Im Verhörzimmer: Peter Schmidt mit „Einsteins Gehirn“

August 31, 2012

In seinem neuesten Roman „Einsteins Gehirn“ schickt Peter Schmidt ein vierzehnjähriges Genie um die halbe Welt. Denn Albert Pottkämper glaubt nicht, dass sein Vater, ein durchschnittlich begabter Schwindler, sein Erzeuger ist. Eher schon Albert Einstein und die im heimischen Keller stehende, aus Princeton geklaute Stickstoffflasche, über die sein Vater nicht reden will, erhärtet seinen Verdacht. Dort unterrichtete und starb Albert Einstein. Also benutzt Albert Pottkämper das Verschwinden seiner Schwester für eine kleine Flucht, auf der er dem Präsidenten der USA, dem Papst und dem Dalai Lama zu persönlichen Gesprächen trifft, in den Armen einer Schauspielerin seine Unschuld verliert und irgendwie herausfindet, wer sein Vater ist.

In den vergangenen dreißig Jahren schrieb Peter Schmidt neben Komödien und Science-Fiction-Geschichten vor allem Polit-Thriller, die internationales Niveau erreichten, und für die er dreimal den Deutschen Krimipreis erhielt. Jochen Schmidt nennt Peter Schmidts Debütroman „Mehnerts Fall“ (1981) „das wichtigste Debüt im deutschen Krimi seit dem Erscheinen von Richard Heys Erstling 1973“ (Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive, 1989/2009 [Tipp: Erstausgabe antiquarisch suchen]). Rudi Kost und Thomas Klingenmaier sagten in ihrem 1995 erschienenem Autoren-ABC „Steckbriefe“ (antiquarische Suche lohnt sich): „Peter Schmidt hat hierzulande den Polit-Thriller salonfähig gemacht und ohne sonderliche Mühe einen Standard erreicht, der internationalen Vergleichen standhalten kann.“

Seine Geschichten aus der Welt der Geheimdienste sollte man sich heute, mit dem NSU-Desaster der Sicherheitsbehörden im Hinterkopf, noch einmal durchlesen. Inzwischen hat er über dreißig Romane veröffentlicht und „Einsteins Gehirn“ zeigt keine Spur von Altersmilde. Aber das kann auch an dem jungen Erzähler liegen, der keinen Respekt vor den Obrigkeiten hat.

Jedenfalls war die Veröffentlichung von „Einsteins Gehirn“ für die Kriminalakte die Gelgenheit, dem Autor einige Fragen zu stellen:

 

Was war die Initialzündung für „Einsteins Gehirn“?

 

Ich habe mich fast totgelacht, als ich den Grundeinfall hatte. Und dann weiter jeden Tag während des Schreibens – gelacht über meine verrückten jungen Oberklugscheißer Albert …

Als das Buch fertig war, stand ich morgens auf und ging barfuss und im Schlafanzug ins Arbeitszimmer, um etwas im Manuskript nachzusehen. Und der Bursche hat es geschafft, dass ich noch mal 45 Seiten vom Anfang meines eigenen Romans las – und lachte …

Das ist tatsächlich passiert. Aber Vorsicht. Alberts kommt erst mal harmlos und witzig daher, doch vielleicht wird man damit ja in eine Falle gelockt? Wenn man das Ganze mit seinen verschiedenen Ebenen überblickt, ist es ein äußerst durchtriebenes, ja geradezu hinterhältiges Buch.

 

Einige Ihrer Romane sind Ich-Erzählungen. Andere nicht. Wie wählen Sie die Erzählperspektive aus? Und haben Sie eine Lieblingsperspektive?

 

Die Perspektive entwickelt sich aus dem Bauchgefühl heraus, was für den Stoff am effektivsten erscheint. Bei Einsteins Gehirn musste ich unbedingt in die Ich-Erzähler-Rolle des kleinen Besserwissers schlüpfen – der dann ja eigentlich in vielen Bereichen ein exzellenter Fachmann ist – was man natürlich eher mitbekommt, wenn man selber einer ist …

 

Obwohl Sie als Polit-Thriller-Autor bekannt sind, haben Sie immer auch in anderen Genres Geschichten erzählt. Wonach entscheiden Sie, welches Genre Sie bedienen?

