DVD-Kritk: Bertolt Brecht und Fritz Lang machen Politik in „Auch Henker sterben“

Der Film war ein Erfolg. Wieviel er eingespielt hat, ist mir völlig unbekannt. Er ist später sehr oft im Fernsehen gelaufen. Ich halte ‚Hangman Also Die‘ für meinen wichtigsten anti-nationalsozialistischen Film.“ schrieb Fritz Lang 1971 an James K. Lyon.

In Deutschland ist „Auch Henker sterben“, so der deutsche Titel von „Hangman Also Die“, der Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Fritz Lang, fast unbekannt. Die deutsche Premiere erlebte der Film im April 1958 in der Originalfassung, einen Kinoverleih fand er nicht und ab 1974 wurde „Auch Henker sterben“, anscheinend in einer gekürzten Fassung, einige Male im Fernsehen gezeigt.

Jedenfalls sind die damals nicht synchronisierten Szenen jetzt, untertitelt, in der in der „filmedition suhrkamp“ erschienen vollständigen Fassung des Propagandafilms enthalten.

Der Film spielt im Juni 1942 und beginnt mit der Ermordung von Reinhard Heydrich, dem „Henker von Prag“ und Organisator der Judenvernichtung. Der Attentäter (Brian Donlevy), ein Mitglied der tschechischen Widerstandsbewegung, muss bei seiner Flucht improvisieren und er zieht damit Mascha Novotny (Anna Lee) und ihre Familie, bei der er mit einer erfundenen Geschichte Unterschlupf findet, mit ins Unglück. Ihr Vater, der angesehene Gelehrte Professor Stephan Novotny (Walter Brennan), durchschaut schnell die Lügen des Überraschungsgastes. Aber er schweigt.

Kurz darauf wird, obwohl die Familie Novotny nichts mit der Widerstandsbewegung zu tun hat, Professor Novotny verhaftet.

Denn die Nazis bauen ihr Terrorregime aus, verhaften wahllos Tschechen, diese leisten Widerstand, die Widerstandskämpfer versuchen dem staatlichen Zugriff zu entgehen, es gibt Verräter unter ihnen, der Attentäter fragt sich, ob er das Richtige getan hat und Mascha fordert ihn auf, sich zu stellen.

Auch Henker sterben“ gehört zu den Anti-Nazi-Propagandafilme; was seine schlechte Aufnahme in Deutschland und, weil Lang wirklich nicht besonders feinfühlig vorgeht, seinen Erfolg in den USA erklärt. Denn Lang „arbeitet von innen heraus. Er weiß, was er porträtiert, und er hat ein starkes Gefühl des Hasses. Deshalb gleitet dieser Film kaum ins Melodram ab, auch in Szenen, wo dies sehr leicht möglich wäre. Statt dessen entsteht ein Manifest des Hasses, wie das auch einige russische Filme auf ihre Weise geleistet haben. Aber Langs Hass verrät genauere Kenntnis des Gegenstandes.“ (New York Post, 16. April 1943)

Dieser Hass trägt dazu bei, dass alle Deutschen (die von deutschen Emigranten gespielt wurden) nur noch als Karikaturen durch den doch ernst gemeinten Film laufen und der Hauptplot, die Flucht des Attentäters, immer wieder ins Stocken gerät. Denn es muss auch, eher länglich, vom Schicksal der Inhaftierten und den internen Streitigkeiten der Widerstandsbewegung erzählt und das Hohelied auf den unbeugsamen Widerstandswillen der Bevölkerung gesungen werden.

Bertolt Brecht, Fritz Lang und John Wexley (dessen Anteil an der Geschichte wohl eher vernachlässigbar ist) hatten einfach zu viel zu sagen. Deshalb dauert der Film auch 130 Minuten. Das ist, auch gemessen an der damaligen Standardlänge von neunzig Minuten für einen Film, arg lang. Auch Fritz Langs andere Hollywood-Filme sind selten länger als hundert Minuten.

Und so gelungen „Auch Henker sterben“ als Propagandafilm ist, der die Amerikaner zum Kampf gegen Nazi-Deutschland mobilisieren soll, so gescheitert ist er als Film, der eine spannende Geschichte erzählt. Er ist mit über zwei Stunden einfach zu lang. Es gibt zu viele verzichtbare Subplots und Genrewechsel zwischen Mann-auf-der-Flucht-Thriller, Liebesgeschichte und Widerstandsdrama, mit zu viel Parodie. Denn heute – und wahrscheinlich auch schon damals – wirken die Nazis in „Auch Henker sterben“ wie Knallchargen. Auch die anderen Schauspieler haben einen unguten Hang zum Over-Acting, den es in diesem Ausmaß in den anderen damals von Fritz Lang inszenierten Filmen nicht gab. Und in vielen Szenen zitiert Fritz Lang sich arg plakativ selbst. Wer die Mabuse-Filme, „M“ und auch seine ersten US-Filme kennt, wird viele vertraute Motive, Bilder und Szenen, vor allem wenn der Mob agiert, wiederfinden. Entweder als direktes Zitat oder als konsequente Umkehrung einer früheren Szene.

Als Bonusmaterial gibt es ein sehr informatives und – wir reden von der „filmedition suhrkamp“ – angenehm textlastiges 44-seitiges Booklet, aus dem auch die hier verwendeten Zitate sind. Neben zeitgenössischen US-Filmkritiken (deutsche Rezensionen wurden leider nicht abgedruckt) gibt es Auszüge aus der FBI-Akte und dem Arbeitsjournal von Bertolt Brecht und Gesprächsausschnitte mit Fritz Lang und Hanns Eisler, der die Musik für „Auch Henker sterben“ schrieb.

Auch Henker sterben (Hangman also die, USA 1943)

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: John Wexley (nach einer Geschichte von Bertolt Brecht und Fritz Lang)

mit Brian Donlevy, Walter Brennan, Anna Lee, Margaret Wycherly, Nana Bryant, Billy Roy, Gene Lockhart, Hans Heinrich von Twardkowsky, Alexander Granach, Reinhold Schünzel, Lionel Stander

DVD

filmedition suhrkamp/Absolut Medien

Bild: PAL, 4:3 (Schwarzweiß)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: 44-seitiges Booklet

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

19,90 Euro (unverbindliche Preisempfehlung, aber weil sie ein halbes Buch ist…)

Hinweise

Wikipedia über „Auch Henker sterben“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Auch Henker sterben“

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Du und ich“ (You and me, USA 1938)

Fritz Lang in der Kriminalakte

One Response to DVD-Kritk: Bertolt Brecht und Fritz Lang machen Politik in „Auch Henker sterben“

  1. […] me), „Rache für Jesse James“ (The Return of Jesse James), „Menschenjagd“ (Man Hunt), „Auch Henker sterben“ (Hangman also die; nach einem Drehbuch von Bertold Brecht), „Gefährliche Begegnung“ (The Woman in the Window), „Engel der Gejagten“ (Rancho […]

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