DVD-Kritik: Francis Ford Coppola liefert das „Full Disclosure“ für seinen Klassiker „Apocalypse Now“

Alles, was Sie schon immer über „Apocalypse Now“ wissen wollte, aber niemals zu fragen wagten, finden Sie in der jetzt erschienenen „Full Disclosure“-Ausgabe des Films. Neben den Extras, die auf früheren US-DVD-Ausgaben des Films enthalten sind, gibt es auch etliche brandneue Extras. In Deutschland sind sie, nachdem in früheren DVD-Ausgaben des Films, die entweder die alte Kino- oder die neuere „Redux“-Fassung im falschen Bildformat und immer ohne nennenswerte Extras, enthielten, alle neu.

Damit gibt es jetzt endlich eine Blu-ray und DVD-Ausgabe (sie ist anscheinend identisch mit der für diese Besprechung angesehenen Blu-ray), die der Bedeutung des Films angemessen ist.

Der Film

Die Filmstory dürfte bekannt sein: Captain Willard (Martin Sheen) soll den durchgeknallten Army-Colonel Kurtz (Marlon Brando) töten. Kurtz hat, abseits aller militärischen Befehle, im Dschungel ein Königtum errichtet. Willard macht sich mit einem kleinen Patrouillenboot auf den Weg in das „Herz der Finsternis“ (so der Titel von Joseph Conrads Novelle, die die Vorlage für den Film war).

Für Coppola stand diese Reise von Willard, die auch so während der Dreharbeiten vom gesamten Filmteam unternommen wurde, für eine Reise immer tiefer in die Geschichte der Menschheit von der Zivilisation zurück zu ihren primitiven Ursprüngen.

Nachdem schon die Dreharbeiten viel länger als geplant gedauert hatten, zog sich auch die Postproduktion endlos hin und in den Zeitungen wurde immer wieder von dem absehbarem finanziellem und künstlerischem Desaster des Regisseurs, der mit „Der Pate“ und „Der Pate 2“ zum Star wurde, geschrieben.

In Cannes zeigte Francis Ford Coppola 1979, als eine Art Vorwärtsverteidigung, eine noch nicht endgültig geschnittene Version des Film. Im Bonusmaterial sagt er, dass sie damals den Film zum ersten Mal vor Publikum zeigten und es weitgehend die auch für die Kinoauswertung geplante Fassung war. Der Film gewann, mit Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“, die Goldene Palme.

2001 zeigte Coppola, wieder in Cannes, die fünfzig Minuten längere „Redux“-Version des Films, in der vor allem die Szene mit den französischen Kolonialisten (einige Ausschnitte waren in der 1991 fertiggestellten Dokumentation „Hearts of Darkness“ enthalten), die Szene mit den Playboy-Bunnies in dem vom Sturm verwüsteten Lager, etliche Szenen mit Lt. Col. Kilgore neu und viele kleinere Änderungen enthalten waren.

Diese 200-minütige „Redux“-Version von „Apocalypse Now“ gefällt mir besser als die ursprüngliche Version. „Apocalypse Now Redux“ ist letztendlich kurzweiliger, stringenter und in sich geschlossener als die 150-minütige Version.

Das Bonusmaterial

Von den DVD-Ausgaben neuer Filme wissen wir, dass Masse (sowohl die Länge des Bonusmaterials als auch die anwählbaren Menüpunkte) nichts über die Klasse des Materials aussagen. Bei der „Full Disclosure“-Version von „Apocalypse Now“ stimmt in jedem Fall die Masse. „Über neun Stunden Bonusmaterial“ steht auf dem Cover und das ist sogar tiefgestapelt. Denn die Audiokommentare für den Spielfilm und die spielfilmlange Dokumentation „Hearts of Darkness“ (die hier erstmals in Deutschland auf Blu-ray und DVD veröffentlicht wurde) wurden nicht mitgezählt.

Außerdem stimmt hier auch die Klasse. Denn bis auf ein, zwei kurze Featurettes (von insgesamt unter zehn Minuten Laufzeit) ist das gesamte Bonusmaterial sehr informativ und damit auch sehenswert.

In Deutschland ist, nachdem die vorherigen DVD-Ausgaben letztendlich nur den Film enthielten, wie gesagt, das gesamte Bonusmaterial neu. In den USA erschien einiges schon auf der „Special Edition – The Complete Dossier“-Fassung.

Brandneu sind vor allem zwei jeweils gut einstündigen Interviews von Francis Ford Coppola mit Drehbuchautor John Milius und Hauptdarsteller Martin Sheen und das, mit vielen Bildern vom Casting illustrierte, Gespräch mit Casting Director Fred Roos. Mit Milius unterhält Coppola sich über das Drehbuch und die Vorproduktion. Dabei betont Coppola immer wieder, wie wichtig Milius‘ Drehbuch war und dass etliche der bekannten Szenen und Sätze schon im Drehbuch standen. Mit Sheen unterhält er sich über die Dreharbeiten und das Gespräch wird anekdotischer.

