DVD-Kritik: Blöder Titel, guter Geisterhaushorror: „Tanz der Totenköpfe“

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als die deutschen Verleiher bei der Titelsuche sehr kreativ waren. Aus dem doch eher undramatischen „The Legend of Hell House“ wurde marktschreierisch, vielleicht auch in Anlehnung an den „Tanz der Vampire“, der „Tanz der Totenköpfe“ und auf das deutsche Filmplakat wurde ein Totenschädel gemalt.

Nun, gut. Mit etwas Fantasie entdeckt man auch ein, zwei Totenköpfe in dem Horrorfilm. Aber einen „Tanz der Totenköpfe“ gibt es nicht. John Houghs Film, der nach einem Roman und Drehbuch von Richard Matheson (zuletzt die Vorlage für „Real Steel“), entstand, ist ein richtig altmodisch-zünftiger Geisterhaus-Thriller. Denn in dem titelgebendem Höllenhaus fanden in der Vergangenheit so viele schlimme Dinge statt, dass es in der Szene der „Mount Everest der Geisterhäuser“ genannt wird. Zuletzt schlug das übersinnliche Grauen vor zwanzig Jahren zu. Damals überlebte nur Ben Fischer (Roddy McDowall). Danach wurde das Haus versiegelt.

Erst jetzt, kurz vor seinem Tod, will der schwerreiche Besitzer herausfinden, ob sein Landhaus verflucht ist oder ob es eine rationale Erklärung für die damaligen Ereignisse gibt. Er gibt dem Physiker Dr. Lionel Barrett (Clive Revill), den Medien Ben Fischer und Florence Tanner (Pamela Franklin) viel Geld, damit sie innerhalb einer Woche herausfinden, was mit dem Haus los ist.

Die vier – Dr. Barrett wird von seiner Frau Ann (Gayle Hunnicutt) begleitet – betreten das Haus und schon bald treffen sie auf den ersten Geist. Oder spielt ihnen ihre Fantasie einen Streich und es gibt für alles eine rationale Erklärung?

Natürlich erinnert „Tanz der Totenköpfe“ an „Bis das Blut gefriert“ (The Haunting, USA 1960, R.: Robert Wise), den heute wohl bekanntesten Geisterhausfilm, dessen Story auch die Blaupause für zahlreiche weitere Filme und Bücher war. Aber Houghs Version weiß trotzdem gut zu unterhalten. Das liegt einmal an dem straffen Drehbuch von Richard Matheson, der geschickt die Sympathien zwischen den vier Hausgästen verteilt und der keine Zeit für Abschweifungen hat. Insofern ist der „Tanz der Tötenköpfe“ auch ein Beispiel für effektives Geschichtenerzählen.

Dazu kommen noch die expressionistische Farbkamera in ihrem grandiosen Siebziger-Jahre-Stil und die Musik von Brian Hodgson und Delia Derbyshire, die auch zu den Gründungsmitgliedern der einflussreichen Band „White Noise“ gehörten, deren experimentelle elektronische Klänge auch „Stereolab“ beeinflussten. Derbyshire schrieb 1962 die elektronische Version der Titelmelodie von „Dr. Who“. Die Musik für „Tanz der Totenköpfe“ war ihre letzte Komposition vor einer jahrelangen Pause vom Komponieren, die die 2001 verstorbene Musikerin erst kurz vor ihrem Tod beendete.

Die elektronischen Klangcollagen von Hodgson und Derbyshire tragen viel zum Schrecken bei – und wenn es damals schon Dolby Digital 5.1 in den Kinos gegeben hätte, wäre der Horror perfekt.

Der „Tanz der Totenköpfe“ ist ein feiner, kleiner Horrorfilm, der definitiv eine Wiederentdeckung lohnt. Denn wenn die Jungs von der OFDB recht haben, lief diese Genreperle seit fast zwanzig Jahren nicht mehr im TV.

 

Die DVD

 

Für die DVD wurde ein neues HD-Remaster genommen. Entsprechend gut ist das Bild des 1972 gedrehten Films. Als Bonusmaterial gibt es nur den Trailer. Da hätte man doch wenigstens noch einige Texttafeln mit Hintergrundinformation, eine kleine Bildergalerie und ein Wendecover liefern können.

 

Andere Meinungen

 

Ein primitives Schaubuden-Spektakel in seltsam unterkühlter, zuweilen fast steriler Atmosphäre, das selbst für Fans von modischem Okkultismus zu dürftig ausfällt.“ (Lexikon des Internationalen Films)

 

Außerdem strebt der Film zu methodisch auf seinen Höhepunkt zu, indem die mysteriösen Dinge sich häufen und ausweiten und die pyrotechnischen Kunststückchen der Spezialeffekte an Lautstärke und Heftigkeit immer mehr zunehmen und uns so auf eine Laboratoriumsfeuersbrunst am Schluss vorbereiten wie in den Horrorfilmen von anno dazumal. Wenn diese dann kommt – allerdings erst nach der heute obligatorischen Sexszene -, ist sie einigermaßen zufriedenstellend realisiert.“ (William K. Everson: Klassiker des Horrorfilms, 1979)

 

Den Produzenten muss der Schlag getroffen haben, als er sich das Machwerk vorführen ließ. Bleibt nachzutragen, dass die tanzenden Totenköpfe möglicherweise beim Transport der Filmspulen nach Deutschland in der Nordsee ertrunken sind. Im Film kommen sie jedenfalls nicht vor.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms, 1985)

 

 

Tanz der Totenköpfe (The Legend of Hell House, GB 1973)

Regie: John Hough

Drehbuch: Richard Matheson

LV: Richard Matheson: Hell House, 1971 (Das Höllenhaus)

mit Pamela Franklin, Roddy McDowall, Clive Revill, Gayle Hunnicutt, Roland Culver, Peter Bowles

auch bekannt als „Kampf der Totenköpfe“ (TV-Titel und noch abstruser als der Kinotitel)

DVD

Black Hill Pictures/Koch Media

Bild: 16:9 (1,85:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Tanz der Totenköpfe“

Rotten Tomatoes über „Tanz der Totenköpfe“

Cinefantastique Online über „Tanz der Totenköpfe“

Twitch Film über „Tanz der Totenköpfe“

Kriminalakte: Ein episch langes Interview mit Richard Matheson

Meine Besprechung der Richard-Matheson-Verfilmung „Real Steel“

Richard Matheson in der Kriminalakte

 

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