Neu im Kino/Filmkritik: Arschkalt, Win Win

Es kommen zwar eine Sachbeschädigung und ein Einbruch („Arschkalt“) und ein Betrug („Win Win“) in den beiden Kinoneustarts vor, aber Kriminalfilme sind es nicht. Es sind beides typische Feelgood-Filme, die mit einem guten Hauptdarsteller punkten können. Denn Herbert Knaup sieht man viel zu selten, vor allem in einer Hauptrolle, auf der großen Leinwand und Paul Giamatti, nun, haben wir erst letzte Woche in „Barney’s Version“ gesehen.

Rainer Berg (Herbert Knaup) arbeitet als „Mr. Frost“-Lieferant für Tiefkühlfisch in Norddeutschland. Seine Verkäufe sind zwar gut, aber beliebt ist der Stinkstiefel nicht. Und er hat auch allen Grund mit dem Leben zu hadern: ein schlechter Job, eine weggelaufene Frau und ein Vater, der in einem Nobelaltersheim auf seine Kosten lebt und immer noch glaubt, dass Rainer den Familienbetrieb von einem Geschäftserfolg zum nächsten führt. Dabei ist das Unternehmen schon lange pleite und die Fabrikhalle verfällt langsam.

Als „Mr. Frost“ von einem internationalem Konzern übernommen wird und die Holländerin Lieke van der Stock (Elke Winkens) den Betrieb restrukturieren soll, ist er davon selbstverständlich überhaupt nicht begeistert. Aber es kommt noch schlimmer. Lieke hält es in einem Anfall kindischer Bosheit für eine gute Idee, dem Stinkstiefel als Beifahrer den immer fröhlichen und schwatzhaften Betriebstrottel Tobias Moerer (Johannes Allmayer), der gerne mal eine Palette Tiefkühlfisch gegen die Wand fährt und einen Kurzschluss produziert, zu geben. Rainer soll ihn als Verkäufer einarbeiten.

Wie die Geschichte über den emotional erkalteten Stinkstiefel, der im Laufe von neunzig Filmminuten auftaut, weitergeht, kann man sich an zwei Fingern abzählen und weil Regisseur und Drehbuchautor André Erkau dies mit so viel norddeutsch-unterkühltem Humor und einer Prise Kaurismäki erzählt, gibt es auch keine falschen Sentimentalitäten.

Aber es gibt auch, immer wieder, vollkommen unpassende Szenen, die sich vor allem in der „Mr. Frost“-Tiefkühlhalle abspielen und zwischen Satire und Comedy der platten Art schwanken. Vor allem wenn Elke Winkens als neue Chefin ihren holländischen Akzent übertreibt und ihr Gesicht immer wieder durchaus beeindruckend verzieht oder sich diebisch über ihre aus heiterem Himmel (auch bekannt als der Wille des Autors) kommende Idee, Rainer und Tobias als Team loszuschicken, freut.

So lässt „Arschkalt“ einen dann doch etwas kalt zurück. Oder in der Sprache der Tiefkühlkost: nur halb aufgetaut.

Arschkalt (D 2011)

Regie: André Erkau

Drehbuch: André Erkau

mit Herbert Knaup, Johannes Allmayer, Elke Winkens, Peter Franke, Thorsten Merten

Länge: 90 Minuten

Hinweise

Homepage zum Film

YouTube-Kanal zum Film (mit einigen Filmausschnitten)

Film-Zeit über „Arschkalt“

Eine Woche nach „Barney’s Version“ spielt Paul Giamatti in „Win Win“ einen gänzlich anderen Charakter und wieder ist an seinem Spiel nichts auszusetzen.

In „Win Win“ ist er der New-Jersey-Anwalt Mike Flaherty. Ein gutherziger Mittelständler, der als Anwalt, wie viele seiner Kollegen, gerade so über die Runden kommt. Dafür ist er allgemein beliebt, gutherzig, hilfsbereit, glücklich verheiratet, hat zwei liebe Kinder und trainiert das chronisch erfolglose Ringkampfteam der Schule. Er versucht, wie so viele andere Menschen, über die Runden zu kommen, ohne jemand zu verletzten. Auch dass er sich spontan vor Gericht entschließt, die Vormundschaft für einen an Alzheimer erkrankten Mandanten zu übernehmen entspringt mehr der eigenen finanziellen Not, gekoppelt mit einer ordentlichen Portion Mitgefühl für den ihm vom Gericht zugewiesenen Mandanten, als wirklich bösem Willen. Immerhin hat er sich vorher wochenlang bemüht, die Tochter von Leo Poplar (Burt Young) zu finden. Außerdem will Leo auch nichts mehr mit ihr zu tun haben. Somit, so denkt sich Mike, schadet er niemandem und das monatliche Pflegegeld von 1500 Dollar, die er dringend braucht, würden ihm aus der aktuellen finanziellen Klemme helfen.

