DVD-Kritik: Zehn Stunden durchwachsene Spannung mit „Die Brücke – Transit in den Tod“

Auf der fast acht Kilometer langen Öresundbrücke, die seit zwölf Jahren Schweden mit Dänemark verbindet, wird eine Frauenleiche gefunden. Weil die Tote genau auf der Grenze liegt, wird ein Ermittlungsteam, das aus schwedischen und dänischen Polizisten besteht, gebildet. Die Leitung übernehmen der dänische Polizist Martin Rohde (Kim Bodnia), ein eher gemütlicher Familienmensch, und seine schwedische Kollegin Saga Norén (Sofia Helin), eine beziehungsgehemmte Star-Ermittlerin.

Beim Abtransport der Leiche stellen sie fest, dass die Leiche in der Mitte durchtrennt wurde. In der Gerichtsmedizin erfahren sie, dass die obere Hälfte der Leiche eine schwedische Politikerin, die untere Hälfte eine vor über einem Jahr spurlos verschwundene dänische Prostituierte ist.

Kurz darauf geht ein anonymer Anruf, der mit weiteren Taten droht, ein. Der Mörder will, so sagt er, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen.

Klingt spannend? Ist es auch. Jedenfalls solange man rätselt, wer der Täter ist.

Aber „Die Brücke – Transit in den Tod“ ist auch ein zunehmend abstruser Thriller, bei dem die gesellschaftlichen Missstände nur von dem wahren Motiv ablenken sollen. Denn das findet sich im Privaten und der Täter, ein einzelner Mann, will sich an einem der Ermittler rächen.

Ausgehend von der Leichenablage auf der Brücke Tat entfaltet „Die Brücke – Transit in den Tod“ in den ersten Folgen (die Miniserie besteht aus fünf spielfilmlangen Episoden) mit zahlreichen Subplots ein Panorama der dänischen und schwedischen Gesellschaft. Man fragt sich nicht nur, wer der Täter ist, sondern man rätselt auch, wie die verschiedenen Geschichten miteinander zusammen hängen. Es gibt eine reiche Unternehmerin, die alles tut, um ihren schwer kranken Mann zu retten. Es gibt einen halbseidenen Sozialarbeiter, der einer Frau gegen ihren gewalttätigen Mann hilft und der seine obdachlose Schwester sucht. Es gibt einen Boulevard-Journalisten, der, nachdem der Terrorist eine Bombe in seinem Auto platzierte, als sein Sprachrohr fungiert. Und Martin Rohde hat zu Hause, vor allem nach einem Seitensprung, Probleme mit seiner Frau und seinem Sohn aus einer früheren Ehe, der seine Zeit chattend und spielend vor dem Computer verbringt.

Aber etliche dieser und weiterer Nebengeschichten werden entweder irgendwann erschreckend schnöde, als ob die Macher plötzlich das Interesse an diesen Charakteren verloren hätten, fallen gelassen oder sie enden so abrupt, dass man deren Ende leicht verpassen kann. Im Rückblick entpuppen sich die meisten dieser Nebengeschichten als Füllmaterial, das nur die Geschichte streckt.

Auch die Agenda des Terroristen, der auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen will, ist höchst zwiespältig. Immerhin haben die Macher sie nicht benutzt, um larmoyant-oberlehrerhafte Belehrungen, wie wir es aus jedem zweiten „Tatort“ kennen, über die Schlechtigkeit der Welt abzusondern. Die Missstände sind den Machern herzlich egal. Wie auch dem Täter, der sie als höchst pompöses Ablenkungsmanöver für seine private Vendetta benutzt.

Und wenn dann die Kommissare Saga Norén und Martin Rohde die Identität des Täters und sein Motiv erfahren, kann sich die gesamte letzte Folge der Jagd nach dem nun auch der Polizei bekannten Täter widmen. Dummerweise ist in diesem Moment die Luft aus der Geschichte raus und die Wendungen bis zur Verhaftung des Wahrheitsterroristen in der letzten Minute langweilen zunehmend.