 

Zunächst einmal ist es mein Bedürfnis nach Abwechslung. Wobei der Polit- und Spionagethriller wegen seiner vielen gesellschaftlichen Facetten und Möglichkeiten durchaus eine Sonderstellung einnimmt. Aber ich fände es langweilig, immer nur in einem „Stil“ zu malen. Oder mein Leben mit dem immer selben Detektiv zu verbringen. Wie eine meiner Freundinnen sagte, bevor sie mich verließ: „Du bist nur ein Lebensabschnittsgefährte“. Krimi-Schemata nach dem Motto: „Hier liegt die Leiche und nun kommt der Kommissar, Detektiv oder einer seiner anderen modernen Protagonisten, z. B. Gerichtsreporter, und findet den Täter“, scheinen mir meist zu abgegriffen.

 

Was halten Sie von den Genreregeln?

 

In Einsteins Gehirn gibt es ein – oder mehrere? – Verbrechen. Auch drei Leichen … aber womöglich gibt es am Ende gar keinen Mörder? Statt dessen „nur“ Schuldige? Und es gibt Gauner und Betrüger. Aber keinen Ermittler im klassischen Sinne. Albert will zwar die wahren Hintergründe des Gaunerstücks ergründen, dem er sein Leben verdankt. Doch dann passiert ihm die Aufklärung sozusagen wie nebenher auf seinem Roadtrip um die Welt. Nehmen wir nur den Zufall, dass er in einem New Yorker Hotel Zeuge eines Selbstmordversuchs wird, ohne den er später bei seinen Recherchen nicht weitergekommen wäre. Wir haben es also mit einem Krimi anderer Art zu tun. Mal liegt der Fokus auf der Verfolgung der Spuren und Indizien, mal auf anderen Themen. Zum Beispiel auf dem „sexuellen Irrsinn“ des Pubertierenden, der Klimakatastrophe, dem Problem der Willensfreiheit, der Theodizee, auf Schönheit, Glück, Fühlen, Determinismus, Quantenphysik. Oder auf Alberts interessantem Versuch der Moralbegründung. Auf den Ungerechtigkeiten innerhalb demokratischer Gesellschaften und der Möglichkeit neuer Kriege. Und unserer (manchmal) dubiosen Medienkultur mit ihren aufgesetzten Talkshows.

Genau dieses Miteinander von Themen und Kriminalhandlung erscheint mir reizvoller, als der einfache Krimi, weil der oft eingezwängt in einem belletristischen Korsett daherkommt.

 

Wie sind ihre Schreibroutinen?

 

Mit den Jahren hat sich eine Arbeitsweise herausgebildet, die sich vor allem am Vorankommen orientiert: Die „innere Flamme“ muss brennen. Es gibt ein Exposé, einen möglichst weit entwickelten Entwurf, aber kein tägliches Pensum. Überarbeiten? Das Ding ist nie fertig. Rituale? Nein, abgedunkeltes Zimmer, gelegentliche Tasse Tee oder Espresso, sonst nichts.

 

Welche fünf Bücher würden Sie für ein langes Sommerwochenende empfehlen?

 

Außer dem verrückten Albert und „Einsteins Gehirn“? – Ich finde, Albert ist auf so abenteuerliche Weise durchgeknallt und sagt dabei so viel Wichtiges, dass ein langes Wochenende kaum ausreichen würde, um seine Wahrheiten – und Hinterfotzigkeiten – auszuloten …

 

Aber gut, das neue Jahrhundert ist noch jung. Nehmen wir mal ein paar Klassiker des 20. Jahrhunderts:

Der Spion, der aus der Kälte kam“ (John le Carré)

Der Prozess“ (Franz Kafka)

Die Stunde der Komödianten“ (Graham Greene)

Der alte Mann und das Meer“ (Ernest Hemingway)

 

Vielen Dank für die Antworten! Sie dürfen das Verhörzimmer jetzt verlassen.

Peter Schmidt: Einsteins Gehirn

Gmeiner, 2012

320 Seiten

11,90 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Schmidt

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Peter Schmidt

Krimi-Couch über Peter Schmidt

Wikipedia über Peter Schmidt

 


TV-Tipp für den 31. August: Familiengrab

August 31, 2012

WDR, 00.45

Familiengrab (USA 1976, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Ernest Lehman

LV: Victor Canning: The rainbird pattern, 1972 (später “Family plot”; „Auf der Spur“)

Mrs. Rainbird verspricht dem Medium Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren vor Jahrzehnten verstossenen Neffen findet. Dieser finanziert inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Entführungen und unterstellt Blanche und ihrem Freund George niedere Motive.

Was für ein Abgang: eine lockere Krimikomödie mit tiefschwarzem Humor.

Ernest Lehman: „Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt faszinierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will – es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.“ – Mmh, da hat er Recht. „Family Plot“ (hübsch doppeldeutiger Titel) ist beim zweiten, dritten Sehen besser als beim Ersten. Und die Rückprojektionen sind schlecht wie immer.

Mit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt

Hinweise

Wikipedia über Victor Canning

Kaliber .38 über Victor Canning

Fanseite über Victor Canning

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Woody Allens neueste Postkarte: „To Rome with Love“

August 30, 2012

Seit einigen Jahren hinterlässt Woody Allen seinen Fans filmische Postkarten aus Europas schönsten Gegenden. Er war in England („Match Point“, „Scoop – Der Knüller“, „Cassandras Traum“, „Ich sehe den Mann deiner Träume“), Spanien („Vicky Cristiana Barcelona“), Frankreich („Midnight in Paris“) und ist jetzt in Italien angekommen. „To Rome with Love“ heißt seine starbesetzte Postkarte aus der italienischen Hauptstadt, in der Woody Allen sich gar nicht mehr die Mühe macht, eine Geschichte zu erzählen oder die verschiedenen Geschichten in eine zeitlich logische Reihenfolge zu ordnen. Ihm genügt, dass sie so irgendwie zusammenpassen und wir unseren Spaß an diesem Spiel mit Schein und Sein haben. Während in „Midnight in Paris“ das Paris der Gegenwart und der Vergangenheit noch voneinander getrennt war, aber jeder es als gegeben hinnahm, dass wir durch die Zeit reisen können, drängelt sich in Rom Alec Baldwin, der einen Stararchitekten spielt, der als junger Mann in Rom lebte, als besserwisserischer Geist in das Leben seines jungen Bewunderers Jack (Jesse Eisenberg). Jacks brave Freundin Sally (Greta Gerwig) und deren Freundin Monica (Elle Page), die als Filmschauspielerin alle Register der weiblichen Verführungskunst zieht, reden ebenfalls mit dem Geist. Jedenfalls manchmal. Manchmal scheinen sie ihn auch nicht zu sehen, aber solche kleinen logischen Brüche kümmern Woody Allen nicht mehr.

Denn er will noch einige andere Geschichten erzählen.

Avantgarde-Opernregisseur Jerry (Woody Allen), im Un-Ruhestand, reist mit seiner Frau Phyllis (Judy Davis) nach Rom, um den Zukünftigen ihrer Tochter Hayley (Alison Pill) kennen zu lernen. Michelangelo (Flavio Parenti) ist Anwalt und ein prinzipientreuer Kommunist, was Jerry überhaupt nickt akzeptieren kann. Erst als er bemerkt, dass Michelangelos Vater Giancarlo (Tenor Fabio Armiliato in seinem Filmdebüt) unter der Dusche ein fantastischer Opernsänger ist, hat er eine neue Aufgabe.

Hier ist Woody Allen Woody Allen, seine lebenskluge Frau ist auch Psychiaterin und er kann einige nett-belanglose Witze auf Kosten des Kulturbetriebs machen.

Es gibt die Geschichte eines jungen Ehepaares, das aus der Provinz nach Rom kommt, weil die sittenstrenge Verwandtschaft ihm einen Job angeboten hat. Als Milly (Alessandra Mastronardi in einer sehr Woody-Allenhaften Rolle) sich auf der Suche nach einem Frisör verläuft und, zuerst auf einem Filmset, später in den Armen des von ihr bewunderten Filmstars landet, springt die Prostituierte Anna (Penélope Cruz) in das Bett des herrlich verklemmten Göttergatten Antonio (Alessandro Tiberi; – Yep, neben Jesse Eisenberg ist das natürlich ein weiteres männliches Alter Ego von Woody Allen). Selbstverständlich öffnen die Verwandten, wie es sich für eine Boulevard-Komödie gehört, in der falschen Sekunde die Hotelzimmertür und Antonio muss mit Anna das High-Society-Touristenprogramm mit einem Besuch im Vatikan und einer Party mit Roms einflussreichen Männern in einem prächtigen Garten, inclusive einem kleinen, von Anna erzwungenen Seitensprung ins Gebüsch, absolvieren.

