Alter Scheiß? Mario Puzo: Sechs Gräber bis München

Zehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kehrt der US-Amerikaner Michael Rogan nach Deutschland zurück. Er will die sieben Männer ermorden, die kurz vor Kriegsende seine schwangere Frau folterten und töteten, ihn ebenfalls monatelang folterten und im Innenhof des Münchner Justizpalastes für tot zurückließen.

Mit dieser Prämisse beginnt Mario Puzos lange nicht mehr erhältlicher und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzter Krimi „Sechs Gräber bis München“. Als der Roman zum ersten Mal, zwei Jahre vor seinem Bestseller „Der Pate“ (The Godfather) erschien, stand auf dem Cover „Mario Cleri“, ein Pseudonym, das er aus seinem Vornamen und einer Kurzform von Clericuzio, dem Name seiner Mutter nach ihrer zweiten Ehe, zusammengefügt und das er bereits für „True Action“ für Zweiter-Weltkrieg-Geschichten benutzt hatte. „Sechs Gräber bis München“ war damals dann auch einer von abertausend Pulp-Romanen, die vom Publikum schnell gelesen und oft auch ebenso schnell vergessen wurden. Jedenfalls hatte Mario Puzo zu seinen Lebzeiten kein Interesse an einer Wiederveröffentlichung. An der literarischen Qualität, ohne „Sechs Gräber bis München“ jetzt zu einem literarischem Meisterwerk hochstilisieren zu wollen, kann es nicht gelegen haben.

Denn „Sechs Gräber bis München“ ist ein kleiner, geradliniger Rachethriller, der nie mehr sein will als spannende, schnörkellos geschriebene Unterhaltung für einige Stunden. Und das gelingt Mario Puzo mit seiner Geschichte über Michael Rogan, der der Reihe nach seine Folterer in Hamburg, Berlin, Sizilien, Budapest und München umbringt, sich bereits in Hamburg in eine Prostituierte, die nach dem Krieg in einer Irrenanstalt war, verliebt und dem US-Geheimdienst ins Geschäft pfuscht. Denn dieser hat, ebenso wie die deutsche Regierung, kein Problem damit, in dem neuen Deutschland Nazis und Folterer zu beschützen und ihnen auch hohe Posten anzubieten. So ist Rogans letztes Opfer Oberster Richter im Justizpalast und er steht am Beginn einer sehr verheißungsvollen politischen Karriere.

Diese politische Dimension vertieft Puzo nicht weiter. Ebenso beschränkt sich das Zeitkolorit der 1955 spielenden Geschichte auf einige sehr austauschbare Beobachtungen.

Aber Pulp-Fans haben sich noch nie für epische Landschaftsschilderungen interessiert. Sie wollen Spannung, Sex und eine ordentliche Portion Gewalt – und all das bietet Mario Puzo in „Sechs Gräber bis München“. Immerhin will Rogan sechs Menschen in verschiedenen Städten umbringen und er hat dafür nur knappe zweihundert Seiten.

Und das macht die „Sechs Gräber bis München“ in Zeiten backsteindicker Bücher definitiv zum absolut empfehlenswertem Scheiß.

Mario Puzo: Sechs Gräber bis München

(übersetzt von Joachim Körber)

kuk/Edition Phantasia, 2011

196 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

Mario Cleri (Pseudonym von Mario Puzo)

Six Graves to Munich

Banner Books, 1967 (No. B 50 – 112)

Hinweise

Homepage von Mario Puzo

Wikipedia über Mario Puzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Mario Puzo

Kirjasto über Mario Puzo

Kaliber.38 über Mario Puzo

Time: Mario-Puzo-Titelgeschichte (28. August 1978 – mit einem schönen Titelbild)

 

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One Response to Alter Scheiß? Mario Puzo: Sechs Gräber bis München

  1. […] Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“/“Apocalypse Now Redux“ (Apocalypse Now, USA 1979) Meine Besprechung von Mario Puzos „Sechs Gräber bis München“ (Six Graves to Munich, 1967) Teilen Sie dies mit:TeilenE-MailDruckenDiggTwitterFacebookStumbleUponRedditGefällt mir:LikeSei der […]

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