Neu im Kino/Filmkritik: „John Carter zwischen zwei Welten“ und anders als erwartet

John Carter zwischen zwei Welten“ ist eine positive Überraschung. Immerhin war der Film jahrelang und immer wieder in Hollywood „in Entwicklung“ und niemand hat wirklich auf die Verfilmung eines Buches von Edgar Rice Burroughs, dem Erfinder von Tarzan, gewartet. Denn, Nostalgie hin, Nostalgie her, eine Geschichte über einen Bürgerkriegsveteranen (ich rede vom Sezessionskrieg 1861 – 1865), der mit einem Amulett auf den Mars gelangt, dort in die Kämpfe der Marsianer verwickelt und sich in eine Prinzessin verliebt, ist wirklich nichts, auf das zeitgenössische Kinozuschauer sehnsüchtig warten.

Dann veröffentlichte Disney einige Trailer, die nach einer grottigen „Krieg der Sterne“-Kopie (der, nach der George-Lucas-Zählung, Teile eins bis drei) aussahen, die eigentlich nur ein längliches Desaster, das ungefähr so amüsant wie der Genuss des „Musikantenstadels“ ist, erwarten ließen. Jeder offizielle Trailer brüllt: „Sieh mich nicht an!“.

Mit entsprechend niedrigen Erwartungen setzte ich im Kino die 3D-Brille (jau, selbstverständlich wurde der Film auf 3D hochgepimpt) auf und war positiv überrascht.

Es beginnt angenehm altmodisch und ruhig mit dem 18-jährigen Edgar Rice Burroughs, der reichlich überrascht um die Jahrhundertwende das Erbe seines Onkels, des überraschend verstorbenen, vermögenden Südstaatlers John Carter antritt. Er vertieft sich an einem Abend in dessen Aufzeichnungen, in denen der Ex-Soldat erzählt, wie er nach dem Krieg im Wilden Westen als Goldsucher lebte und in einer Höhle ein Amulett entdeckte, das ihn auf den Mars (der von den Bewohnern Barsoom genannt wird) transportierte. Dort gerät er dann in einen Krieg zwischen mehreren, mehr oder weniger menschlich aussehenden Völkern, er muss kämpfen, er verliebt sich und das alles geschieht vor einer fantastischen Kulisse, die all die Insignien einer einstmals prächtigen und sich jetzt im Niedergang befindenden Kultur hat.

Die rudimentäre und eher hanebüchene Story, die auch gerade in der Mitte, wenn die verschiedenen Stämme gegeneinander kämpfen und konspirieren, ihre Längen hat, erinnert mehr als einmal an „Flash Gordon“, die ersten, echten, originalen „Krieg der Sterne“-Filme, die zahlreichen Sandalenfilme, „Stargate“ und, immerhin hat James Cameron selbst darauf hingewiesen, „Avatar“. Dabei, und hier sind wir in einer amüsanten Zeitschleife, haben diese Filme sich eifrig bei John Carter und der dortigen Mythologie bedient. Denn ohne John Carter hätte es keinen „Flash Gordon“ gegeben und wenn jetzt „John Carter“ wie eine „Flash Gordon“-Kopie wirkt, dann sieht man, wie viel „Flash Gordon“ dem von Edgar Rice Burroughs erschaffenem Charakter und Barsoom verdankt.

Dass „John Carter“ so gut ist, liegt nicht nur an den Schauspielern. Mark Strong, Willem Dafoe, Thomas Haden Church, Ciáran Hinds und Bryan Cranston bürgen inzwischen für eine gewisse Qualität. Viel wichtiger sind der Regisseur und die Autoren, die die von Edgar Rice Burroughs erschaffene Welt ernst nehmen.

