DVD-Kritik: „Wer ist Hanna?“ fragen sich nur die Zuschauer

Es gibt einiges, das für „Wer ist Hanna?“ spricht. Die Besetzung (Eric Bana, Cate Blanchett, Martin Wuttke), die stilisierten Bilder, die Musik der Chemical Brothers, die oft angenehm altmodisch inszenierten Action-Szenen.

Aber trotzdem funktioniert „Wer ist Hannah?“, der erste Action-Film von Regisseur Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, „Abbitte“) nicht. Denn auch wenn der Film immer wieder und überdeutlich als Märchen inszeniert ist, spielt er doch allzu erkennbar in der Gegenwart und in einem, dank geschickter Location-Wahl und kunstvoll hergerichteter Drehorte, arg schmuddeligem Berlin, das wie die schicke Version von John Carpenters „Die Klapperschlange“-Manhattan aussieht.

Und wir sollen glauben, dass ein Mädchen, das fünfzehn Jahre mit ihrem Vater Erik Heller (Eric Bana) in der finnischen Einöde, fernab von allen technischen Errungenschaften der letzten hundert Jahre, aufwuchs und von ihm zu einer Super-Kämpferin ausgebildet wurde, sich irgendwann gegen die böse CIA behaupten kann. Als Bettlektüre gibt es – Vorsicht, Symbolik! – „Grimms Märchen“. Jetzt ist die Sechzehnjährige überzeugt, dass sie alt genug ist, um den Kampf gegen die Mörderin ihrer Mutter, die CIA-Agentin Marissa Wiegler (Cate Blanchett als die böse Hexe mit Betonfrisur und viel Schminke) aufzunehmen.

Mit einem alten Funkgerät sendet sie ein Signal aus und schon holt eine Hundertschaft schwer bewaffneter Männer sie ab und fliegt sie in die geheime, unterirdische US-Hochsicherheitsanlage Camp G in Nordafrika. Sie bringt die CIA-Agentin Wiegler um (dummerweise ist es die Falsche, aber das erfährt Hanna erst viel später) und kann flüchten. Sie macht sich auf den Weg nach Berlin. Dort will sie ihren Vater wieder treffen. Wiegler und ein von ihr beauftragter tuntiger Killer, samt seinen Helfern im Skinhead-Nazi-Look, sind ihr auf den Fersen.

Auf ihrer Reise lernt Hanna, das Mädchen aus der Wildnis, verdammt schnell sich in der Gegenwart und in der lauten Großstadt zu behaupten. Das ist allerdings arg unglaubwürdig und wenn dann irgendwann erklärt wird, warum Wiegler sie umbringen will, glaubt man, dass die Macher einfach die Prämisse der Science-Fiction-TV-Serie „Dark Angel“ geklaut und in die Vergangenheit verlegt haben. Immerhin wurde das supergeheime Projekt, zu dem Hanna gehörte, Mitte der Neunziger Jahre beendet. Aber letztendlich ist das nicht mehr als ein austauschbarer MacGuffin.

Die darum gebaute, bemühte Rachestory erfüllt ihre Funktion als handlungstreibendes Element leidlich, was auch daran liegt, dass sie im Mittelteil des Films weitgehend von einem soapigen Reiseabenteuer, verknüpft mit einigen Coming-of-Age-Episoden, verdrängt wird. Denn Hanna ist bei einer supernetten englischen Familie, samt pubertierender, altkluger Tochter untergekommen.

Dazu gibt es einen leichten Jason-Bourne-Touch, viele Berlin-Bilder (und einem exzessiven Dreh im Spreepark), etwas „Aeon Flux“-Optik (vor allem wenn Hanna aus Camp G ausbricht), eine satte Portion uralter Klischees über Deutschland, tuntige Killer und Skinhead-Nazis als Mordbuben, die von Regisseur Wright bierernst präsentiert werden, und fertig ist ein klischeetriefender Film, der mit seinen zahlreichen holzhammerartigen Anspielungen auf Märchen, der gelackten Optik und den hochkarätigen Schauspielern (Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett in einem Action-Thriller mit Knarre und im Nahkampf. Wow!!) mehr sein will als ein unlogischer, zweitklassiger Action-Film.

Aber genau das ist „Wer ist Hanna?“ letztendlich: ein B-Picture.

 

Das Bonusmaterial

 

Das Bonusmaterial ist schlichtweg enttäuschend. Die „Anatomie einer Szene“ und die entfallenen Szenen hat man nach noch nicht einmal zehn Minuten (inclusive einer Pinkelpause) gesehen. Der Audiokommentar von Joe Wright ergeht sich hauptsächlich in einer Aufzählung der Drehorte. Viel mehr erfährt man eigentlich nicht.

Wer ist Hanna? (Hanna, USA/GB/D 2011)

Regie: Joe Wright

Drehbuch: Seth Lochhead, David Farr

Musik: The Chemical Brothers

mit Saoirse Ronan, Eric Bana, Vicky Kreips, Cate Blanchett, Tom Hollander, Olivia Williams, Jason Flemyng, Martin Wuttke

DVD

Sony Pictures

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (5.1)

Untertitel: Englisch, Deutsch, Türkisch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseur Joe Wright (deutsch untertitelt), Alternatives Ende (1,5 Minuten), 3 Entfallene Szenen (3,5 Minuten), Anatomie einer Szene: Die Flucht aus Camp G (3 Minuten)

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Wer ist Hanna?“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Wer ist Hanna?“

Rotten Tomatoes über „Wer ist Hanna?“

The Telegraph redet mit Joe Wright über „Wer ist Hanna?“

NYMag interviewt Joe Wright

Vanity Fair tut’s auch

Und Collider hat noch eine Frage

 

 

Werbeanzeigen

5 Responses to DVD-Kritik: „Wer ist Hanna?“ fragen sich nur die Zuschauer

  1. […] Seth Lochhead/David Farr: Hanna (meine Besprechung von „Wer ist Hanna?“) […]

  2. […] Foxx in den Hauptrollen, inszeniert von Joe Wright („Abbitte“, „Stolz und Vorurteil“, „Wer ist Hanna?“), nach einem Drehbuch der „Erin Brokovich“-Autorin Susannah Grant, und zu einer Zeit, die […]

  3. Unbekannt sagt:

    Skinheads sind KEINE Nazis!!!!!!!!!!!

  4. AxelB sagt:

    In diesem Film schon. Und sogar ziemlich dumme.

  5. doe sagt:

    bin selbst skinhead und frage,mich was der filmemacher für einen propagandaauftrag hatte. einfach lächerlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: