DVD-Kritik: Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“

Es war einmal vor langer Zeit, als sich einige Filmfanatiker auf den Weg machten. Sie wollten nicht mehr nur in „Les Cahiers du Cinéma“ über Film schreiben, sondern Filme drehen. Filme, die mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatten, als das, was damals im Kino lief.

Louis Malle, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut und Claude Chabrol hießen die Jungs und ihre Debütfilme „Fahrstuhl zum Schafott“, „Außer Atem“, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und „Die Enttäuschten“ begründeten in den späten fünfziger Jahren die Nouvelle Vague, die nicht nur das französische Kino veränderte.

Heute, über fünfzig Jahre nach ihrer Premiere, sind ihre Filme immer noch erstaunlich frisch. (Kurzer Einschub: Besprechungen des jüngst bei StudioCanal erschienenen Werkes von Francois Truffaut und von „Außer Atem“, jetzt mit Tonnen an Bonusmaterial in der Blu Cinemathek erschienen, folgen demnächst.)

Diese Frische kommt einerseits natürlich von dem jugendlichen Drang, in dem ersten Film möglichst viel von den eigenen Wünschen, Themen und Obsessionen unterzubringen. Eine war das amerikanische Kino. Vor allem der Kriminalfilm. Der Film Noir. Allein schon, dass ein in Hollywood entstandenes Genre einen französische Namen hat, sagt wohl genug aus. Auch Malles Debütfilm „Fahrstuhl zum Schafott“ ist ein Noir.

Es kommt aber auch von der Wahl der Drehorte. So suchte Louis Malle für „Fahrstuhl zum Schafott“ vor allem Orte, die mehr an die USA (oder das Bild, das sie damals in Frankreich von den USA hatte) und die Moderne mit viel Beton, Stahl und Glas erinnerten. Die in einem Motel spielenden Szenen wurden, 200 Kilometer von Paris entfernt, am Ärmelkanal, in Le Touquet gedreht, weil es in ganz Frankreich nur dieses eine Motel, das im Film dann in der Nähe von Paris sein soll, gab. Die nächtlichen Autobahnen, die nächtlichen Pariser Straßen durch die Jeanne Moreau spaziert, begleitet von den improvisierten Klängen des Jazz-Ttompeters Miles Davis (der hier nicht von seinen Stammmusikern, sondern von Saxophonist Barney Wilen, Pianist René Urtreger, Bassist Pierre Michelot und Schlagzeuger Kenny Clarke begleitet wurde), die modernen Bürogebäude mit ihrem funktionalem Design, das alles war damals eher ein Blick in die Zukunft. So sagt Louis Malle in dem auf der DVD enthaltenem Interview, dass es damals in ganz Paris vielleicht fünf Bürogebäude mit so einem Fahrstuhl gab. Er zeigte in „Fahrstuhl zum Schafott“ ein Fantasie-Paris, das damals erst im Entstehen war.

Es wurde vor Ort, ohne zusätzliche Beleuchtung, auf den Straßen von Paris, gedreht. Es wurde alles vermieden, was an die typischen, aus anderen französischen Filmen bekannten Innenräume erinnerte – und Louis Malle und sein Kameramann Henri Decae (der Kameramann der Nouvelle Vague – und vieler französischer Filme) stilisierten ihre Bilder immer wieder. Besonders deutlich wird das in „Fahrstuhl zum Schafott“ wenn Lino Ventura Maurice Ronet verhört und wenn er, am Filmende, Jeanne Moreau als Anstifterin überführt.

Und die Regisseure der Nouvelle Vague sprachen vieles an, das damals in Filmen totgeschwiegen wurden. In „Fahrstuhl zum Schafott“ ist das jugendliche Lebensgefühl, der Indochina-Krieg und der Ehebruch (kurze Nebenbemerkung: Louis Malles nächster Film „Die Liebenden“ war wegen seiner aus damaliger Sicht verharmlosenden Sicht des Ehebruchs sogar ein veritabler Skandalfilm. Auch in „Fahrstuhl zum Schafott“ wurden für die damalige deutsche Kinoauswertung einige Stellen, die jetzt untertitelt im Film sind, geschnitten).

