Neu im Kino/Filmkritik: Liam Neeson als Hauptdarsteller in Joe Carnahans „The Grey“

Mit „The Grey – Unter Wölfen“ hat Joe Carnahan nach dem düsteren Polizeithriller „Narc“, der durchgeknallten, schwarzhumorigen Actionkomödie „Smokin‘ Aces“ und der Blockbuster-Actionkomödie „The A-Team“ einen geradlinigen Abenteuerfilm gedreht, der zwar in Alaska spielt, aber nur wenige Kilometer entfernt in Kanada, in der Nähe von Smithers (5500 Einwohner), zwölf Autostunden nördlich von Vancouver, mitten in den verschneiten und entsprechend kalten Ausläufern der Rocky Mountains gedreht wurde.

Dieses Mal erzählt Joe Carnahan die Geschichte einer Gruppe Männer, deren Flugzeug mitten in der Einöde abstürzt und die dann um ihr Überleben kämpft. So weit, so konventionell und die Jack-London-Fans sind wahrscheinlich schon begeistert in das nächste Kino gerannt.

Die Liam-Neeson-Fans dürfen sich anschließen. Immerhin hat Neeson hier die Hauptrolle und er ist brillant als verbitterter, einzelgängerischer Aufpasser John Ottway. Der Biologe hat sich, wie die anderen Arbeiter in der Ölraffinerie, in die menschenfeindliche Einöde zurückgezogen. Sie sind, nun, nicht unbedingt die Männer, mit denen man im Club bei einem Glas Rotwein über abendländische Philosophie diskutiert. Ottways Job ist es, die Arbeiter vor herumstreunenden Tieren, vor allem Wölfe, zu schützen.

Wegen eines Schichtwechsels fliegen Ottway und die aktuelle Crew zurück nach Kanada in die Zivilisation. Während des Flugs stürzt das Flugzeug mitten im Nirgendwo ab. Nur acht Männer überleben den Absturz. Weil Ottway am meisten Ahnung vom Überleben in der Wildnis hat, wird er ihr Anführer. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur nächsten Siedlung. Dabei werden sie von einem Rudel Wölfe, für die sie nur die nächste Mahlzeit sind, verfolgt.

Dieses archetypische Duell zwischen Mensch und Tier erzählt Joe Carnahan ohne störende Subplots und ausgewalzte Hintergrundgeschichten, in denen wir alles über die Charaktere erfahren. Sogar Ottways Vergangenheit und der Grund für seinen Rückzug in die Einöde bleibt, bis auf einige Bilder, die so kryptisch sind, dass sie eher die Funktion einer Fantasie erfüllt, im Dunkeln. Umso kraftvoller wird der Hauptplot, der gerade in seiner Reduktion, auch als Allegorie mit einer sehr klaren Botschaft gesehen werden kann: Nur wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Im Dunkeln bleiben die meiste Zeit auch die Wölfe. Sie attackieren die Überlebenden schnell und rücksichtslos. Oft auch in der Dunkelheit. Sie belauern die Menschen und oft sind nur Details von ihnen sicht- und hörbar. Die Fantasie des Zuschauers, unterstützt von einem genial-furchterregendem Soundtrack, der die gefühlte Temperatur im Kino um einige Grad senkt, übernimmt den Rest. Das erinnert in seinem Schreckenspotential an das Monster in Ridley Scotts „Alien“, der auch einer der „The Grey“-Produzenten ist. Und natürlich weiß Joe Carnahan, dass er nichts zeigen kann, was nicht von der Fantasie des Zuschauers übertroffen wird. Also kann er gleich die Arbeit machen.

Joe Carnahan haucht der altbekannten Überleben-in-der-Wildnis-Story durch die raue Art seines Erzählens so viel neues Leben ein, dass „The Grey“ trotz, oder wegen, der grandiosen Landschaft ein beklemmend-düsterer, alptraumhafter Abenteuerfilm ist.

Die Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films, die die prestigeträchtigen Saturn Awards verleiht, hat „The Grey“ als besten Horrorfilm/Thriller nominiert und bei der Konkurrenz (unter anderem „Contagion“ und „Verblendung“) hat er gute Chancen den Preis bei der Preisverleihung am 20. Juni zu erhalten.

The Grey – Unter Wölfen (The Grey, USA 2012)

Regie: Joe Carnahan

Drehbuch: Joe Carnahan, Ian Mackenzie Jeffers

LV: Ian Mackenzie Jeffers: Ghost Walker (Publikationsdatum und -ort unklar)

mit Liam Neeson, Frank Grillo, Dermot Mulroney, Dallas Roberts, Joe Anderson, Nonso Anozie, James Badge Dale

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Grey“

Rotten Tomatoes über „The Grey“

Wikipedia über „The Grey“ (deutsch, englisch)

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