Es läuft alles gut, bis eines Abends Leos Neffe Kyle (Debütant und Ringer Alex Shaffer) vor seiner Tür sitzt. Mike und seine Frau Jackie (Amy Ryan) nehmen ihn eher widerwillig für eine Nacht auf. Aus der einen Nacht werden mehrere Nächte und der wortkarge Kyle integriert sich langsam in die Familie und die Schule. Dass er ein Ringkampftalent ist, ist nicht schädlich. Im Gegenteil: die Schulmannschaft gewinnt endlich einmal einen Kampf.

Aber dann taucht Kyles drogensüchtige Mutter (Melanie Lipsky) auf. Sie möchte die Pflege ihres Vaters aus rein finanziellen Motiven übernehmen. Zuerst ist es die anvisierte Erbschaft, später das Pflegegeld, das sie gut gebrauchen kann und Mike hat Leo schließlich auch, gegen Leos ausdrücklichen Wunsch und gegen Mikes vor Gericht gegebene Zusage, in ein Altersheim abgeschoben. Dieses gebrochene Versprechen könnte Mike die Zulassung kosten.

Schon der Titel „Win Win“ gibt einen deutlichen Hinweis auf das Ende. Denn „Win Win“ bezeichnet in der Spieltheorie eine Situation, die dazu führt, dass am Ende alle besser dastehen als am Anfang (deshalb reden Politiker heute auch so gerne von Win-Win-Situationen, während Wissenschaftler gerne die ganze Welt als ein Gefangenendilemma sehen).

Daher ist, wer diesen Wink mit dem Zaunpfahl versteht und weil es sich für ein Feelgood-Movie so gehört, das Ende von „Win Win“ vorgezeichnet. Auch den Weg dorthin beschreitet Tom McCarthy in seinem Independent-Film größtenteils auf den vertrauten Pfaden von Sport- und Familienfilm. Aber wie McCarthy dann in vielen kleinen Szenen und präzisen Beobachtungen, die so scheinbar mühelos und leicht, fast als seien sie zufällig aufgenommen worden, daherkommen, seine Geschichte erzählt, ist sehenswert. Denn sie spielt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Finanzkrise, die dazu führt, dass auch Mittelständler um ihr ökonomisches Überleben kämpfen müssen und auch die heile Welt von Mike ist brüchig.

Außerdem hat McCarthy alle seine Charaktere in der Grauzone zwischen Gut und Böse, Heldentum und Feigheit angesiedelt. Sie sind eben, auch dank der tollen Schauspieler, normale Menschen mit all ihren Fehlern und ihrer Menschlichkeit.

So ist „Win Win“ ein angenehm unkitschiges Feelgood-Movie mit einigen kritischen Untertönen, präzisen Beobachtungen und guten Schauspielern über einen Mann, der etwas Geld wollte und eine zweite Familie findet. Das erinnert natürlich an die Filme von Frank Capra. Aber Tom McCarthy verzichtet in seinem zutiefst humanistischem Film auf die damals übliche Schlussansprache. Dafür ist der Glaube an das Gute im Menschen in jedem Bild präsent.

Bei „Win Win“ können sich auch die Zuschauer zu den Gewinnern zählen.

Win Win (Win Win, USA 2011)

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy (nach einer Geschichte von Tom McCarthy und Joe Tiboni)

mit Paul Giamatti, Amy Ryan, Bobby Cannavale, Jeffrey Tambor, Burt Young, Melanie Lynskey, Alex Shaffer

Länge: 106 Minuten

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Win Win“

San Francisco Chronicle: Interview mit Tom McCarthy

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One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Arschkalt, Win Win

  1. […] Tom McCarthy: Win Win (meine Besprechung von „Win Win“) […]

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