Kurzkritik: Neil Cross: Luther: Die Drohung

Wer die ersten Minuten der ziemlich grandiosen BBC-Krimiserie „Luther“ gesehen hat, kennt das Ende von „Luther: Die Drohung“. Denn Neil Cross, der Erfinder von „Luther“, erzählt in seinem Roman die Vorgeschichte zur Serie. Er erzählt von DCI John Luthers letzten Fall vor dem Serienstart: der Jagd nach einem Baby- und Kinderentführer und Mehrfachmörder, der London terrorisiert. Er erzählt, wie die Ehe von John und Zoe Luther endgültig zerbricht und wie Luther und sein Freund Ian Reed einem alten Mann helfen. Auch dieser Subplot wird in der ersten Staffel von „Luther“ wichtig – und er nimmt Luther und Reed viel von ihrer moralischen Ambivalenz. Gleichzeitig ist das Ende der ersten „Luther“-Staffel noch tragischer.

Aber im Gegensatz zur Serie, in der Luther ein begnadeter Ermittler ist, ist er in dem Roman eher ein normaler Polizist mit Problemen, einem Mangel an Schlaf und einem unguten Hang zum Übertreten der Regeln. Das nimmt ihm dann doch etwas von der Faszination des TV-“Luthers“, der von Idris Elba kongenial verkörpert wird und den ich, wie auch die anderen TV-Schauspieler, ständig vor meinem geistigen Auge hatte.

Das lag sicher auch daran, dass Neil Cross seine Romancharaktere nach den Filmcharakteren entwarf, den Roman im Präsens schrieb und die einzelnen Szenen wie in einem Drehbuch zusammenfügte. Auch der Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen erinnert eher an ein Drehbuch.

So liest sich „Luther: Die Drohung“ wie die kaum überarbeitete Romanfassung eines nicht verfilmten Drehbuchs, bei dem alle Beschreibungen von Personen und Orten auf das allernotwendigste verknappt sind und sich nur auf die Handlung konzentriert wird. Das ist dann doch arg spartanisch geraten und es entsteht nie das Gefühl, einen Roman zu lesen.

Trotzdem: Wem die TV-Serie „Luther“ gefällt, sollte den Roman lesen. Immerhin hat hier Serienerfinder Neil Cross in die Tasten gehauen. Wer unsicher ist, ob ihm der Roman gefallen könnte, sollte sich zuerst eine Folge „Luther“ ansehen und dann den Roman lesen, der natürlich ein seltsames Déjà-Vu-Erlebnis auslöst. Immerhin weiß man, wie die Geschichte endet und es wird, für meinen Geschmack, zu viel Back Story erzählt. Muss ich denn wirklich wissen, wie Luther und Zoe sich kennen lernten?

Neil Cross: Luther: Die Drohung

(übersetzt von Marion Herbert)

Dumont, 2012

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Luther: The Calling

Simon & Schuster, London, 2011

Hinweise

BBC über „Luther“

BBC Germany über „Luther“

ZDF über „Luther“

Wikipedia über „Luther“ (deutsch, englisch)

Homepage von Neil Cross

Meine Besprechung von „Luther – Staffel 1“ (Luther, GB 2010)

3 Responses to Kurzkritik: Neil Cross: Luther: Die Drohung

  1. […] The Calling (Luther: Die Drohung), von Neil Cross (Simon & Schuster) […]

  2. […] • Luther: The Calling (Luther: Die Drohung), von Neil Cross (Simon & Schuster) […]

  3. […] Meine Besprechung von Neil Cross’ “Luther: Die Drohung” (Luther: The Calling, 2011… […]

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