Das klingt jetzt furchtbar negativ. Dabei ist „Die Brücke“ deutlich unterhaltsamer als die meisten „Tatorte“. Die gut zehnstündige Miniserie ist halt nur ein formelhafter, weitgehend spannender Krimi mit einem sehr sympathischen Ermittlerduo. Besonders Sofia Helin als autistische Ermittlerin mit Asperger-Syndrom hat ihre Rolle sichtlich gefallen. Wie ein kleines Kind versucht sie die Konventionen des Zusammenlebens, der Höflichkeit, zu lernen und dabei fragt sie sich, warum sie ihre Mitarbeiter für ihre gute Arbeit loben soll. Denn dafür werden sie doch bezahlt. Oder warum sie einer Mutter nicht sagen soll, dass ihre verschwundene Tochter wahrscheinlich tot ist. Das bringt dann sogar etwas Humor in den düsteren Krimi.

Die Ausstattung der DVD-Box ist, Edel-typisch, dürftig. Immerhin gibt es einige arg kurze, untertitelte Interviewschnipsel mit den Schauspielern Kim Bodnia, Sofia Helin, Sarah Boberg und Dag Malmberg, den Produzenten (deren Namen nicht gesagt werden), Kameramann Olof Johnson und den Regisseuren Charlotte Sieling, Lisa Siwe und Henrik Georgsson und einen Blick hinter die Kulissen. Nach 21 Minuten ist man damit fertig.

Untertitel gibt es keine und das Bild ist, anscheinend eine nicht überzeugende künstlerische Entscheidung der Macher, extrem blass und versackt in Braun- und Grautönen.

Die Brücke – Transit in den Tod (Bron; Broen, Schweden/Dänemark/Deutschland 2011)

Regie: Charlotte Sieling (Episode 1, 2), Lisa Siwe (Episode 3), Henrik Georgsson (Episode 4, 5)

Drehbuch: Hans Rosenfeldt, Måns Mårlind (Episode 1), Hans Rosenfeldt, Morten Dragsted, Nicolaj Scherfig (Episode 2), Hans Rosenfeldt, Nicolay Scherfig (Episode 3), Hans Rosenfeldt, Måns Mårlind (Episode 4), Hans Rosenfeldt (Episode 5) (nach einer Idee von Måns Mårlind, Hans Rosenfeldt und Björn Stein)

mit Sofia Helin (Saga Norén), Kim Bodnia (Martin Rohde), Dag Malmberg (Hans Petterson), Puk Scharbau (Mette Rohde), Emil Birk Hartmann (August Rohde), Rafael Pettersson (John), Anette Lindbäck (Gry), Said Legue (Navid), Kristina Brändén (Anne),

Sarah Boberg (Lillian), Christian Hillborg (Daniel Ferbé), Magnus Krepper (Stefan Lindberg), Kristian Lima de Faria (Åke), Maria Sundbom (Sonja Lindberg), Magnus Schmitz (Anton Cederlund), Ellen Hillingsø (Charlotte Söringer)

DVD

Edel: Motion

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Dänisch/Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit den Hauptdarstellern und Machern, Hinter den Kulissen Länge: 565 Minuten (5 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre (wegen der zweiten Folge, der Rest ist FSK 12)

Hinweise

ZDF über „Die Brücke“

Wikipedia über „Die Brücke“ (deutsch, englisch, dänisch, schwedisch)

Werbeanzeigen

2 Responses to DVD-Kritik: Zehn Stunden durchwachsene Spannung mit „Die Brücke – Transit in den Tod“

  1. […] • The Bridge (Danmarks Radio, Sveriges Television/BBC4) […]

  2. […] The Bridge (Die Brücke – Transit in den Tod) (Danmarks Radio, Sveriges Television/BBC4) […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: