Jon Ronson erkennt: „Die Psychopathen sind unter uns“

Herrje, wer hat nur den deutschen Titel von Jon Ronsons neuem Buch verbrochen? „Die Psychopathen sind unter uns“ ist okay. Macht neugierig und beschreibt auch den Inhalt durchaus zutreffend. Aber der Untertitel „Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht“ ist Quatsch. Denn genau dorthin geht Ronson nicht. Der Originaltitel „The Psychopath Test – A Journey through the Madness Industry“ trifft den Inhalt viel genauer.

Ausgehend von zwei Erlebnissen fragt Jon Ronson sich, was Psychopathen sind und wie man sie erkennen kann. Dabei stößt er auf den Psychopathentest von Bob Hare, die Hare-PCL-R-Checkliste. Er besucht ein Seminar bei ihm und versucht anschließend mit diesem Test Psychopathen zu erkennen.

Dafür macht er sich, betont naiv und vorurteilsfrei, auf die Reise zu einem Mann, der in der psychiatrischen Klinik Broadmoor, der Irrenanstalt für Verbrecher, sitzt und behauptet, normal zu sein, einen Unternehmer, der für den wirtschaftlichen Erfolg erbarmungslos Leute entließ, Abteilungen schloss und stolz darauf ist, eine ehemalige Fernsehproduzentin für Nachmittagstalkshows, die dafür Gäste mit der richtigen Art von Wahnsinn suchte und einen Kriminalpsychologen, dessen Hilfe bei den polizeilichen Ermittlungen zur Verurteilung eines Unschuldigen führten.

Bei den Gesprächen mit diesen Menschen, fragt Ronson sich immer wieder, ob deren Verhalten nun psychopathisch ist oder nicht. Er wendet, sehr erfolgreich, den Psychopathentest von Hare bei sich und bei anderen Menschen an. Plötzlich ist fast jeder ein Psychopath oder hat mindestens einige Merkmale eines Psychopathen.

Doch je mehr Psychopathen Ronson erkennt, umso mehr fragt er sich, ob er nicht falsche Diagnosen erstellt.

Auf diese Frage gibt ihm ein Blick auf die Arbeit der Vorläufer von Bob Hare eine Antwort.

1973 schickte der Psychologe David Rosenhan, der die pseudowissenschaftliche Psychoanalyse ablehnte, mehrere Freunde, die keine psychischen Probleme hatte, in den USA zu psychiatrischen Kliniken. Sie alle sagten, sie hörten eine Stimme im Kopf. Ansonsten benahmen sie sich vollkommen normal. Alle wurden sofort eingewiesen und sie verbrachten im Durchschnitt 18 Tage in der Klinik. Rosenhan selbst wurde erst nach zwei Monaten entlassen. Als er das erzählte, forderte ihn eine Klinik auf, das Experiment zu wiederholen. In den nächsten Wochen entdeckten sie 41 Simulanten. Aber Rosenhan hatte niemand geschickt. Für die amerikanische Psychiatrie und deren Glaubwürdigkeit war das Experiment ein Desaster, das dazu führte, dass als Ausweg aus den unzuverlässigen Diagnosen nach zuverlässigen Indikatoren gesucht und immer mehr messbaren Variablen und Checklisten erstellt wurden. Diese Checklisten führten zu einer enormen Zunahme von wissenschaftlich exakt diagnostizierten Erkrankungen. Knapp gesagt, entdeckten die Psychologen, was sie suchten (Sie glauben nicht, dass das funktioniert? Dann suchen Sie mal auf ihrem nächsten Spaziergang nach der Zahl „23“.).

Im Gegensatz zu seinem vorherigen Buch „Männer, die auf Ziegen starren“, das wegen der zahlreichen Zeitsprünge und Ortswechsel (wir begleiten Ronson bei seinen Gesprächen, in der Reihenfolge, in der er sie führte) unter seiner chaotischen Struktur litt, arbeitet Ronson sich hier chronologisch durch sein Thema.

Das ist amüsant zu lesen, aber auch etwas langatmig, weil wir Ronson auf seiner persönlichen Entdeckungsreise begleiten. Denn vieles, was er entdeckte, hätte auch in ein, zwei längeren Reportagen behandelt werden können.

So bleibt nach der Lektüre von „Die Psychopathen sind unter uns“ nur ein vergnüglich zu lesender Sachbuch-Schmöker, garniert mit einigen Lachern, übrig.

Und natürlich ist es keine Reise zu den Schaltstellen der Macht, sondern ein etwas unkonzentrierter Einblick in die „Madness Industry“, also in das lukrative Geschäft mit dem Wahnsinn und seelischen Erkrankungen, an dem viele Menschen gut verdienen.

Jon Ronson: Die Psychopathen sind unter uns – Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht

(übersetzt von Martin Jaeggi)

Tropen, 2012

272 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Psychopath Test – A Journey through the Madness Industry

Riverhead Books, 2011

Hinweise

Homepage von Jon Ronson

Meine Besprechung der Jon-Ronson-Verfilmung „Männer, die auf Ziegen starren“ (The men who stare at goats, USA 2009)

Werbeanzeigen

One Response to Jon Ronson erkennt: „Die Psychopathen sind unter uns“

  1. […] Meine Besprechung von Jon Ronsons “Die Psychopathen sind unter uns – Eine Reise zu den Schal… […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: