sein harmloses Aussehen machte Lou Ford noch bedrohlicher. […]

  3. […] Meine Besprechung der Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ […]

  4. […] Meine Besprechung von Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung “The Killer inside me&#822… […]

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