Wieder erhältlich: „From Hell“ von Alan Moore und Eddie Campbell

Allein vom Umfang, immerhin liegen die über sechshundert Seiten schwer in der Hand, ist „From Hell“ von Autor Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell imposant. Denn „From Hell“ ist nicht einfach eine Sammlung von Comics à la „Alle Tarzan-Comics in einem Band“, sondern ein eigenständiges, in sich abgeschlossenes Werk, das historisch mehr als gesättigt, die Geschichte von Jack the Ripper, wie seine Taten auf die arme Bevölkerung in Whitechapel wirken, wie er von Inspector Frederick Abberline gejagt wird, wer Jack the Ripper ist und weshalb bestimmte Kreise alles tun, um dessen Täterschaft zu verschleiern, erzählt.

Denn bevor und während Alan Moore „From Hell“ schrieb, recherchierte er viel über das viktorianische England und den heute immer noch legendären Frauenmörder. Dabei brachte Jack the Ripper 1888 nur vier oder fünf Prostituierte um und wenn man sich daran erinnert, wie hoch damals Prostituierte in der Gesellschaft angesehen waren (Naja, heute eigentlich immer noch. Oder erinnern sie sich an lustige Abendgesellschaften, bei denen freimütig gesagt wird, man gehe oder sei selbst eine Prostituierte?), ist die Bekanntheit von Jack the Ripper, vor allem im Vergleich zu anderen Serienmördern, erstaunlich. Eine Erklärung ist sicher, dass sogar spekuliert wurde, dass Jack the Ripper mindestens enge Beziehungen zum Königshauses hatte, der Täter nie enttarnt wurde und dass die Taten einen großen Medienrummel entfachten.

In der jetzt von Cross Cult veröffentlichten Ausgabe von „From Hell“ sind auch die Anmerkungen von Alan Moore zu einzelnen Panels, Seiten, Szenen und Heften (selbstverständlich erschien „From Hell“ zunächst im klassischen Heftformat) enthalten. Auf 56 dreispaltig bedruckten Seiten zählt Moore fast schon korinthenkackerisch seine Rechercheergebnisse auf.

Aber wen interessiert das?

Denn wenn ich eine historische Abhandlung lesen will, schnappe ich mir ein Lexikon oder ein Sachbuch. Bei einem Comic will ich in erster Linie unterhalten werden und gerade auf dieser Ebene enttäuscht „From Hell“.

Denn anstatt sich auf einen Hauptplot zu konzentrieren, springt die Geschichte zwischen mehreren Erzählsträngen und Zeitebenen hin und her. Es wird nie wirklich deutlich, wohin das alles führen soll; vor allem weil die Identität von Jack the Ripper ziemlich früh enthüllt wird. Stattdessen wird sich auf die Bemühungen von Gull konzentriert, der im Namen des Königshauses die Täterschaft verhüllen soll. Mit der Zeit entsteht ein weitgehend statisches Sittenbild, in dem London der Spielplatz für eine riesige Verschwörung und okkultes Treiben ist. Aber ohne eine Geschichte, die eben dieses Sittenbild mit erzählerischem Leben erfüllt, ist es ein weitgehend ermüdend zu lesendes Aneinanderreihen von Episoden.

Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Eddie Campbell steigern die Verwirrung über die verschiedenen Erzählstränge und ihren Zusammenhang eher noch. Denn sie sind zeichnerisch zu wenig differenziert und teilweise sehen sich Charaktere zu ähnlich.

Trotz zahlreicher Preise, wie dem „Prix de la critique“ und mehrere Eisner-Awards, und Lobeshymnen in verschiedenen Zeitungen und bei den Fans, bleibt am Ende von „From Hell“ nur der Respekt für die Recherche übrig. Denn im Gegensatz zu „Watchmen“, wo Alan Moore ähnlich viel Zeit darauf verwandt, eine alternative Welt zu zeichnen, bleibt „From Hell“ immer im engen Korsett der historischen Fakten stecken.

2001 wurde „From Hell“ von den Hughes Brothers mit Johnny Depp, Heather Graham, Robbie Coltrane und Ian Holm verfilmt. Alan Moore gefiel die Verfilmung nicht. Dabei wusste er damals noch nicht, dass es mit „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ noch viel schlimmer kommen würde. Spätestens seitdem lästert Moore nur noch über die Verfilmungen, verzichtet auf eine Namensnennung und lehnt auch – ungewöhnlich konsequent – das Geld ab.

Alan Moore (Autor)/Eddie Campbell (Zeichnungen): From Hell

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Cross Cult, 2011

604 Seiten

49,80 Euro

Deutsche Erstausgabe dieser Ausgabe

Cross Cult, 2008

Originalausgabe/überarbeitete Gesamtausgabe

From Hell

Eddie Campbell Comics, 1999

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Blog von Eddie Campbell

Wikipedia über „From Hell“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen“



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