Die Geschichte für seinen Debütfilm hatte Louis Malle nicht, wie seine Kollegen Francois Truffaut und Jean-Luc Godard öfters, in einem amerikanischem Kriminalroman, sondern in Noel Calefs Kriminalroman „Ascenseur pour L’echaufad“ gefunden. Dennoch hätte die Geschichte von dem perfekten Mord genausogut in den USA spielen können.

Das Liebespaar Julien Tavernier (Maurice Ronet) und Florence Carala (Jeanne Moreau) will Taverniers Chef, den Waffenhändler Simon Carala (Jean Wall), umbringen. Tavernier tötet ihn nachdem die Angestellten bereits ins Wochenende gegangen sind. Als er zu seiner Geliebte gehen will, bemerkt er, dass er ein wichtiges Beweisstück vergessen hat. Er geht zurück in das Bürogebäude und, als er im Fahrstuhl nach oben fahren will, stellt der Pförtner den Strom ab.

Während Tavernier versucht, sich aus dem zwischen zwei Etagen stehen gebliebenem Fahrstuhl zu befreien, wartet Florence in einem Café auf ihn. Als sie sein Auto an ihr vorbeifahren sieht und die Beifahrerin erblickt, glaubt sie, dass er sie mit einer anderen Frau betrügt. Sie streift gedankenverloren durch das nächtliche Paris.

In Taverniers Auto saßen Véronique (Yori Bertin) und, am Steuer ihr Freund, der kriminellen Abenteuern nicht abgeneigte Louis (Georges Poujouly). Sie klauten den Wagen für eine Spritztour, auf der sie ein vermögendes deutsches Ehepaar kennenlernen und gemeinsam einen feuchtfröhlichen Abend verbringen. Als Louis das Auto des Deutschen klauen will, wird er von ihm erwischt. Im Affekt erschießt Louis den Deutschen.

Inspektor Chérier (Lino Ventura) glaubt, dass Tavernier den Deutschen ermordet hat. Denn Tavernier hat kein Alibi, sein Auto wurde am Tatort gesehen und seine Freundin, die glaubt, dass er sie betrügt, belastet ihn schwer.

Jedenfalls bis die Leiche von ihrem Mann, Simon Carala, entdeckt wird.

Louis Malle erzählt diese drei Geschichten, wenn man die Ermittlungen der Polizei hinzuzählt, vier Geschichten in knapp neunzig Minuten. Entsprechend dicht, assoziativ und oft schon hastig, fast wie ein Bebop-Stück, ist „Fahrstuhl zum Schafott“ erzählt. Da gibt es keine überflüssigen Bilder. Eher schon umgekehrt – und gerade das macht „Fahrstuhl zum Schafott“, abgesehen von seinem Rang als Filmklassiker, auch heute noch gut ansehbar.

Außerdem ist die Noir-Philosophie immer noch aktuell.

Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’echaufad, Frankreich 1958)

Regie: Louis Malle

Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle

LV: Noel Calef: Ascenseur pour l’echafaud, 1956 (Fahrstuhl zum Schafott)

Mit Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Lino Ventura, Georges Poujouly, Yori Bertin, Jean Wall, Charles Denner, Jean-Claude Brialy (Gast in der Bar)

DVD

Arthaus (StudioCanal)/Kulturspiegel (Französisches Kino 9)

Bild: 1,66:1 (SW)

Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Booklet mit exklusiven Texten zum Film, Interview mit Louis Malle „Parlons Cinéma“ (17 Minuten, untertitelt), US-Trailer
Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(DVD ist auch erhältlich in der „Arthaus Collection Französisches Kino/Gesamtedition“)

Hinweise

Wikipedia über „Fahrstuhl zum Schafott“ (deutsch, englisch, französisch)

Film-Noir über „Fahrstuhl zum Schafott“

Roger Ebert über „Fahrstuhl zum Schafott“

Noir of the Week: Guy Savage über „Fahrstuhl zum Schafott“

Turner Classic Movies: Jay Carr über „Fahrstuhl zum Schafott“

Turner Classic Movies: Glenn Erickson über „Fahrstuhl zum Schafott“

Criterion: Terrence Rafferty über „Fahrstuhl zum Schafott“

Arte über „Fahrstuhl zum Schafott“

 

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One Response to DVD-Kritik: Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“

  1. […] Einer der fleißigsten und fundiertesten Krimi-Blogger weit und breit ist sicher AxelB vom Blog Kriminalakte. […]

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