Neu im Kino/Filmkritik: „The Amazing Spider-Man“ erzählt, mal wieder, wie alles begann

Es soll ja Menschen geben, die die letzten zehn Jahre in einem Paralleluniversum lebten und daher noch nie einen Superheldenfilm gesehen oder davon gehört haben. Für die ist die Geschichte von „The Amazing Spider-Man“ sicher absolut neu, fantastisch und faszinierend.

Die anderen haben in den vergangenen Jahren schon gefühlte tausendmal gesehen, wie ein Normalo zum Superhelden wird, am Ende des Films dann auch tapfer sein Schicksal schultert und, wenn die Kasse stimmte, weitere Abenteuer erleben durfte.

Sie haben auch Sam Raimis fantastischen „Spider-Man“ gesehen – und gegen diese Comicverfilmung hat Marc Webb Version der Origin-Story von Spider-Man, die er in „The Amazing Spider-Man“ erzählt, schlechte Karten. Immerhin reden wir nicht von „Hulk“.

Webb bemühte sich, der sattsam bekannten Geschichte neue Facetten abzugewinnen und eine Mischung aus eigenständiger Geschichte, Referenzen an die „Spider-Man“-Comics und Hommagen an Sam Raimis „Spider-Man“-Film zu kreieren. Doch gerade wenn er von Raimis Version abweicht, entscheidet er sich meist für die dramaturgisch schwächere Option, also die mit dem geringeren Konfliktpotential, oder er löst den Konflikt schnell in Wohlgefallen auf.

So ist Peter Parker in dem neuen „Spider-Man“-Film ein Schüler, der, nachdem sein Vater, ein Wissenschaftler, mit seiner Mutter spurlos verschwunden ist, bei seinen Großeltern aufwächst. Er ist irgendwie der Nerd der Schule. Als er im Keller eine Aktentasche seine Vaters mit einem Forschungsbericht findet, wird er neugierig. Er sucht den Kontakt zu Dr. Curt Connors (Rhys Ifans), dem Forschungskollegen seines Vaters, der bei OsCorp, mitten in Manhattan, in einem Hochsicherheitsforschungslabor arbeitet.

In dem Labor entdeckt Parker an einer Tür das Symbol, das auch auf der Akte stand. Er betritt das schlampig gesicherte Labor (er sieht, wie ein Mitarbeiter eine Kombination auf einen Touchscreen tippt und das ist die einzige Sicherung. Keine Codekarten. Keine Fingerabdrücke. Kein Irisscan. Nur gute alte Technik im neuen Design [wobei das vielleicht auch Absicht war und wir im zweiten Teil erfahren, warum das so gemacht wurde]) und er wird von einer Spinne gebissen.

Die Umwandlung von Parker zu Spider-Man geschieht atemberaubend schnell und Parker hat auch keine Probleme mit dem Akzeptieren seiner neuen Fähigkeiten.

Nachdem er indirekt für den Tod seines Onkels verantwortlich ist, beginnt er den Mörder zu suchen. Dabei räumt er, im „Kick-Ass“-Modus, auch unter den New Yorker Verbrechern auf.

Er verliebt sich in Gwen Stacy (Emma Stone), der Tochter des Polizeichefs (Denis Leary), der ihn gnadenlos jagt. Parker gesteht ihr nach dem ersten gemeinsamen Abendessen, dass er Spider-Man ist.

Und irgendwann probiert Connors die Wunderformel an sich aus und mutiert, ratzfatz, zur Eidechse, die sich in der Kanalisation versteckt und blindwütig durch Manhattan tobt.

Und wem das jetzt zu episodisch klingt, dem muss ich sagen, dass der Film genauso episodisch ist und viel zu viele Aktionen keine Folgen haben. Fast, als habe man einfach die besten Szenen aus mehreren Drehbüchern von James Vanderbilt („Zodiac“, „The Losers“), Alvin Sargent („Paper Moon“, „Nuts“,„Spider-Man 2“, „Spider-Man 3“) und Steve Kloves (fast alle „Harry Potter“-Drehbücher, „Wonder Boys“ und, auch als Regisseur, „The Fabulous Baker Boys“) zusammengeklebt und dann schnell die gröbsten Unstimmigkeiten ausgebügelt.

Denn dass Parker in das Labor eingebrochen ist, wird später nicht mehr thematisiert. Auch nicht, warum es dieses große Spinnenlabor gibt. In Raimis Film geschah es bei einem Schulausflug und gehörte in die Kategorie „Shit happens“.

Der Bösewicht des Films, der Wissenschaftler Curt Connors, wird erst sehr spät zum Bösewicht, der als Mad Scientist austauschbar bis zur letzten Minute bleibt.

In Raimis „Spider-Man“-Film war der Bösewicht der Vater seines besten Freundes. In dem neuen „Spider-Man“-Film hat Parker keine Freunde und der Konflikt zwischen seiner Freundin und ihrem Vater ist eher behauptet als real.

Und dass er seiner Freundin gleich seine Identität als Spider-Man verrät und sie es umstandslos akzeptiert, ist, nun, nicht gerade spannungsfördernd.

Sowieso zieht er bei jeder sich passenden Gelegenheit, möglichst vor viel Publikum, seine Maske so oft ab, dass man irgendwann das Gefühl hat, dass er sie gar nicht mehr anziehen muss.

Ach ja, den Mörder seines Onkels findet er nicht. Irgendwann hat er dann ja auch, dank des durch New York tobenden The Lizard, etwas anderes zu tun.

Und so plätschert der Film zwischen den einzelnen Set-Pieces weitgehend spannungsfrei bis zum Ende vor sich hin – und während des Abspanns gibt es dann noch einen Hinweis auf den zweiten Teil, der so sicher wie das Amen in der Kirche kommt, aber erschreckend lieblos präsentiert wird.

Das „Real 3D“ hätte man sich sparen könne. Die meiste Zeit ist der 3D-Effekt überflüssig und stört nicht sonderlich, aber meistens sieht’s einfach falsch aus.

Insgesamt erinnert „The Amazing Spider-Man“ eher an „Spider-Man 3“, als an „Spider-Man 1“. Immerhin ist er deutlich besser als „Green Lantern“.

Denn, das muss ich auch zugegen, so schlecht, wie ich den Film jetzt gemacht habe, ist er auch nicht. Aber Raimis Version ist, jedenfalls in der Erinnerung, einfach viel besser.

In der Fortsetzung von „The Amazing Spider-Man“ erfahren wir dann auch vielleicht, warum Peter Parkers Vaters spurlos verschwunden ist. Dann würden die Macher wirklich neue Wege beschreiten.

The Amazing Spider-Man (The Amazing Spider-Man, USA 2012)

Regie: Marc Webb

Drehbuch: James Vanderbilt, Alvin Sargent, Steve Kloves (nach einer Geschichte von James Vanderbilt)

LV: Charakter von Stan Lee und Steve Ditko

mit Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Campbell Scott, Irrfan Khan, Martin Sheen, Sally Field, C. Thomas Howell, Stan Lee (Schulbibliothekar)

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (beantragt)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Amazing Spider-Man“

Rotten Tomatoes über „The Amazing Spider-Man“

Wikipedia über „The Amazing Spider-Man“ (deutsch, englisch)

 

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One Response to Neu im Kino/Filmkritik: „The Amazing Spider-Man“ erzählt, mal wieder, wie alles begann

  1. Harry sagt:

    Hi,
    vielleicht mussten sie den mittlerweile viiiiieeeel zu alten Tobey Maguire gegen einen jüngeren für das entsprechende Zielpublikum und dann das Ganze als neu verkaufen für die nachgewachsenen Kiddies und weil wir ja alle die letzten Jahre verpennt haben, ist auch ein Twilight-Remake zumindest mal angedacht. Naja, das wär für mich wirklich neu, hab ich doch um das Zeug bisher erfolgreich nen Bogen geschlagen, obwohl ich mir ja sonst fast jeden Mist einpfeife.

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