„Inspector Barnaby“ und das gar nicht so beschauliche Landleben

Die Assistenten von DCI Tom Barnaby wechseln. Aber die Grundpfeiler der britischen Krimiserie „Inspector Barnaby“, die im Original, nach dem Handlungsort, „Midsomer Murders“ heißt und von 1997 bis 2011 von ITV ausgestrahlt wurde, bleiben gleich.

Tom Barnaby ist glücklich verheiratet mit Joyce und ihre Tochter Cully wird zwar älter, aber sie bereitet den Eltern keine Probleme. Sogar ihre gut erzogenen Freunde sind unter den strengen Augen des Vaters akzeptabel. Die Barnabys sind das Vorbild für eine glückliche Mittelstandsfamilie.

Auch die Grafschaft Midsomer, in der sie leben, erfüllt jedes Klischees des ländlichen Englands, in dem die Welt noch heil ist. Es gibt keine Drogen. Außer Alkohol. Aber keine Alkoholiker. In Midsomer gibt es nur Genusstrinker. Es gibt keine Hippies oder Punks. Sogar die Jugendlichen freuen sich über einen schönen, altmodischen Bauerntanz. Es gibt auch keine Ausländer oder Neger. Auch Lesben und Homosexuelle scheinen diesen englischen Landstrich zu meiden. All diese Schrecknisse der Moderne und der Großstadt sind in Midsomer bislang nicht angekommen.

Eigentlich ist Midsomer sogar so friedlich, dass die Einwohner ihre Fahrräder und Wohnungen nicht abschließen. Es gibt nur eine Mordrate, die sogar für eine Großstadt beeindruckend ist. Und vielleicht gerade deswegen kriegen die Bewohner der Grafschaft Midsomer keine Schrei- und Panikattacken, wenn sie mal wieder eine Leiche entdecken. Immerhin werden in den 81 Folgen der Krimiserie zweihundert Menschen ermordet.

Auch bei den Barnabys wird sich über Tom Barnabys neuesten Mordfall beim Frühstück unterhalten, als ob es um die gemeinsame Abendplanung ginge. Und wenn die Familie Barnaby mal gemeinsam, wie in „Nass und Tod“ (Dead in the Water, GB 2004), zu einer Regatta geht, packt Joyce anschließend schulterzuckend den Picknickkorb zusammen. Es war ja klar, dass ihr Mann auch hier in einen Mordfall stolpert. So ist das Leben in der Grafschaft Midsomer.

Die zuletzt erschienenen DVD-Boxen „Volume 14“ und „Volume 15“ mit jeweils vier „Inspector Barnaby“-Fällen bieten einen Querschnitt durch die Fälle. Denn, wie auch in den vorherigen „Inspector Barnaby“-Boxen, sind die Fälle bunt aus verschiedenen Jahren und mit verschiedenen Assistenten zusammengewürfelt. Nur an den wechselnden Assistenten, an Cullys Alter und den im Polizeirevier stehenden Computern kann erahnt werden, wann der Krimi entstand.

Dabei sind die besseren Fälle von „Inspector Barnaby“ präzise Milieustudien der englischen Upper-Class, der Lords und der Neureichen, die sich teilweise seit Jahrzehnten, manchmal auch nur seit einigen Jahren, auf das innigste hassen und bekämpfen. Es gibt auch den verarmten Adel. Neid und Missgunst sind daher probate Mordmotive.

In den schlechteren Fällen (die sich eher auf „Volume 14“ befinden) wird dieser Kampf zwischen Reich und Arm dann zu einem possenhaftem Bauerntheater, das überdeutlich auf die Absurdität der Grundkonstellation der Serie hinweist.

Aber diese Cozy-Grundkonstellation bietet auch einen höchst beunruhigenden Blick in die menschliche Psyche. Denn auch wenn der Mord als eine schöne Kunst betrachtet wird, bei dem die Lösung vor allem ein intellektuelles Ratespiel ist und wenn der Mörder überführt wird, die Welt wieder in Ordnung ist, kann die absurd hohe Midsomer-Mordrate und der britische unterkühlte Umgang mit den Toten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in jeder Folge, in der es normalerweise mehrere Morde gibt, auch immer gesagt wird: „Wir brauchen keine Ausländer und keine renitenten Jugendliche, um uns gegenseitig umzubringen. Ein gut gepflegter Nachbarschafts- oder Familienstreit tut es auch. Und wenn man mit einem Mord seine Probleme lösen kann, dann tu es ruhig. Wissen Sie, das Böse ist schon lange ein akzeptierter Teil unserer Gemeinschaft.“

So gesehen sind die „Midsomer Murders“ viel beunruhigender als sich in schrecklichen Bildern und nihilistischen Tiraden badende, sich realistisch und düster nennende Krimis, in denen die Welt anscheinend aus, teils geistig minderbemittelten, Berufsverbrechern besteht und man sich immer sagen kann, dass das einen nicht betrifft, weil man ja ein ehrlicher, gesetztestreuer Bürger ist. Wie die Bewohner der Grafschaft Midsomer, die keine Probleme haben einen Malkurs oder eine Blumenschau mit einem Mord zu verbinden.

Manchmal, wie in „Die Blumen des Bösen“ (Orchis Fatalis), sind die Motive für die Mordserie sogar für die Bewohner von Midsomer ziemlich abstrus. In dem Fall wird sogar eine Frage nicht geklärt: Wie kommt ein China-Restaurant nach Midsomer?

Postskriptum: Nachdem John Nettles als Inspector Tom Barnaby 2011 den Dienst in Midsomer quittierte, haben die Macher sich entschlossen, die Serie von „Midsomer Murders“ in „Barnaby“ umzubenennen (die internationalen Verkäufe könnten eine Rolle gespielt haben) und mit Barnabys jüngerem Cousin John Barnaby (gespielt von Neil Dugeon) fortzuführen. Seinen ersten eigenen Fall „Death in the slow lane“ löste er am 23. März 2011.

Also ändert sich sogar der Ermittler, aber ‚Merry Old England‘ bleibt ‚Merry Old England‘.

Inspector Barnaby (Midsomer Murders, GB 1997 – 2011)

LV: Charaktere von Caroline Graham

mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), , Daniel Casey (Sergeant Gavin Troy, 1997 – 2003), John Hopkins (Sergeant Dan Scott, 2004 – 2005), Jason Hughes (DS Ben Jones, 2005 – 2011), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr Bullard), Laura Howard (Cully Barnaby)

Inspector Barnaby – Vol. 14

Edel

Bild: 16:9 (PAL)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 389 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre (wegen der Hochzeitsepisode „Bloody Wedding“)

Die bunt-gemischten Ermittlungen

Ganz in Rot (Blood Weeding, GB 2008, Staffel 11, Folge 2)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: David Lawrence

Mord mit Rendite (Market for Murder, GB 2002, Staffel 5, Folge 1)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Andrew Payne

Der Tod und die Lady (A Talent for Life, GB 2003, Staffel 6, Folge 1)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: David Hoskins

mit Honor Blackman

Der Tod malt mit (Painted in Blood,GB 2003 Staffel 6, Folge 3)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Andrew Payne

 

Inspector Barnaby – Vol. 15

Edel

Bild: 16:9 (PAL)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 384 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die etwas weniger bunt gemischten Ermittlungen

Unglücksvögel (Birds of Prey, GB 2003, Staffel 6, Folge 5)

Regie: Jeremy Silberston

Drehbuch: Michael Russell

Immer wenn der Scherenschleifer… (Bad Tidings, GB 2004, Staffel 7, Folge 2)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: Peter J. Hammond

Grab des Grauens (The Fisher King, GB 2004, Staffel 7, Folge 3)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Isabelle Grey

Die Blumen des Bösen (Orchis Fatalis, GB 2005, Staffel 8, Folge 3)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: Terry Hodgkinson

Hinweise

ITV über Inspector Barnaby

ZDF über „Inspector Barnaby“

Wikipedia über „Inspector Barnaby“ (deutsch, englisch)

FAZ: Nina Belz trifft John Nettles (6. März 2011)

Krimi-Couch über Caroline Graham

Kaliber.38 über Caroline Graham

 Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 12“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 13“

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