DVD-Kritik: Ein Besuch in der „Folterkammer des Hexenjägers“ mit Vincent Price, Lon Chaney jr., Debra Paget, Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft und Roger Corman

Der deutsche Titel „Die Folterkammer des Hexenjägers“ für „The haunted palace“ ist höchst kreativer Unfug. „Das Spukschloss“ hätte es besser getroffen, aber in den Sechzigern waren die deutschen Verleiher (naja, die anderen auch) immer wieder sehr kreativ bei ihrer Titelsuche.

Der Horrorfilm mit Vincent Price in einer Doppelrolle gehört zu den neun Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen von Roger Corman, die schon damals – immerhin hat Corman schon immer darauf geachtet, dass am Ende in der Buchführung eine schwarze Null stand – durch ihre Sets (Studio zwar, Zweitverwertung sowieso, aber WOW), die bekannten Schauspieler (die damals nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen), die atmosphärische Kameraarbeit und die guten Drehbücher beeindruckten. Unter anderem schrieben Richard Matheson, Robert Wright Campbell, die auch als Romanautoren Erfolg hatten, und Robert Towne die Bücher, die eher wenig von Poes Geschichten, aber viel von deren Schaueratmosphäre übernahmen,

Auch „Die Folterkammer des Hexenjägers“ hat all das, aber keinen Hexenjäger und über die Folterkammer könnte man streiten. Es ist eher eine riesige Halle in dem riesigen, über der Neu-England-Gemeinde Arkham thronendem Schloss.

In diesem Schloss verschwanden 1765 die Töchter der Stadt. Die Gemeinde, angeführt von Weeden (Leo Gordon), verbrennt den Schlossherrn Joseph Curven (Vincent Price) auf einem Scheiterhaufen. Mit seinem letzten Atemzug verflucht er Arkham.

Hundertzehn Jahre später taucht Curvens Nachfahre Charles Dexter Ward (ebenfalls Vincent Price) mit seiner jungen Frau Ann (Debra Paget [ihr letzter Spielfilm]) in Arkham auf. Er bezieht das verlassene Schloss – und bald versucht der gar nicht so tote Geist von Joseph Curven von ihm Besitz zu ergreifen. Denn Curven will seine vor hundertzehn Jahren begonnenen Geisterbeschwörungen fortsetzen. Sein damaliger Helfer Simon Orne (Lon Chaney jr.), der als blässlicher Hausverwalter immer wieder wie ein Geist auftaucht, ist schon da. Als Lehrbuch für seine Rituale hat Curven/Ward das Necronomicon.

Genaugenommen ist „Die Folterkammer des Hexenjägers“ keine Edgar-Allan-Poe-Verfilmung (gut, als Originaltitel wurde ein Gedichttitel von Poe genommen), sondern eine, nein, die erste H.-P.-Lovecraft-Verfilmung. Charles Beaumont folgte ziemlich genau Lovecrafts posthum veröffentlichem Roman und Roger Corman verfilmte es mit den Insignien seiner Poe-Verfilmungen. Jedenfalls optisch und mit Vincent Price als Hauptdarsteller in einer Doppelrolle, Lon Chaney jr. (Der Wolfsmensch [The Wolf Man, 1941]) als Faktotum, dem als Nebendarsteller in vielen Filmen der Schwarzen Serie immer zuverlässigen Elisha Cook jr. und vielen aus anderen Corman-Produktionen bekannten Gesichtern auch gut besetzt.

Dazu kommt noch eine Dorfgemeinschaft, die ihre missgestalteten Kinder vor der Öffentlichkeit verbirgt. Curvens erste Begegnung, nachts auf offener Straße, wenn die blinden und missgestalteten Kinder sich ihm und seiner Frau im Nebel langsam nähern und einkreisen, schockiert als Urängste aufgreifendes Bild immer noch – und erinnert an ähnliche Szenen aus später gedrehten Zombiefilmen.

Auch die anderen Kinder, von denen oft wenig zu sehen ist, sind ziemlich erschreckend, während Cthulhu als grünes, sich in einer Flüssigkeit befindendes Wesen, gar nicht so furchterregend ist.

Die Folterkammer des Hexenjägers“ ist für die Freunde des altmodischen Gruselns ein großer Spaß.

Einige andere Stimmen

ein faszinierendes Gemeinschaftsprodukt von den beiden Horror-Meistern Amerikas“ meinen James Marriott und Kim Newman in „Horror – Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie“ (2007)

Sogar Ronald M. Hahn und Volker Jansen fanden in ihrem „Lexikon des Horrorfilms“ (das mit solchen Filmen eher ungnädig umgeht) lobende Worte: „einer der wenigen B-Pictures, die man sich ansehen kann, ohne Bauchschmerzen zu bekommen.“

William K. Everson, ein erklärter Fan der klassischen Horrorfilme (also der Hollywood-Horrorfilme der dreißiger und vierziger Jahre), meinte zu diesem Film immerhin „einer der besseren Roger-Corman-Horrorfilme der sechziger Jahre, als Poe-Verfilmung ausgegeben, tatsächlich eher von Lovecraft inspiriert.“ (Klassiker des Horrorfilms, 1979)

Das „Lexikon des internationalen Films“ meint: „Formal zwar über dem Durchschnitt des Genres, gleichzeitig aber geschmäcklerisch und drastisch; oberflächlich in dem Versuch, die Grenzen vom Sinnlich-Begrifflichen zum Übersinnlichen zu überschreiten.“

Der deutsche Kinostart war am 24. Oktober 1969.

Die Folterkammer des Hexenjägers (The haunted palace, USA 1963)

Regie: Roger Corman

Drehbuch: Charles Beaumont

LV: Edgar Allan Poe: The haunted palace, 1839/H. P. Lovecraft: The Case of Charles Dexter Ward, 1941 (Der Fall des Charles Dexter Ward)

mit Vincent Price, Debra Paget, Lon Chaney jr., Frank Maxwell, Leo Gordon, Elisha Cook jr.

DVD

Black Hill

Bild: 2.35:1 (16:8)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Originaltrailer

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Filme

Die Verfluchten (The house of Usher, 1960)

Das Pendel des Todes (Pit and the pendulum, 1961)

Lebendig begraben (The premature burial, 1962)

Der grauenvolle Mr. X (Tales of terror, 1962)

Der Rabe – Duell der Zauberer (The raven, 1963)

Die Folterkammer des Hexenjägers (The haunted palace, 1963 – obwohl genaugenommen eine Lovecraft-Verfilmung)

The Terror – Schloss des Schreckens (The terror, 1963 – obwohl der Film auf keiner Poe-Geschichte beruht, wird er manchmal zu Cormans Poe-Filmen gezählt)

Satanas – Das Schloss der blutigen Begierde (The masque of the Red Death, 1964)

Das Grab der Lygeia (The Tomb of Ligeia, 1964)

Hinweise

Wikipedia über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

TCM über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

H. P. Lovecraft: The Case of Charles Dexter Ward

Edgar Allan Poe: The haunted palace (das Gedicht wurde in „The Fall of the House of Usher“ eingefügt)

AMCTV: Stacie Ponder über „Die Folterkammer des Hexenjägers“ (31. Oktober 2008)

TCM: John H. Miller über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

Classic Horror: Julia Merriam über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

Senses of View: Carsten Henkelmann über „Die Folterkammer des Hexenjägers (4. September 2003)

Thomas Wagner über Roger Cormans Poe-Verfilmungen

Bonusmaterial

Joe Dante (Piranhas, Die Gremlins, Small Soldiers) spricht über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

Christopher Lee liest Edgar Allan Poes „The haunted Palace“

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