DVD-Kritik/Blu-ray-Kritik: Der immer noch frische Nouvelle-Vague-Klassiker „Außer Atem“

Dass Jean-Luc Godards Debütfilm „Außer Atem“ ein Klassiker ist, dürfte wohl kaum jemand bestreiten; ein Film der in jedem ernst zu nehmendem Filmkanon auftaucht und es auch in den inzwischen wohl weitgehend vergessenen Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung von 2003 schaffte.
Dass „Außer Atem“ viele Regisseure beeinflusste, dürfte auch bekannt sein. In der Doku „Godard: Made in USA“ erzählen Robert Benton, Arthur Penn, William Friedkin, Peter Bogdanovich, Paul Schrader, Brian de Palma und James Gray, wie Godard sie beeinflusste.
Dass Jean-Paul Belmondo mit „Außer Atem“ seine Karriere begann, in der er, neben Alain Delon, einer der großen Stars des französischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre wurde, ist ebenfalls bekannt. Auch dass das Spätwerk von Belmondo und Delon nicht mit ihrem Frühwerk mithalten kann.
Aber ist ein über fünfzig Jahre alter Film, der die Nouvelle Vague mitbegründete und der Nukleos für verschiedene Entwicklungen war, heute immer noch sehenswert? Ist das, was damals als Neuerung erkannt und bejubelt wurde, heute nicht hoffnungslos veraltet, naiv und anachronistisch?


Nun, „Außer Atem“ ist nichts davon. Der Film hat eine heute immer noch mitreisende Energie, die von der Experimentierfreude der Beteiligten, von den Kürzungen, die Godard machen musste, und den Darstellern, vor allem Jean-Paul Belmondo als Michel Poiccard und Jean Seberg als Patricia Franchini, kommt.
Michel ist ein Kleingangster, der ungefähr jedem zweiten Rock hinterhersteigt. Aber in die Amerikanerin Patricia hat er sich verliebt. Er weiß auch nicht warum. Aber er will unbedingt bei ihr bleiben. Die Sorbonne-Studentin, die auch als Journalistin arbeitet und die New York Herald Tribune verkauft, findet ihn wohl eher „interessant“.
Als er ein geklautes Auto von Marseille nach Paris fährt, wird er von einem Polizisten erwischt, tötet ihn (obwohl wir die Tat nie sehen) und taucht in Paris bei ihr unter. Während er auf das Geld von einem Freund wartet, verbringt er die Tage mit ihr. In einem kleinen Hotelzimmer und ständig miteinander redend. Sie geht zu einem Interview mit dem bekannten Autor Parvulesco (gespielt von Jean-Pierre Melville), erfährt, dass ihr Liebhaber von der Polizei gesucht wird, verrät ihn und Michel wird auf der Flucht erschossen.
Das ist nicht viel Story. Das meiste ist improvisiert. Was hier bedeutet, dass Godard die Texte erst kurz vor dem Dreh schrieb und den Schauspielern teils während des Drehs zuflüsterte. Die Vorbilder aus den USA sind deutlich zu erkennen. „Außer Atem“ ist die französische Variante eines Hollywood-Gangsterfilms, eines Noirs, die Geschichte einer unglücklichen Liebe von einem Mann zu einer Femme Fatale.
Es ist aber auch der Aufbruch zu einem neuen Kino, das bereits viele Merkmale von Jean-Luc Godards späteren Filmen hat, wie die endlos-ziellosen Dialoge, die zwischen Tiefsinn und Dadaismus pendeln, die regelbrechende Kamera und dem Verweigern von bekannten Genrekonventionen.
Gleichzeitig, in einer Mischung aus Improvisation beim Drehen, langen, ungeschnittenen Szenen, in denen die Kamera sich teils schwerelos durch den Raum bewegt, einem Vernachlässigen der Continuity (die ja darauf aufpasst, dass die Anschlüsse stimmen und Gläser nicht mal leer, mal voll sind) und einem kräftigen Kürzen der ersten Schnittfassung entstand dann diese nervöse Energie, die einfach über Anschlussfehler und damals in der Filmsprache verbotenen Jump Cuts hinwegsah.
Damals brachte „Außer Atem“, wie auch die anderen Filme der Nouvelle Vague, frischen Wind in das verstaubte Kino der Väter.
Heute; nun, heute wirkt „Außer Atem“ immer noch wie eine frische Brise, die zeigt, was möglich ist.

Das Bonusmaterial

Das reichhaltige Bonusmaterial der Blu-Cinemathek-Ausgabe ist exzellent. Es gibt eine knapp fünfminütige Einführung von Colin McCabe zum Film, die gut achtzigminütige SW-Dokumentation „Zimmer 12: Hotel de Suède“ (Frankreich, 1993) von Claude Ventura und Xavier Villetard, die kurz vor dem Abriss des Hotels, in dem die langen Gespräche zwischen Belmondo und Seberg stattfanden, sich leicht prätentiös auf Spurensuche begaben und viele Interviews mit damals am Film Beteiligten machten, die fünfzigminütige, filmhistorisch sehr spannende Doku „Godard: Made in USA“ (Frankreich, 2009) von Luc Lagier über Godards Besuche und Arbeit in den USA und, mit zahlreichen Interviews mit US-Regisseuren, über seinen Einfluss auf ihre Arbeit, und die knapp achtminütige leicht experimentelle Annäherung „Luc und wie er Jean-Luc sieht“ von Godard-Freund und -Kenner Luc Moullet für Arte Kurzschluss.
Dazu gibt es noch eine umfangreiche Bildergalerie, einige Filmplakate (Nostalgia rules!) und den Trailer, der auch ein kleines Kunstwerk und „sehr Godard“ ist.

Außer Atem (À bout de souffle, Frankreich 1960)
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach einer Geschichte von Francois Truffaut)
Buch zum Film: Claude Francolin: À bout de souffle, 1960 (Außer Atem)
mit Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger, Jean-Pierre Melville, Henri-Jacques Huet, Van Dode, Jean-Luc Godard, Roger Hanin

DVD
Studio Canal/Arthaus – Blu Cinemathek
Bild: 1,33:1 (1080/24p Full HD)
Ton: Deutsch, Französisch, Spanisch (Mono DTS-HD Master Audio)
Untertitel: – (obwohl „Deutsch, Englisch, Holländisch, Japanisch, Portugiesisch, Spanisch, Türkisch“ angekündigt sind)
Bonusmaterial: Filmpräsentation von Colin McCabe, Godard: Made in USA, Zimmer 12: Hotel de Suède, Luc und wie er Jean-Luc sieht, Fotogalerie, Trailer, Filmplakate
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Arte zum Film (mit einem Interview mit Jean-Luc Godard)

Filmzentrale mit mehreren Besprechungen über „Außer Atem“: Behrens, Kreimeier, Richter

Senses of Cinema über Jean-Luc Godard

Die Zeit (Katja Nicodemus) redet mit Jean-Luc Godard: „Kino heißt streiten“

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte

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6 Responses to DVD-Kritik/Blu-ray-Kritik: Der immer noch frische Nouvelle-Vague-Klassiker „Außer Atem“

  1. […] kann ich mir sparen, und ich bin darüber nicht einmal traurig. Gestern hat Axel B. in der „Kriminalakte“ eine ausführliche Rezension von „Ausser Atem“ veröffentlicht, und der hat ein so […]

  2. […] Luc Lagier ist auch die sehenswerte Doku „Godard: Made in USA“, die auf der Blu-Cinemathek-Ausgabe von „Außer Atem“ (Studio…drauf […]

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