Regisseur und Drehbuchautor Andrew Stanton inszenierte vorher die Animationsfilme „Finding Nemo“ und „Wall-E“ und er war bei zahlreichen Pixar-Filmen beteiligt. Auch der zweite Drehbuchautor und Second-Unit-Regisseur Mark Andrews kommt aus dem Pixar-Stall. Der dritte Drehbuchautor ist Michael Chabon, der vor allem als Romanautor bekannt ist. „Wonder Boys“, „Das letzte Rätsel“ und die mit dem Hugo- und Nebula-Preis ausgezeichnete „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ sind von ihm, Bei dem zweiten „Spider-Man“-Film schrieb er am Drehbuch mit.

Und so ist „John Carter“ nicht nur deutlich besser als erwartet, sondern ziemlich gutes Fantasy-Kino, das sich erfolgreich bemüht, die damalige Zeit wiederauferstehen zu lassen. Denn der Mars, auf dem John Carter kämpfen muss, wirkt immer wie eine Parallelwelt, die man sich vor etwa hundert Jahren mit dem damaligen Wissen über Technik und fremde Welten ausdachte. Heute würde man so etwas Steampunk (wobei wir da mit unserem heutigen Wissen eine alternative viktorianische Welt entwerfen) nennen. Aber Edgar Rice Burroughs schrieb die Geschichten John-Carter-Geschichten bereits vor hundert Jahren und sie waren „rasanter, actionreicher Nonsens und sogar für damalige Verhältnisse oft absurd“, aber sie waren nicht frei von moralischen und philosophischen Aspekten, die „eine für damals überraschende Sensibilität an den Tag legt“ (David Pringle: Das ultimative Science-Fiction-Lexikon, 1997).

Als Zwölfjähriger wäre ich von „John Carter zwischen zwei Welten“ (welch dämlicher Titel!) sicher so begeistert wie damals von den „Krieg der Sterne“-Filmen (den echten!). Denn „John Carter“ ist ein ziemlich gelungener Fantasy-Film, der erfolgreich den Geist der Vergangenheit heraufbeschwört und einfach nur niveauvoll unterhalten will.

Der 3D-Effekt stört zwar nicht, aber er fällt auch nicht weiter auf.

Nachdem ich den Film gesehen hatte, entdeckte ich diesen Fan-Trailer, der einen guten Eindruck vom Film vermittelt und der wirklich neugierig auf „John Carter“ macht:

John Carter zwischen zwei Welten (John Carter, USA 2012)

Regie: Andrew Stanton

Drehbuch: Andrew Stanton, Mark Andrews, Michael Chabon,

LV: Edgar Rice Burroughs: A Princess of Mars, 1912 (als Fortsetzungsgeschichte in „All-Story“)/1917 (als Buch) (Die Prinzessin vom Mars)

mit Taylor Kitsch, Lynn Collins, Willem Dafoe, Mark Strong, Samantha Morton, Ciarán Hinds, Dominic West, Thomas Haden Church, Daryl Sabara, Polly Walker, Bryan Cranston, David Schwimmer, Jon Favreau

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „John Carter zwischen zwei Welten“

Rotten Tomatoes über „John Carter zwischen zwei Welten“

Wikipedia über „John Carter zwischen zwei Welten“ (deutsch, englisch)

Fanseite zu Edgar Rice Burroughs und John Carter of Mars

Homepage von Michael Chabon

Berichtigung: Da hab ich den Bürgerkrieg doch glatt in die siebziger Jahre verlegt…

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4 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „John Carter zwischen zwei Welten“ und anders als erwartet

  1. […] war die Werbung für “John Carter” so schlecht? Vulture hat […]

  2. Harry sagt:

    Hallo,
    ich spiel mal kurz den ungeliebten Schlauberger:

    Sezessionskrieg war von 1861-1865.

    Nix für ungut.

    Gruß
    Harry

  3. AxelB sagt:

    Hallo Harry,

    upps, stimmt. Hab’s verbessert; – obwohl der Film es mit den Fakten ja nicht so genau nimmt. Ich meine: Leben auf dem Mars?

    Nachdenkliche Grüße

    Axel

  4. […] aus bekannten Schauspielern. Eigentlich fehlt nur Mark Strong („Green Lantern“, „John Carter“). Immerhin hat man für die ersten Minuten einen Lookalike […]

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