Kurze Lobhuddelei auf Daniel Woodrells „Der Tod von Sweet Mister“

Der übergewichtige Shug ‚Shuggie‘ Akins ist erst dreizehn Jahre alt. Trotzdem muss er schon den halben Haushalt schmeißen. Seine Mutter Glenda, die ihn liebevoll „Sweet Mister“ nennt, ist eine Trinkerin mit wechselnden Liebhabern. Die jüngste Eroberung der Schönheit ist Red, der als wahres Vorbild Shuggie in die Feinheiten des kleinkriminellen Lebens einführt und nebenbei Glenda verprügelt.

Als Jimmy Vin Pearce in seinem Ford Thunderbird auftaucht, ist er, allein schon durch sein Auto, für Glenda die Verheißung auf ein besseres Leben und als die Konflikte eskalieren, sieht Shuggie seine Chance gekommen.

Mit „Der Tod von Sweet Mister“, das im Original bereits vor über zehn Jahren erschien, erzählte Daniel Woodrell seine in den Ozarks spielende Geschichte erstmals aus der Perspektive eines Jugendlichen. In seinem nächsten Roman „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006), der auch erfolgreich verfilmt wurde, war eine Jugendliche, die, um ihr heruntergekommenes Haus vor einer Pfändung zu bewahren, ihren verschwundenen Vater finden musste, die Protagonistin.

Dennoch sind diese beiden Country-Noirs keine Kinder- oder Jugendbücher. Dafür müssen Shuggie und Ree Dolly, die immerhin schon Sechzehn ist, viel zu früh Verantwortung für sich und ihre Familie übernehmen. Immerhin spielen Woodrells Geschichten, bis auf seinen Western „Zum Leben verdammt“ (Woe to live on, 1987, später wegen der Verfilmung „Ride with the Devil“), in der Gegenwart in den Ozarks, einem Waldgebiet in Missouri, das, jedenfalls in den grandiosen Büchern von Daniel Woodrell, eine Hochburg der Hinterwäldler und des White Trashs ist, und wo sich Armut und kriminelle Aktivitäten glänzend verstehen.

Daniel Woodrell, der in West Plains,Missouri, lebt, beschreibt deren Leben, ohne etwas zu beschönigen, aber mit deutlicher Sympathie, in wenigen, präzise gewählten Worten und Bildern. Allein schon der Anfang von „Der Tod von Sweet Mister“ sagt so unglaublich viel über den Erzähler Shuggie, Red, deren Leben und die kommenden Ereignisse: „Als wir die Staatsgrenze überquert hatten, sagte Red, ich solle aussteigen und den Pick-up in eine andere Farbe umlackieren. Seine Stimme schien für mich immer voll von diesen Würmern zu sein, die einen fressen, wenn man tot ist. Seine Stimme wollte mich diesen wartenden Würmern vorstellen.“

In knappen Szenen und dem Mut zur klug gesetzten Lücke, die vom Leser ausgefüllt werden muss, treibt Daniel Woodrell seine Geschichten voran. So bleiben seine Bücher angenehm schlank. Gleichzeitig lenkt nichts von seiner düsteren Weltsicht ab.

Insofern ist auch „Der Tod von Sweet Mister“ eine Mogelpackung. Denn anstatt einer schnellen und entsprechend schnell vergessenen Lektüre für einen lauen Sommerabend gibt es eine Geschichte, die einen noch lange danach beschäftigt.

Hinweis 1: Neue Daniel-Woodrell-Fans dürfen sich auf die Wiederveröffentlichung seiner drei René-Shade-Romane, die im November, bei Heyne als Sammelband „Im Süden: Die Bayou-Trilogie“ erscheinen, freuen. Die drei Romane waren seit Ewigkeiten nicht mehr erhältlich.

Hinweis 2: Daniel Woodrell ist, pünktlich zur Taschenbuchausgabe von „Winters Knochen“ (ebenfalls bei Heyne), vom 12. bis 18. September in Deutschland auf Lesereise. Die genauen Daten demnächst.

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2012

192 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

The Death of Sweet Mister

Marian Wood Books/G. P. Putnam’s Son, 2001

Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über “Winter’s Bone” (27. Februar 2011)

Daniel Woodrell bei Mulholand Books

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)

Daniel Woodrell in der Kriminalakte

5 Responses to Kurze Lobhuddelei auf Daniel Woodrells „Der Tod von Sweet Mister“

  1. […] 1 (1) Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister […]

  2. […] 3 (1) Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister […]

  3. […] Tod von Sweet Mister“ ist – ach, lest doch einfach alles in meiner kurzen Lobhuddelei auf dieses Werk, das trotz eines jugendlichen Protagonisten nicht unbedingt in Kinderhände […]

  4. […] Roman basierende TV-Serie „Romanzo Criminale“ feiere ich demnächst ab), Robert Littell, Daniel Woodrell, Jim Thompson und Neal Stephenson (Aargh, die über 1000 engbedruckten Seiten seines neuen […]

  5. […] Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Der Tod von Sweet Mister“ (The Death of Sweet Mister, 20… […]

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