Neu im Kino/Filmkritik: Ideen, die sogar vielbeschäftigte Hollywoodproduzenten zwischen zwei Stockwerken erfassen können: „Cowboys & Aliens“

Sind die Aliens denn wirklich so bescheuert? Nachdem bisher alle Invasionen in der Gegenwart gescheitert sind an Bakterien, Computerviren, Bürokratie und Musik, versuchen sie es jetzt in der Vergangenheit. Im Wilden Westen – und legen sich dann auch gleich mit James Bond und Indiana Jones/Han Solo an. Da müsste doch dem dümmsten Alien klar sein, dass auch diese Invasion in die Hose gehen wird.

Aber vielleicht waren sie auch von den Namen verwirrt. Den James Bond (Daniel Craig) ist jetzt Jake Lonergan und ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher mit einem totalen Gedächtnisverlust. Indiana Jones (Harrison Ford) ist der das Land beherrschende, verbitterte Viehbaron Colonel Woodrow Dolarhyde.

Sein ziemlich missratener Sohn Percy (Paul Dano) ballert, mal wieder, zum Zeitvertreib in dem Kaff Absolution herum. Als der schweigsame und schlagkräftige Lonergan, der, nachdem er in der Wüste aufwachte, sich an nichts erinnert, aber gleich eine Bande von Strauchdieben entwaffnet, und in Absolution immer noch rätselt, warum er ein seltsames Armband trägt, Percy zusammenstaucht, schießt dieser irrtümlich einen Hilfssheriff an und er wandert ins Gefängnis. Dort wirft der Sheriff (Keith Carradine) einen Blick auf die Fahndungsplakate, erkennt Lonergan als gesuchten Verbrecher, will ihn im Saloon verhaften und, dank der schlagkräftigen Hilfe einer unbekannten Schönheit (Olivia Wilde), sitzt Lonergan etwas später in der Zelle neben Percy.

Als der Sheriff die beiden in die nächstgrößere Stadt bringen will, taucht Dolarhyde auf. Er will seinen Sohn befreien und sich persönlich an Lonergan, der ihn bestahl, rächen. Doch da taucht ein fliegendes Objekt am Himmel auf, schießt auf sie und entführt einige Dorfbewohner. Unter anderem Dolarhydes Sohn. Lonergan kann mit seinem Armband, das eine futuristische Pistole ist, ein Flugzeug abschießen.

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, beginnen die Dorfbewohner die Dämonen (so nennen sie die Aliens; denn damals gab es noch keine Aliens und keine UFOS; jedenfalls keine Namen dafür) zu jagen. Dafür lässt Dolarhyde auch seine Feindschaft gegenüber Lonergan ruhen.

Und während schon diese Posse mit einem Doktor, der nicht schießen kann, einem Jungen, einem Hund und einer Frau recht bunt besetzt ist, wird es später noch bunter und es wird immer deutlicher, dass im Genrecrossover „Cowboys & Aliens“ zwar die Landschaft und die Handlungszeit, aber nicht der Plot gewechselt wurde. Denn die Geschichte folgt brav den Spuren der bekannten Invasionsfilme, in denen am Ende alle gemeinsam gegen die fremde Bedrohung kämpfen. Das kann, wie in „Independence Day“ (der wie eine Blaupause für „Cowboys & Aliens“ wirkt), die ganze Welt sein.

In „Cowboys & Aliens“ ist es eine Posse, die aus dem Verbrecher, der sich an nichts erinnern kann, dem Viehbaron, der seinen nichtsnutzigen Sohn zurückholen will, dem Sheriff, ehrlichen Siedlern, Dolarhydes Cowboys, Lonergans Verbrecherbande und Indianer besteht. Eine buntere Koalition der Guten gegen das bedrohlich Fremde gab es wohl noch nie.

Trotzdem ist „Cowboys & Aliens“ als weitgehend traditioneller und damit auch ironiefreier Western, nach dem für mich etwas enttäuschenden „True Grit“ (es war vielleicht ein Fehler vor dem Coen-Film das Original gesehen, das Buch und zu viele überschwängliche Kritiken gelesen zu haben) ziemlich gelungen als Breitwand-Western mit Starbesetzung.

P. S.: Bislang gab’s nur eine erfolgreiche Alien-Invasion. Naja, so halbwegs. Denn als die Aliens die Erde mit intergalaktischer Bürokratie belästigten, war’s rum mit dem schönen Erdenleben und Arthur Dent machte sich „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf den Weg den Bademantel (auch bekannt als das Kleidungsstück, das wir als Kind niemals anziehen wollten, weil es so unglaublich uncool war) als Kleidungsstück für alle Gelegenheiten zu rehabilitieren.

 

P. P. S.: Gottseidank ist „Cowboys & Aliens“ kein 3D-Film.

P. P. P. S.: „Cowboys & Aliens“ ist eine Comicverfilmung. Aber dieses Mal haben die Macher außer der Idee des Genrecrossovers nichts von der ebenfalls ziemlich ironiefreien Vorlage, die jetzt, pünktlich zum Filmstart, bei uns erschien, übernommen. In dem Comic müssen die Außerirdischen 1873 in Arizona notlanden. Ihr Raumschiff ist kaputt.und, bevor sie Hilfe herbeifunken, reißt sich Kommandant Rado Dar (der mit seinen Hörnern an einen grünlichen Büffel erinnert) den Planeten, weil er auf keiner Kasten-Sternenkarte verzeichnet ist, unter den Nagel und die Menschen will er gleich zu seinen Leibeigenen machen. Immerhin gehört ihm jetzt alles.

Doch er hat nicht mit den Cowboys Zeke und Verity, die eine Gruppe von Siedlern in die Glücksritterstadt Silver City bringen sollen, gerechnet. Sie nehmen sofort den Kampf gegen diese neue Bedrohung auf und, als Zeke eine Pistole der Außerirdischen findet, können sie sich erfolgreich wehren.

In dem unterhaltsamen Comic mit erstaunlich wenig Western-Atmosphäre (vor allem im Vergleich zum Film, in dem die Aliens fast die Entschuldigung sind, einen Western zu machen) wird im Prolog die Eroberung Amerikas durch die Europäer mit der Eroberung der Erde durch die Außerirdischen gleichgesetzt. Das ist ein interessanter Aspekt, der aber in dem späteren Kampf der Cowboys gegen die Aliens nicht weiterverfolgt wird.

Cowboys & Aliens (Cowboys & Aliens, USA 2011)

Regie: Jon Favreau

Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof, Mark Fergus, Hawk Ostby (nach einer Geschichte von Mark Fergus, Hawk Ostby und Steve Oedekerk [klingt nach einer sehr langen Entwicklung])

LV: Scott Mitchell Rosenberg: Cowboys & Aliens, 2006 (Cowboys & Aliens)

Buch zum Film: Joan D. Vinge: Cowboys & Aliens, 2011

mit Daniel Craig, Harrison Ford, Abigail Spencer, Buck Taylor, Olivia Wilde, Sam Rockwell, Clancy Brown, Paul Dano, Adam Beach, Noah Ringer, Keith Carradine, Walton Goggins

Länge: 118 Minuten

Scott Mitchell Rosenberg (Erfinder)/Andrew Foley/Fred Van Lente/Andrew Foley (Autoren)/Bennis Calero/Luciano Lima/Magic Eye Studios (Zeichnungen): Cowboys & Aliens

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Panini Comics, 2011

112 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Cowboys & Aliens

Platinum Studios, 2006

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

You Tube: der Kanal zum Film und der Kanal mit den Interviews (Jon Favreau unterhält sich mit den Beteiligten)

Film-Zeit über „Cowboys & Aliens“

Wikipedia über „Cowboys & Aliens“ (deutsch, englisch) und über die Vorlage (deutsch, englisch)

Go into the Story: Interview mit den Drehbuchautoren Roberto Orci und Alex Kurtzman über „Cowboys & Aliens“

Platinum Studios: Homepage zum Comic

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3 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: Ideen, die sogar vielbeschäftigte Hollywoodproduzenten zwischen zwei Stockwerken erfassen können: „Cowboys & Aliens“

  1. nokolaus sagt:

    es gab einen unglaublich coolen roman über ein alien das einen revolverhelden besetzt um seine ethische masstäbe umzukrempeln
    und sich dan selbst anpassen muss um das überleben seines wirtes zu sichern:
    der andromeda gunman von john boyd

  2. […] funktionierten) und in Jon Favreaus kurzweiligen Crossover aus Science-Fiction und Western, „Cowboys & Aliens“ (USA 2011) in den […]

  3. […] wäre okay, wenn Ridley Scott und seine Autoren Jon Spaihts und Damon Lindelof („Lost“, „Cowboys & Aliens“) uns nicht ein Ende, das schamlos auf eine Fortsetzung spekuliert, präsentieren […]

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