Schon etwas älter sind die Featurettes über die Postproduktion, wozu vor allem das Sound-Design und die Musik gehören, Marlon Brandos T.-S.-Elliot-Rezitation mit Bildern von den Dreharbeiten und ein fast vierzigminütiges Gespräch von Filmkritiker Roger Ebert mit Francis Ford Coppola in Cannes 2001 anlässlich der Premiere der „Redux“-Fassung. Sehenswert, auch wegen der vielen Filmaufnahmen von der Vorbereitung und den Dreharbeiten und den vielen Interviewpartnern (oft für aktuelle Interviews), sind sie alle.

Es gibt, in bescheidener Bildqualität, eine gute halbe Stunde, zusätzlicher Szenen und den legendären, aber missverständlichen, von Coppola kommentierten, Abspann zur Ursprungsversion von „Apocalypse Now“. Nach den Dreharbeiten mussten sie das Camp von Kurtz vernichten. Coppola meinte, wenn sie es schon abreißen müssten, könnten sie doch auch einige Bilder davon machen. Sie stellten etliche Kameras (auch Infrarotkameras) auf und jagten das Lager in die Luft. Diese Bilder zeigte er dann im Abspann als psychedelische Erfahrung. Das Publikum verstand die Bilder allerdings als zweites Ende, in dem das Lager zerstört wird. Weil das aber nicht seine Absicht gewesen war, entfernte er die Aufnahmen aus dem Abspann und es entstand nach der Cannes-Premiere das Gerücht von den verschiedenen Enden des Films.

Als Ergänzung zu diesem Bonusmaterial gibt es den mit zwei Emmys ausgezeichneten, spielfilmlangen Dokumentarfilm „Hearts of Darkness – Reise ins Herz der Finsternis“. Der Film dokumentiert chronologisch die Dreharbeiten. Coppola hatte während des Drehs seine Frau beauftragt, ein „Making of“ zu drehen, das dann als fünfminütiger TV-Beitrag zum Filmstart gezeigt werden sollte. Weil er für dieses „Making of“ den Endschnitt hatte, durfte Eleanor Coppola viel, auch die künstlerischen Krisen und Selbstzweifel ihres Mannes, aufnehmen. Aus dem Mini-“Making of“ wurde nichts und die Aufnahmen verschwanden im Archiv, bis Fax Bahr und George Hickenlooper davon erfuhren und daraus einen längeren Film, ergänzt um neue Interviews, machen wollten.

Coppola, der die Rechte an den Aufnahmen besaß, war einverstanden und, auch wenn ihm nicht alles an der Dokumentation „Hearts of Darkness“ gefiel, legte er kein Veto gegen die Ausstrahlung ein. Denn, so dachte er, die Dokumentation werde einige Male im Fernsehen laufen und dann vergessen werden. Aber sie wurde immer wieder gezeigt und lief sogar im Kino. Auch in Deutschland gab es, was damals für Dokumentationen selten und für Dokumentationen über Filme noch seltener war, einen Kinostart. Denn „Hearts of Darkness“ zeigt, durchaus kritisch, die Dreharbeiten und einen Regisseur, der zuerst nur einen kleinen, kommerziellen Kriegsfilm drehen wollte, dann über drei Jahre mit 238 Drehtagen im Dschungel verbrachte und Haus und Hof riskierte.

Zu der spielfilmlangen Dokumentation gibt es noch einen 2007 getrennt aufgenommenen Audiokommentar von Eleanor Coppola und ihrem Mann Francis Ford Coppola, der einige Dinge, die ihm falsch dargestellt erschienen, klarstellen wollte. Es geht dabei vor allem um den Herzanfall von Martin Sheen und seine Reaktion gegenüber den Geldgebern in Hollywood darauf.

Ärgerliche Momente

Letztendlich haben mich bei der Blu-ray nur drei Kleinigkeiten gestört:

Ich musste die Blu-rays mit dem Bonusmaterial öfters komplett neu starten, weil ich nur so das nächste Feature abspielen konnte.

Die deutschen Untertitel enthalten erschreckend viele Schreibfehler.

Und, so löblich es auch ist, dass es einen umfangreichen Ausschnitt aus dem Drehbuch mit handschriftlichen Anmerkungen und das Original-Kinoprogramm von 1979 mit einem Vorwort vom Meister höchstpersönlich gibt, so ärgerlich ist es, dass man die Texte nicht vergrößern kann. D. h. erst wenn der Bildschirm groß genug ist, kann auch das Drehbuch gelesen werden.

