DVD-Kritik: „Sherlock“ Holmes und Dr. John Watson haben im heutigen London ihren Spaß

Der „Sherlock Holmes“-Film mit Robert Downey jr. und Jude Law hat mir verdammt gut gefallen. Aber gegen den neuen BBC-Sherlock-Holmes ist Guy Ritchies Film ein laues Lüftchen, Und dabei spielt der BBC-Holmes in der Gegenwart. Das war zwar bei den Holmes-Verfilmungen bis in die fünfziger Jahre öfters so. Am bekanntesten dürften, dank zahlreicher Wiederholungen die Universal-Studios-Filme (wobei die ersten beiden Filme von 20th Century Fox waren) mit Basil Rathbone (als Sherlock Holmes) und Nigel Bruce (als Dr. Watson) sein. Die ersten spielten auch im viktorianischen England, aber danach wollte man Geld sparen und über einen Umweg mit Fällen in einsam gelegenen Dörfern (aka der allseits bekannten Horrorfilm-Dekoration) wurden dann die Fälle konsequent in der Gegenwart angesiedelt und Sherlock Holmes und Dr. Watson kämpften auch gegen Nazis. Das fiel, weil die Fortschritte in der Forensik nicht so groß waren, nicht so sehr auf.

Aber in den vergangenen Jahren veränderte sich die Forensik entscheidend und, wie jeder, der auch nur eine Folge „C. S. I.“ gesehen hat, weiß, können heute die Wissenschaftler unsichtbare Spuren lesen und am Ende mit einem DNA-Test die Sache klären. Wo soll in dieser Welt noch der Platz für einen Detektiv wie Sherlock Holmes sein?

Nun, die Erfinder der neuen Serie, Mark Gatiss und Steven Moffat, zeigen bereits mit dem ersten Auftritt von ihrem Sherlock Holmes, dass dieser Charakter auch in der Gegenwart gegenüber den gewöhnlichen Ermittlern gut bestehen kann. Denn obwohl die Polizei heute mehr Informationen als früher hat, obwohl die Forensiker an einem Tatort mehr verwertbare Spuren als früher finden (und man sich schon manchmal fragt, wie die Polizei früher überhaupt Fälle lösen konnte), kommt es am Ende doch auf die richtige Verbindung der verschiedenen Spuren an. Und Sherlock Holmes ist, damals wie heute, ein Meister der Deduktion.

So erklärt Sherlock Holmes dem verblüfften, nach seinem Afghanistan-Einsatz am Stock gehendem Doktor John Watson, bereits bei ihrer ersten Begegnung, was er alles über ihn weiß (und was Gatiss und Moffat fast wortwörtlich aus Doyles „Eine Studie in Scharlachrot“ übernommen haben). Nur in einem kleinen Punkt irrt sich der „Consulting Detective“, wie Holmes sich auch auf seiner Homepage nennt. Diese Szene ist aus dem ersten „Sherlock“-Film „Ein Fall von Pink“ (A study in pink).

In London haben sich mehrere Menschen anscheinend freiwillig vergiftet. Sherlock Holmes glaubt allerdings, dass sie ermordet wurden – und er nimmt John Watson als Mitbewohner bei sich auf.

In „Der blinde Banker“ (The blind banker) sollen Holmes und Watson in einer Bank herausfinden, wer ein Zeichen an die Wand gemalt hat. Fast zur gleichen Zeit werden ein Bankangestellter und ein Journalist ermordet. Holmes findet heraus, dass es ein Code ist und er etwas mit den Chinabesuchen des Bankers und des Journalisten zu tun hat.

In „Das große Spiel“ (The great game) wird Holmes von einem Unbekannten erpresst, innerhalb weniger Stunden mehrere Fälle zu lösen. Sonst wird jemand anderes sterben. Am Ende der Folge begegnen Sherlock Holmes und John Watson Dr. Moriarty, dem großen Gegner von Holmes.

Der Schlüssel für einen guten Film ist ein gutes Drehbuch. Aber wenn man dann die falschen Schauspieler und den falschen Regisseur hat, kann es immer noch schiefgehen. Auch Kamera, Ausstattung und Musik sind wichtig. Bei „Sherlock“ stimmt alles.

Die Drehbücher von Mark Gatiss, Steven Moffat und Steve Thompson (für „Der blinde Banker“) sind gespickt mit Querverweisen und Referenzen auf die Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle. Gatiss und Moffat als Erfinder der Serie haben auch dafür gesorgt, dass der Charakter Sherlock Holmes und sein Umfeld vom viktorianischen England in die Gegenwart verlegt wurden. Dabei ließen sie das Beziehungsgeflecht der Charaktere zueinander intakt und Sherlock Holmes war schon immer ein hochgradig künstlicher Charakter, der außer dem Aufklären von Verbrechen keine anderen Interessen hatte.

Die Fälle der ersten Staffel basieren zwar nicht auf originalen Holmes-Geschichten, aber die Autoren haben viele Handlungsdetails, Motive und Elemente aus den Geschichten von Doyle übernommen und neue Fälle erfunden, die den Geist von Doyles Geschichten atmen und gelungen fast schon irrwitzige Deduktionen von Holmes mit einer ordentlichen Portion Action und pointierten Dialogen mischen. Das ist beim Ansehen höchst kurzweilig und wird auch, dank der guten Besetzung, entsprechend kurzweilig präsentiert.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei natürlich Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Mit Benedict Cumberbatch, der die erste Wahl der beiden Serienerfinder war und der auch schnell zusagte, hatten sie ihren perfekten Sherlock Holmes, der ein wenig wie ein aus dem vorletzten Jahrhundert gefallener Dandy wirkt, gefunden. Martin Freeman (den einige vielleicht in „Per Anhalter durch die Galaxis“ als Arthur Dent gesehen haben) war dann, nach Proben mit verschiedenen Darstellern, die ideale Ergänzung und der richtige Gegenpart zu Sherlock Holmes gefunden. Denn Dr. Watson ist nicht der Trottel, der bewundernd hinter Sherlock Holmes herläuft, sondern ein intelligenter, selbstbewusster Mann mit Kriegserfahrung.

Die Regie von Paul McGuigan (Gangster No. 1, Lucky # Slevin, Push), der den ersten und dritten Fall inszenierte, und von Euros Lyn (George Gently, Torchwood, Dr. Who), der den zweiten Fall inszenierte, ist absolut zeitgemäß und sprüht vor überraschenden Ideen. Das zeigt sich auch an McGuigans Idee, die Textnachrichten und Gedanken von Sherlock Holmes einfach, fast wie in einem Comic, im Bild einzublenden. Diese verblüffend einfache und effektive Idee, Deduktionen verständlich zu visualisieren und sich den lästigen Schnitt auf ein Smartphone zu sparen, verleiht der Serie einen weiteren besonderen Touch. Gleichzeitig erlaubt sie es den Machern, das Erzähltempo noch etwas zu beschleunigen.

Nach „Sherlock“ ist der zweite Sherlock-Holmes-Kinofilm mit Robert Downey jr. für mich nur noch eine Pflichtübung, um die Zeit bis zu den neuen „Sherlock“-Filmen mit Benedict Cumberbatch zu überbrücken.

Denn die ARD hat sich die Ausstrahlungsrechte für die neuen „Sherlock“-Filme, die demnächst in England ihre TV-Premiere erleben, gesichert. Es ist also für Nachschub gesorgt.

 

Die DVD

 

Mit zwei Audiokommentaren, einem Making-of, dem nicht ausgestrahlten Pilotfilm und einem Booklet wurde für die Fans der Serie ein umfangreiches Paket zusammengestellt. Besonders der Audiokommentar zu „Ein Fall von Pink“ mit den Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat und der Produzentin Sue Vertue ist hörenswert. Gatiss und Moffat erzählen ohne Pausen von der Produktion, den verschiedenen Drehbüchern, wie sie Sherlock Holmes fit für das 21. Jahrhundert machten, was sie aus welchen Geschichten übernahmen, warum sie bestimmte Dinge änderten – und Sue Vertue spielt bestenfalls die Stichwortgeberin. Der zweite Audiokommentar von Mark Gatiss mit den Hauptdarstellern Benedict Cumberbatch und Martin Freeman zeigt dann vor allem, dass sie sich gut verstehen. Das halbstündige Making-of „Unlocking Sherlock“, das hauptsächlich von den Menschen hinter der Kamera bestritten wird, ist, wie der Audiokommentar zu „Ein Fall von Pink“, ein sehr informativer und kurzweiliger Einblick in die Produktion und die Hintergründe der Serie.

Der einstündige Pilotfilm „Sherlock – A Study in Pink“ ist für Komplettisten und am Handwerk interessierte Filmfans eine tolle Beigabe. Denn die BBC bestellte zuerst eine Serie von einstündigen Filmen und der Pilotfilm sollte zeigen, dass die Idee funktioniert. Nun, sie funktionierte so gut, dass die BBC danach drei spielfilmlange Filme bei der Produktionsfirma Hartswood Film bestellte und sie „A Study in Pink“ mit einem größeren Budget neu drehen konnte. Dafür wurde einiges ergänzt, einiges geändert und vieles, wie große Teile der Besetzung, blieb gleich. Wobei einige Dialoge an anderen Orten gesprochen wurden. Außerdem kann man sehen, wie Gatiss und Moffat ihre ursprüngliche Geschichte weiterentwickelten.

Und dann gibt es noch ein 16-seitiges Booklet mit vielen Hintergrundinformationen zu Sherlock Holmes, der Serie, den Machern und den einzelnen Folgen. Hier verraten Michael Ross und Oliver Bayan auch, welche Details der Filme aus welchen Sherlock-Holmes-Geschichten übernommen wurde.

Bei der Menge an Informationen ist es schon etwas ärgerlich, dass, bis auf das Making-of, auf deutsche Untertitel verzichtet wurde. Denn nicht jeder kann Englisch.

Sherlock – Staffel 1 (GB 2010)

Erfinder: Mark Gatiss, Steven Moffat

mit Benedict Cumberbatch (Sherlock Holmes), Martin Freeman (Dr. John Watson), Una Stubbs (Mrs. Hudson), Rupert Graves (Detective InspectorI Lestrade), Mark Gatiss (Mycroft Holmes), Louise Brealey (Molly Hooper)

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Audiokommentar zu „Ein Fall von Pink“ von Mark Gatiss, Steven Moffat und Sue Vertue, Audiokommentar zu „Das große Spiel“ von Benedict Cumberbatch, Martin Freeman und Mark Gatiss, „Sherlock – A Study in Pink“ (der nicht gezeigte einstündig Pilotfilm), Making-Of „Unlocking Sherlock“ (mit deutschen Untertiteln), Booklet

Länge: 270 Minuten (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die ersten drei Fälle von Sherlock Holmes und Dr. John Watson

Ein Fall von Pink (A Study in Pink, GB 2010)

Regie: Paul McGuigan

Drehbuch: Steven Moffat

Der blinde Banker (The Blind Banker, GB 2010)

Regie: Euros Lyn

Drehbuch: Steve Thompson

Das große Spiel (The Great Game, GB 2010)

Regie: Paul McGuigan

Drehbuch: Mark Gatiss

Hinweise

The Science of Deduction (Homepage von Sherlock Holmes)

John Watson’s Blog

Molly Hooper’s Diary

BBC über „Sherlock“

BBC Germany über „Sherlock“

ARD über „Sherlock“

Hartswood Film über „Sherlock“

 

YouTube-Kanal „Sherlock“

Wikipedia über „Sherlock“ (deutsch, englisch)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte

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6 Responses to DVD-Kritik: „Sherlock“ Holmes und Dr. John Watson haben im heutigen London ihren Spaß

  1. […] für den im Januar in England und später auch bei uns laufende BBC-Sherlock-Holmes-Filmserie „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes und Martin Freeman als Dr. John Watson […]

  2. […] dritte Staffel ist schon bestellt; was bei dem Erfolg kein Wunder ist. Die Kritiker sind begeistert. Die Quote toll. Und die Holmisianer sagen auch nichts […]

  3. […] Holmes auf allen Kanälen: im Kino mit einem Remmidemmi-Film, im Fernsehen mit einer grandiosen BBC-Serie, die im heutigen London spielt, in Comics im Kampf gegen Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, und jetzt auch im Buch. Der enorm […]

  4. […] Auftakt der zweiten, wieder aus drei spielfilmlangen Episoden bestehenden Staffel von „Sherlock“, in der Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, Grandios!) und Dr. John Watson (Martin Freeman, […]

  5. […] Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 201… […]

  6. […] Dass die Filme vor Anspielungen auf den gesamten Sherlock-Holmes-Kosmos nur so strotzen, dass die Plots verschachtelt und immer wieder überraschend sind, dass die Filme enorm schnell erzählt sind, dass die Schauspieler hochkarätig sind und dass das Vergnügen viel zu schnell vorbei ist, muss ich wohl nicht extra betonen. Das habe ich ja schon zu den ersten drei spielfilmlangen „Sherlock“-Filmen gesagt. […]

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