Neu im Kino/Filmkritik: „Gefährten“ oder Ein Pferd stolpert durch den Ersten Weltkrieg

Im Gegensatz zu Martin Scorsese, der erst jetzt mit „Hugo Cabret“ seinen ersten Kinderfilm drehte, hat Steven Spielberg in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Filme gedreht, die sich explizit auch an ein jüngeres Publikum richteten. „E. T.“, „Hook“ (Hat den jemand gesehen?) und, zuletzt „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ wären zu nennen. Auch „Gefährten“ ist ein Kinderfilm für die schon etwas älteren Kinder mit einigen unpassenden Kriegsszenen, die eher an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ erinnern.

Im Mittelpunkt seines neuesten Films steht das Pferd Joey. Bei einer Pferdeauktion wird der Hengst von Ted Narracott (Peter Mullan) ersteigert. Seine Frau (Emily Watson, hauptsächlich still leidend und überaus verständnisvoll) ist entsetzt über den hoffnungslos überteuerten Kauf eines für die Landarbeit vollkommen untaugliches Pferdes, das sie in den Ruin stürzen kann. Ihr Sohn Albert (Jeremy Irvine in seinem Spielfilmdebüt), der von Pferden ungefähr soviel Ahnung hat wie ich (nämlich keine), will Joey erziehen und bis zum Beginn des ersten Weltkriegs gelingt ihm das auch prächtig. Dann, nachdem der Film schon ungefähr eine Stunde läuft, erlebt Joey auf dem Kontinent zwischen den Fronten viele Abenteuer, die strikt chronologisch erzählt werden und zwischen Kriegsgräuel und Kitschmelodram pendeln. Spielberg hatte hier wahrscheinlich eine modernisierte Variante von Anthony Manns Western-Klassiker „Winchester 73“, über ein Gewehr, das mehrmals seinen Besitzer wechselt, im Sinn. Aber bestenfalls ist eine im Krieg spielende Variante von „Lassie“ herausgekommen, in dem anstelle eines Hundes ein Pferd versucht wieder nach Hause zu kommen.

Auch Albert hat sich freiwillig verpflichtet und er erlebt die Schrecken des Ersten Weltkriegs als Kanonenfutter in den Gräben des Stellungskrieges.

Dagegen trifft Joey überall auf Pferdeliebhaber und die Absurdität der Geschichte, in der ein Pferd wichtiger als einige Kompanien toter, sterbender oder schwer verletzter Soldaten sind, erreicht ihren Höhepunkt, als Joey sich zwischen den Fronten im Stacheldraht verfängt, extra für die Befreiung des Pferdes eine Kampfpause eingelegt wird und, als der deutsche und der englische Soldat mit ihrer Befreiungsaktion nicht weiterkommen, fliegen ihnen die Bolzenschneider zum Durchschneiden des Drahtes gleich im Dutzend zu. Dass daneben vielleicht noch einige Kameraden im Matsch verrecken, interessiert die Macher nicht. In diesen Momenten will man nicht glauben, dass Spielberg auch „Schindlers Liste“ inszenierte.

Doch schon vor dem Krieg gibt es Szenen von so überirdischer Absurdität, dass man ziemlich fassungslos das Geschehen beobachtet. Denn Joey ist nicht einfach nur ein Pferd, sondern überall das beste Pferd, das sogar einen steinigen Acker in ein fruchtbares Felder verwandeln kann, indem es die Steine unterpflügt und mit dem Pflug einfach in der Mitte zerschneidet. Das ist dann doch etwas zu viel kreative Freiheit.

Und, im Gegensatz zu Martin Scorsese, der nie in Kitsch-Verdacht gerät, hat Steven Spielberg immer auch einen Hang zum süßlichen Kitsch und dem glorifizieren von Familienwerten, die er in „Gefährten“ hemmungslos austobt. Ohne den Hauch einer ironischen Brechung liefert er, so sehr auch einzelne Szenen in sich funktionieren und gelungen sind, letztendlich, abgesehen von den nicht in den Film passenden Kriegsszenen, ziemlich ungenießbaren und überlangen Over-the-Top-Disney-Kitsch, garniert mit fotogenen Sonnenuntergängen, ab.

Gerade im direkten Vergleich zu „Hugo Cabret“ ist „Gefährten“ ein erschreckend schlechter Film.

Gefährten (War Horse, USA 2011)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Lee Hall, Richard Curtis

LV: Michael Morpurgo: War Horse, 1982 (Schicksalsgefährten; Roman und Theaterstück [2007])

mit Peter Mullan, Emily Watson, David Thewlis, Niels Arestrup, Tom Hiddleston, Jeremy Irvine, Benedict Cumberbatch, Toby Kebbell, Celine Buckens, Rainer Bock, David Kross, Eddie Marsan, Hinnerk Schönemann

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Gefährten“

Rotten-Tomatoes über „Gefährten“

Wikipedia über „Gefährten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Michael Morpurgo

 

3 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „Gefährten“ oder Ein Pferd stolpert durch den Ersten Weltkrieg

  1. […] Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011) […]

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