Dan Burstein entschlüsselt „Die Welt der Lisbeth Salander“

Dass sich mein Stieg-Larsson-Fantum in sehr überschaubaren Grenzen bewegt, ist bekannt. Deshalb tendierte mein Interesse an Dan Bursteins „Die Welt der Lisbeth Salander – Die Millennium-Trilogie entschlüsselt“ gegen Null. Burstein veröffentlichte in den vergangenen Jahren etliche Bücher, in denen er die Bücher von Dan Brown entschlüsselte und die mich noch weniger als der in China umfallende Sack Reis interessierten.
Daher war mir auch „Die Welt der Lisbeth Salander“ herzlich egal, bis, tja, bis das Buch in meinem Briefkasten landete, ich das Inhaltsverzeichnis überflog, anfing zu lesen (Christopher Hitchens! „Nordic Noir“!) und, upps, kurz darauf, das ganze Buch gelesen hatte.
Denn Burstein beschäftigt sich nicht nur mit Stieg Larssons drei Romanen, sondern auch mit seinem Leben, seinen literarischen Vorbildern, den Verfilmungen und dem skandinavischem Krimi, teils in Überblickartikeln, teils in Interviews. Für den US-amerikanischen Buchmarkt liefern Burstein und seine Ko-Autoren Arne de Keijzer (der bereits mehrere Bücher mit Burstein veröffentlichte) und John-Henri Holmberg (der mit Larsson seit 1972 befreundet war) so auch einige Hintergrundinformationen über den „Schwedenkrimi“ und die dortige Gesellschaft, die für viele Amerikaner wahrscheinlich neu sind. Für uns natürlich weniger, weil die schwedische Gesellschaft doch der deutschen ähnelt und wir in den vergangenen Jahren wahrlich genug Schwedenkrimis lesen konnten. Daher erstaunte mich auch, dass Burstein, de Keijzer und Holmberg noch mehrere Krimiautoren interviewen konnten, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Im Zentrum des sechshundertseitigen Sammelbandes steht natürlich Stieg Larsson, seine „Millennium“-Trilogie, mit Spekulationen über den vierten Band, und immer wieder Lisbeth Salander. Mikael Blomkvist kommt eigentlich überhaupt nicht vor. Das kann an den englischen Titeln „The Girl with the Dragon Tattoo“, „The Girl who played with Fire“ und „The Girl who kicked the Hornets Nest“ liegen, die eindeutig den Fokus auf Salander, die junge, verhaltensgestörte, entmündigte Computerspezialistin, legen, das kann auch daran liegen, dass Blomkvist, der unsportliche Enthüllungsjournalist mit dem immensen Kaffeekonsum und Sexualleben das sogar James Bond neidisch macht, einfach der langweiligere Charakter ist. Wobei mir ein Artikel „Warum ich gerne Mikael Blomkvist wäre“ gefallen hätte.
Sehr interessant sind die Interviews mit Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen von Stieg Larsson, dessen Zeitschrift „Expo“ das Vorbild für „Millenium“ (die Zeitschrift, für die Blomkvist arbeitete) war. Auch die 120-seitige Stieg-Larsson-Biographie  von Holmberg gibt, ergänzt um die 50 Seiten zu Larssons Fantum zum Science Fiction und zum Krimi,  einen Einblick in die schwedische Gesellschaft der vergangenen vierzig Jahre, den linken Bewegungen (in denen Larsson sich engagierte) und dem Siebziger-Jahre-Science-Fiction-Fantum, mitsamt den internen Streitigkeiten.
Ziemlich uninteressant wird es dagegen, wenn in Larssons drei Romane „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ alles möglich hineininterpretiert wird und Laura Gordon Kutnick schön verschwörungstheoretisch Larssons Leben mit seinen Romanen vergleicht und sich fragt, ob Larsson ermordet wurde oder, wie viele seine Charaktere, untergetaucht ist. Abgesehen davon, dass etliche Elemente von Larssons Romanen zum festen Inventar eines Polit-Thrillers gehören (ein Artikel, der einen solchen Vergleich anstellt, fehlt leider), entbehren die Fragen jeder Grundlage. Denn wenn Larsson noch Leben würde und die Aussagen seiner Freunde über ihn stimmen, hätte oder würde er sicher dafür sorgen, dass seine Freundin und nicht seine Familie, zu der er eigentlich keinen Kontakt mehr hatte, die Einnahmen aus seinen Büchern bekommt.
Bei all der Lisbeth-Salander-Verklärung fällt auch auf, dass neben dem augenfälligen und schon von Larsson gebrachten Pippi-Langstrumpf-Vergleich kaum auf literarische, filmische und popkulturelle Vorläufer eingegangen wird, die auch Larsson, der ein eifriger Krimi- und SF-Leser war, kannte. Das wären neben der von Peter O’Donnell bereits in den Sechzigern erfundenen Modesty Blaise (wird erwähnt), die vielen, nur sehr knapp erwähnten, Privatdetektiv-Krimis seit den Achtzigern (beginnend mit den Romanen von Sara Paretsky, Sue Grafton und Linda Barnes), Science-Fiction-Geschichten (neben den Buch erwähnten wären es vor allem Cyberpunk-Autoren, wie William Gibson, Bruce Sterling und Neal Stephenson), diversen Hongkong-Krimis (wie „The Heroic Trio“ mit Michelle Yeoh und Maggie Cheung) und Filmen mit starken Frauen (wie „Strange Days“ und „Matrix“), auch die seit Robert B. Parker im Privatdektivkrimi fest etablierte Teilung von skrupelbehaftetem Detektiv und skrupellosem Freund. Ich sage nur Spenser und Hawk.
„Die Welt der Lisbeth Salander“ ist, wenn man die Lobhuddelei auf Larsson überliest, auch für Nicht-Larsson-Fans eine gewinnbringende Lektüre, die durch ein, zwei ordentliche Verrisse noch besser geworden wäre.
Wer noch mehr über Krimis aus Skandinavien erfahren, sollte sich unbedingt „Fjorde, Elche, Mörder – Der skandinavische Kriminalroman“ von Jost Hindersmann besorgen.

Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmberg (Hrsg.): Die Welt der Lisbeth Salander – Die Millennium-Trilogie entschlüsselt
(übersetzt von Thomas Pfeiffer, Friedrich Pflüger und Ursel Schäfer)
Heyne, 2012
628 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Tattooed Girl
St. Martin’s, New York 2011

Hinweise

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch/Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Demnächst im Kino (Besprechung folgt zum Filmstart)

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2 Responses to Dan Burstein entschlüsselt „Die Welt der Lisbeth Salander“

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