Neu im Kino/FIlmkritik: „The Descendants“ oder Mit Alexander Payne und George Clooney auf Hawaii

Jetzt wurde Alexander Paynes neuer Film „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ für den Oscar in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“ , „Bester Hauptdarsteller“ und „Bester Schnitt“ nominiert. Außerdem wurde er, so der aktuelle Stand, für 62 weitere Preise nominiert und 34 hat er schon erhalten. Irgendetwas muss Alexander Payne bei seinem neuesten Film richtig gemacht haben.
Dabei erzählt er eine auf den ersten Blick sehr alltägliche Geschichte mit George Clooney in der Hauptrolle als Familienvater und Anwalt Matt King, der für seine große Familie auch ein Stück unberührtes Land verwaltet.
Als eines Tages seine Frau bei einem Bootsunfall verletzt wird und im Krankenhaus im Koma liegt, gerät auch das Leben von Matt aus den gewohnten Bahnen. Denn er muss sich um seine beiden Töchter kümmern. Die siebzehnjährige Alexandra (Shailene Woodley) erlebt gerade ihre erste große Liebe und Matt hält ihren Freund (Nick Krause), wahrscheinlich wie alle Väter, für einen ziemlichen Taugenichts, der sich auch nicht gut benehmen kann. Bei ihrer ersten Begegnung schlägt ihm Matts Schwiegervater (Robert Foster) dem jungen Schnösel daher gleich mit der Faust ins Gesicht.
Matts zweite Tochter Scottie (Amara Miller) ist erst zehn Jahre und, dank ihres Benehmens, lernt er die Eltern ihrer Klassenkameraden auf der Scottie-wird-es-nie-wieder-tun-Entschuldigungstour kennen.
Jetzt muss er für sie beide der Vater sein, der er nie war.
Und dann verrät ihm Alexandra, dass seine Frau ihn betrog. Selbstverständlich will Matt, der bislang an die perfekte Ehe geglaubt hat, wissen, wer der Nebenbuhler ist und er will ihn zur Rede stellen.
Außerdem steht jetzt der Verkauf des seit Generationen vererbten Landes an. Matt und viele Hawaiianer wollen das Grundstück an einen Einheimischen verkaufen. Matts Familie will vor allem einen möglichst hohen Preis erzielen.
Dass diese Familiengeschichte auf Hawaii spielt, verleiht ihr natürlich ein besonders Flair. Denn abgesehen von einigen, oft langlebigen Krimiserien („Hawaii Fünf-Null“, „Magnum“ und die grottige Neuauflage von „Hawaii Five-0“), ist Hawaii weitgehend unerforschtes Land und gerade das interessierte Alexander Payne, wie er mir in einem Gespräch sagte, an „The Descendants“: „Ich wollte eine alte Geschichte an einem neuen Ort erzählen. Denn bis jetzt hat auf Hawaii noch keine Gesellschaftskomödie gespielt.“
Gleichzeitig, weil er vor Ort drehte, intensiv mit der Autorin der Vorlage, Kaui Hart Hemmings, zusammenarbeitete, sich bis in die Details von ihr beraten ließ, die Nebendarsteller und Komparsen mit Einheimischen besetzte und die Musik klug auswählte, entsteht ein Gefühl für das normale Leben der Upper Class im Paradies.
Payne mischt auch schön das Komische mit dem Tragischen, die verschiedenen Plots ergänzen sich gut und trotzdem ist „The Descendants“ ein Film der mich letztendlich eher kalt lässt. Zu klein erscheinen mir die Konflikte. Zu fern sind mir Matt King, seine Familie und ihre Probleme. Und am Ende stellt sich auch ein leichtes Gefühl von „Wozu die ganze Aufregung?“ ein.
Aber natürlich ist so auch das normale Leben. „Banal Patina“ nannte Payne es und das ist wohl, genau wie bei „About Schmidt“, der Grund, warum ich etwas enttäuscht bin. Denn alles ist etwas zu banal, zu wenig absurd (wobei Payne das Absurde in jeder Situation sucht), zu wenig zugespitzt und George Clooney ist, wie Jack Nicholson in „About Schmidt“, letztendlich nur ein Buchhalter. Aber in Flip-Flops, Shorts und Hawaii-Hemd, was eben die dortige Kleidung für Geschäftsleute ist.
P. S.: „Descendant“ heißt „Nachkomme“ und eigentlich hätte der Verleih den Film „Die Nachkommen“ nennen können, aber vor einigen Jahren haben einige schlaue Leute in Hollywood gemeint, dass es besser sei, wenn ein Hollywood-Film überall den gleichen Titel hat, auch wenn ihn außerhalb der englischsprachigen Länder niemand versteht. Denn nur so kann verhindert werden, dass sinnentstellende Titel gewählt werden.

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants, USA 2011)
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash
LV: Kaui Hart Hemmings: The Descendants , 2009 (Mit deinen Augen, Neuveröffentlichung unter „The Descendants“)
mit George Clooney, Shailene Woodley, Beau Bridges, Robert Forster, Judy Greer, Matthew Lillard, Nick Krause, Amara Miller, Mary Birdsong, Rob Huebel, Patricia Hastie
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Descendants“

Rotten Tomatoes über „The Descendants“

Wikipedia über „The Descendants“ (deutsch, englisch)

The Wall Street Journal: Interview mit Kaui Hart Hemmings über „The Descendants“ (23. November 2011)

Nachtrag: Online: Mein Interview mit Alexander Payne

Advertisements

3 Responses to Neu im Kino/FIlmkritik: „The Descendants“ oder Mit Alexander Payne und George Clooney auf Hawaii

  1. […] Vorbereitung für mein Gespräch mit Alexander Payne, mit dem ich mich über seinen neuen Film „The Descendants“ (mit George Clooney auf Hawaii) unterhielt, hatte ich auch einige, teilweise schon ältere Interviews mit ihm gefunden, die ich mit […]

  2. […] Alexander Payne/Nat Faxon/Jim Rash: The Descendants (meine Besprechung von „The Descendants“) […]

  3. […] Meine Besprechung von Alexander Paynes „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten… […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: