Jean-Patrick Manchette spielt Wilder Westen in „Der Mann mit der roten Kugel“

Jean-Patrick-Manchette-Fans haben lange auf die schon lange, mehr oder weniger laut angekündigte Übersetzung von „Der Mann mit der roten Kugel“ gewartet. Denn bis jetzt war diese zusammen mit Barth Jules Sussman geschriebene Geschichte des Doyen des Néo-Polar nicht ins Deutsche übersetzt worden. Weder bei Ullstein, noch bei Bastei-Lübbe, die in den Achtzigern und Neunzigern, fast alle Werke des am 3. Januar 1995 verstorbenen Autors veröffentlichten. Erst jetzt hat der Distel Literaturverlag das im Rahmen seiner Manchette-Werkausgabe erledigt und es ist auch offensichtlich, warum das Werk nicht früher übersetzt wurde. Denn „Der Mann mit der roten Kugel“ ist ein Western – und Western passen nun mal nicht in eine Krimireihe. Außerdem hatte der Western, wie ein Blick auf die wenigen damals existierenden und inzwischen eingestellten Western-Reihen in den Verlagen zeigt, in Deutschland nie einen leichten Stand.

Dass dieser Western dann noch die Romanfassung eines Films war, erhöhte das Interesse der Verlage nicht. Denn ein Roman zum Film erscheint zum Filmstart und hat, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, eine sehr kurze Halbwertzeit.

Aber es kommt noch schlimmer: „Der Mann mit der roten Kugel“ ist der Roman zu einem nicht existierendem Film. Denn Drehbuchautor Barth Jules Sussman hatte damals die Romanrechte an die Éditions Gallimard verkauft. Er hoffte, dass nach dem Erscheinen des Romans auch ein Film gedreht werden würde.

Robert Soulat, der stellvertretende Leiter der Série Noire, fragte Jean-Patrick Manchette, der damals gerade „Die Affäre N’Gustro“ und „Lasst die Kadaver bräunen!“ (mit Jean-Pierre Bastid) veröffentlicht hatte, ob er eine Romanfassung des Drehbuchs, das damals bald verfilmt werden sollte, schreiben wolle. Immerhin hatte Manchette als Pierre Duchesne bereits Romanfassungen von Filmen wie „Sacco & Vanzetti“ geschrieben. Der Western-Fan Manchette sagte zu und, auch wenn er von dem Drehbuch nicht begeistert war („Es ist ziemlich unbefriedigend, alles ist Maskerade, die Brutalität, die Grobheit – der Einfluss des italienischen Westerns ist deutlich spürbar. Aber es ist dennoch gut verwendbar.“), schrieb er zwischen Januar und März 1972 die Romanfassung. Dabei hielt er sich selbstverständlich an die von Sussman im Drehbuch erfundene Geschichte, die sich kaum von den meisten, damals populären Italo-Western unterschied.

Der Häftling Greene soll mit anderen Häftlingen 1871 in Texas auf der Plantage von Potts Baumwolle pflücken. Greene überzeugt den Oberaufseher Pruitt, dass er an 3.000 Dollar, die er bei einem Banküberfall erbeutet hat, kommen kann. Pruitt hilft Greene bei der Flucht. Aber als er dann die Beute haben will, sagt Greene, dass er ihn belogen habe, schießt ihm in den Fuß und haut ab.

Später wird er, nach einem Besuch bei einer Prostituierten, wieder festgenommen und zurück zur Farm gebracht – und mehr soll nicht verraten werden.

Der Mann mit der roten Kugel“ ist eher ein Nebenwerk von Jean-Patrick Manchette, aber für Komplettisten und Western-Fans, den so groß ist bei uns die Auswahl an neuen Western ja nicht und da erfreut dann auch ein durchwachsenes Werk, natürlich essentiell. Wer Jean-Patrick Manchette noch nicht kennt, sollte allerdings besser mit seinen Kriminalromanen anfangen.

Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussman: Der Mann mit der roten Kugel

(mit einem Vorwort von seinem Sohn Doug Headline und einem Nachwort von Barth Jules Sussman)

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2011

204 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

L’homme au boulet rouge

Éditions Gallimard, Paris 1972

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte

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One Response to Jean-Patrick Manchette spielt Wilder Westen in „Der Mann mit der roten Kugel“

  1. […] auch einige Krimibesprechungen, unter anderem über die neuen Bücher von Jean-Patrick Manchette (Der Mann mit der roten Kugel) und Walter Mosley (Manhattan […]

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