Apocalypse Now (Apocalypse Now, USA 1979)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola

LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)

mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham

Länge: 152 Minuten (Apocalpyse Now)

202 Minuten (Apocalypse Now Redux)

Bonusfilm

Hearts of Darkness – Reise ins Herz der Finsternis (Hearts of Darkness – A Filmmaker’s Apocalypse, USA 1991)

Regie: Fax Bahr, George Hickenlooper, Eleanor Coppola (Regie des Dokumentarmaterials während der „Apocalypse Now“-Dreharbeiten)

Drehbuch: Fax Bahr, George Hickenlooper

Premiere: 17. Mai 1991 (Internationales Filmfestival Cannes, „Un Certain Regard“)

Deutscher Kinostart: 12. März 1992

Länge: 95 Minuten

Blu-ray

Arthaus/Studio Canal

Bild: 2,35: 1 (1080p)

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1), Deutsch (DTS-HD Master Audio 2.0 Stereo), Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1), Englisch (DTS 2.0 Surround)

Untertitel Disc 1: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Untertitel Disc 2: Deutsch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Russisch, Japanisch

Untertitel Disc 2: Deutsch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Japanisch, Englisch für Hörgeschädigte

FSK: ab 16 Jahre

(DVD identisch)

Das Bonusmaterial – oder was auf den Blu-rays ist:

Disc 1

Apocalypse Now Kinofassung von 1979

Apocalypse Now Redux

Audiokommentar von Francis Ford Coppola

Disc 2

Ein Gespräch mit John Milius (49:45)

Ein Gespräch mit Martin Sheen (59:26)

Fred Roos: Casting Apocalypse (Der Casting Director spricht über den Test hunderter Schauspieler für die verschiedenen Rollen) (11:43)

Radiosendung „The Mercury Theatre on the Air“, 6. November 1938 (Orson Welles liest Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“) (36:34)

The Hollow Men“ (Marlon Brando rezitiert T.S. Elliots Gedicht mit Szenen aus dem Film und von den Dreharbeiten) (16:56)

Die verlorene Szene aus „Affen auf dem Sampam“ (Eingeborene singen Doors-Song „Light my Fire“) (2:51)

Zusätzliche Szenen (26:08)

Zerstörung des Camps von Kurtz mit Credits und Kommentar von Francis Ford Coppola (6:02)

Die Entstehung des 5.1-Sounds (5:51)

Der Überflug der Geister-Helikopter (Sourround-Design) (3:55)

Apocalypse Now: Der Synthesizer-Soundtrack von Bob Moog (Artikel aus dem Contemporary Keyboard Magazine vom Januar 1980)

Der Schnitt von Apocalypse Now (17:55)

Die Musik von Apocalypse Now (14:44)

Das Sound-Design von Apocalypse Now (15:17)

Die endgültige Mischung (3:07)

Apocalypse damals und heute (Auszug aus einem Interview mit Roger Ebert über beide Versionen des Films) (3:42)

Filmfestival Cannes 2001: Roger Ebert unterhält sich mit Francis Ford Coppola (38:34)

Straßengang auf dem Boot (Vorstellung der Schauspieler von Willards Crew) (4:07)

Die Farbpalette von Apocalypse Now (Doku über den Technicolor-Transfer) (4:05)

Disc Credits

Disc 3

Hearts of Darkness- Reise ins Herz der Finsternis (Dokumentation über die Dreharbeiten)

Audiokommentar von Eleanor und Francis Ford Coppola

Auszug aus dem Drehbuch von John Milius mit Anmerkungen von Francis Ford Coppola

Storyboard-Sammlung (mehr als 200 Zeichnungen) (11:14)

Fotoarchiv (Filmfotos und SW-Fotos von Mary Ellen Mark) (2:37)

Marketing-Archiv (Kinotrailer 1979 [3:54], Radiospots 1979 [2:05], Original-Kinoprogramm von 1979 mit Informationen zur Geschichte des Films und einem Vorwort von Francis Ford Coppola, Kinoplakate und PR-Fotos [3:40], Filmplakate-Galerie [0:27; erstaunlich kurz])

außerdem

24-seitiges Booklet „In the Heart of the Movie“ mit Konzeptzeichnungen, Fotos und einem Vorwort von Francis Ford Coppola zur Full Disclosure Edition (Deutsch und Englisch)

5 SW-Postkarten

Hinweise

Wikipedia über „Apocalypse Now“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich der Kino- mit der „Redux“-Fassung

Awesome Film: Drehbuch „Apocalypse Now“ von John Milius (Fassung vom 3. Dezember 1975)

5 Responses to DVD-Kritik: Francis Ford Coppola liefert das „Full Disclosure“ für seinen Klassiker „Apocalypse Now“

  1. […] Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“/“Apocalypse Now Redux“ (Apocaly… Meine Besprechung von Mario Puzos „Sechs Gräber bis München“ (Six Graves to Munich, 1967) Teilen Sie dies mit:TeilenE-MailDruckenDiggTwitterFacebookStumbleUponRedditGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]

  2. […] in den Francis-Ford-Coppola-Klassikern „Der Dialog“ (The Conversation, USA 1974) und „Apocalpyse Now“ (USA 1979) genießen. Auch der Science-Ficton-Thriller „Blade Runner“ (USA 1982), von Ridley […]

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