Neu im Kino/Filmkritik: „Contagion“ oder Was wäre, wenn ein Virus…

Der Trailer für Steven Soderberghs neuen Film „Contagion“ sieht nach einem 08/15-Thriller der Marke „Krieg der Welten“ (die deprimierende Steven-Spielberg-Version mit Tom Cruise) aus.

Aber dass Soderbergh, der mit seinem Debütfilm „Sex, Lügen und Video“ einen weltweiten Independent-Hit hatte, sich seitdem zwischen Mainstream-, Arthouse- und Experimentalfilmen bewegt und einige ungewöhnliche Krimis wie „Kafka“, „The Limey“, „Out of Sight“, „Traffic“ und „The Good German“ drehte, einen 08/15-Thriller abliefert, dürfte niemand ernsthaft erwarten. Denn auch wenn seine Mainstream-Filme, wie „Erin Brokovich“ und die starbesetzten „Ocean’s“-Filme, wesentlich bekannter als seine Experimentalfilme, wie „Voll Frontal“ (naja, die Stars hatten wohl ihren Spaß), sind, sind auch seine Mainstream-Filme Filme für denkende Menschen.

Deshalb ist „Contagion“ auch kein normaler Seuchenthriller, in dem ein Held letztendlich im Alleingang den Virus besiegt, sondern ein quasi-dokumentarisches Werk in der Tradition von „Traffic“ oder „Syriana“ (das von „Traffic“-Autor Stephen Gaghan ist).

Soderbergh und sein Drehbuchautor Scott Z. Burns („Der Informant!“, „Das Bourne-Ultimatum“) erzählen den Verlauf einer weltweiten Pandemie von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende und wie, an verschiedenen Orten auf dem Globus normale Menschen, Journalisten, Politiker und Wissenschaftler auf den Virus reagieren.

Die Geschichte beginnt mit Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow), die sich in Hongkong infiziert und zwei Tage später im Krankenhaus stirbt. Ihr Ehemann Mitch (Matt Damon) versucht ihren Tod und, kurz darauf, den Tod seines Stiefsohns zu verarbeiten. Nachdem die Seuche immer mehr Menschen infiziert, will er seine 15-jährige Tochter Jory (Anna Jacoby-Heron) und sich vor dem Virus schützen. Das gelingt am Besten, indem man jeden Kontakt mit Infizierten vermeidet und sich letztendlich in seiner Wohnung einsperrt.

Zur gleichen Zeit suchen Deputy Director Ellis Cheever (Laurence Fishburne) von dem amerikanischem Zentrum für Seuchenbekämpfung und Vorbeugung (Centers for Disease Control and Prevention [CDC]), seine Untergebenen und weitere Wissenschaftler nach einem Gegenmittel. Dabei reagieren sie verschieden auf die moralischen Fragen, die der Umgang mit der extrem schnell verlaufenden und extrem tödlichen Pandemie an sie und ihre Familien und Freunde stellt.

Cheever schickt Dr. Erin Mears (Kate Winslet) zu ihrem ersten Außeneinsatz nach Minneapolis, wo die Emhoffs leben. Sie soll dort herausfinden, wie der Virus in die USA gelangte und möglichst eine weitere Verbreitung des Viruses verhindern. Dr. Ally Hestall (Jennifer Ehle), die in einem CDC-Hochsicherheitslabor arbeitet, sucht ein Gegenmittel. Dr. Leonora Orantes (Marion Cotillard) von der Weltgesundheitsbehörde in Genf, reist nach Hongkong, um dort herauszufinden, wo Beth Emhoff sich ansteckte. Sie werden dabei, wie es auch in der Wirklichkeit wäre, von vielen anderen Wissenschaftlern unterstützt – und teilweise von Politikern behindert.

Das führt für Mears zu einem Disput mit Lokalpolitikern, den schon Polizeichef Brody (Roy Scheider) in „Der weiße Hai“ führen musste, als seine Warnungen wegen wirtschaftlicher Bedenken ignoriert wurden. Cheever muss sich fragen, ob er mit seinem Wissen seine Familie schützt oder ob er auch vor ihr, wie vor der Öffentlichkeit, schweigt. Hestall probiert das Gegenmittel an sich aus.

Auf der anderen Seite steht Alan Krumwiede (Jude Law), ein regierungskritischer, zunehmend paranoider Aktivist und Blogger, dessen Story über den Virus von den Medien zuerst nicht beachtet wird. Doch dann explodieren die Zugriffszahlen auf seinen Blog.

Diese Menschen, die sich nie begegnen, und ihre Geschichten stehen im Mittelpunkt von „Contagion“. Sie ermöglichen es Drehbuchautor Burns und Regisseur Soderbergh die Pandemie, die unterschiedlichen Reaktionen darauf und wie sich verschiedene Gesellschaften damit arrangieren, in knappen Szenen aus verschiedenen Perspektiven und einem souveränem Wechseln zwischen den verschiedenen Erzählsträngen zu erzählen. Langeweile entsteht so niemals, aber man betrachtet auch die Ereignisse durch das analytische Auge eines Forschers.

Dazu gehört auch, dass es Soderbergh wieder einmal gelang, einen beeindruckenden Cast vor der Kamera zu versammeln und, weil so viele bekannte Gesichter dabei sind, ist auch unklar, wer in dem Ensemblefilm überlebt und wer stirbt. Daraus entsteht so etwas wie Spannung. Denn die Semi-Dokumentation „Contagion“ verweigert sich konsequent der normalen Hollywood-Spannungsdramaturgie. Dafür loben Wissenschaftler die Faktentreue des Films.

Contagion (Contagion, USA 2011)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Scott Z. Burns

mit Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, Sanaa Lathan, John Hawkes, Armin Rohde, Elliott Gould, Enrico Colantoni, Chin Han

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Contagion“

Wikipedia über „Contagion“ (deutsch, englisch)

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6 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „Contagion“ oder Was wäre, wenn ein Virus…

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