Die vierte und letzte Geschichte ist die von Leopoldo Pisanello (Roberto Benigni), der als einfacher Angestellter plötzlich und ohne irgendeinen ersichtlichen Grund berühmt und von Paparazzi und schönen Frauen verfolgt wird.

Dabei ist Woody Allens Rom immer das Fantasie-Rom eines Touristen, der Rom durch die Augen des Pauschaltouristen, angereichert mit den Erinnerungen an unzählige Filme, die in den vergangenen Jahrzehnten in Rom spielten, sieht und der sich seine Ferien nicht von einem Blick auf die unschöne Realität stören lassen will.

Diesen Blick gab es vor vierzig Jahren in „Fellinis Roma“, der ebenfalls episodischen, wunderschön burlesken, autobiographischen Liebeserklärung von Regisseur Frederico Fellini an seine Heimat, die ein ähnlich überhöhtes, aber auch viel bodenständigeres Bild von Rom bot. Denn wo bei Fellini immer auch der Blick auf die Realität vorhanden war und die Szenen in jeder Beziehung üppig ausgestattet sind, regiert bei Woody Allen in seiner flüchtig hingetupften römischen Pastiche, garniert mit vielen Woody-Allen-Weisheiten, immer das skizzenhafte.

So ist „To Rome with Love“ mit gut zwei Stunden einer von Woody Allens längsten Filmen, der dennoch kurzweilig und nett unterhält. Letztendlich ist „To Rome with Love“ das filmische Äquivalent zu einem Sommersalat.

To Rome with Love (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Woody Allen, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Penélope Cruz, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Greta Gerwig, Ellen Page, Antonio Albanese, Fabio Armiliato (Filmdebüt des Tenors), Alessandra Mastronardi, Ornella Muti, Alison Pill, Flavio Parenti, Alessando Tiberi, Riccardo Scamarcio

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „To Rome with Love“

Metacritic über „To Rome with Love“

Rotten Tomatoes über „To Rome with Love“

Wikipedia über „To Rome with Love“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Woody Allen in der Kriminalakte

 

 


TV-Tipp für den 30. August: Broken Flowers

August 30, 2012

3sat, 22.25

Broken Flowers – Blumen für die Ex (USA/Frankreich 2005, R.: Jim Jarmusch)

Drehbuch: Jim Jarmusch (inspiriert von einer Idee von Bill Raden und Sara Driver)

Don Johnston (Stoneface Bill Murray) lungert nur noch in seiner Wohnung herum und träumt von seinen früheren Frauen. Eines Tages erhält er einen anonymen Brief, in dem steht, dass er einen 19-jährigen Sohn habe. Don, der bislang von seinem Vaterglück nichts wusste, macht sich auf den Weg quer durch die USA zu seinen alten Freundinnen, die er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat und von denen eine die Mutter sein muss.

Jim Jarmusch erhielt für sein lakonisches Road-Movie über verpasste Chancen den Großen Preis der Jury in Cannes, einige weitere Preise, viel Kritikerlob – und an der Kinokasse lief der Film auch gut.

Mit Bill Murray, Julie Delpy, Jeffrey Wright, Sharon Stone, Frances Conroy, Chloë Sevigny, Jessica Lange, Tilda Swinton

Hinweise

Film-Zeit über „Broken Flowers“

Metacritic über „Broken Flowers“

Rotten Tomatoes über „Broken Flowers“

Wikipedia über „Broken Flowers“ (deutsch, englisch)

Jim Jarmusch in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Der teuerste Mashup aller Zeiten: „The Expendables 2“

August 29, 2012

Beim ersten Mal war es ein Gag; sozusagen ein Fanvideo für den Achtziger-Jahre-Action-Junkie.

Beim zweiten Mal sagten sich die Macher, dass es vollkommen idiotisch wäre, ein bewährtes Rezept zu ändern. Auch wenn jetzt von einem 100-Millionen-Dollar-Budget gesprochen wird. Aber natürlich kann man alles etwas größer machen. Deshalb sind in „The Expendables 2“ nicht nur die alten Knochen Sylvester Stallone, Dolph Lundgren, Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger (beide dieses Mal mit mehr Leinwandzeit), sondern auch Jean-Claude Van Damme und Chuck Norris, der für sein Gastspiel als „Lone Wolf“ seinen siebenjährigen Ruhestand unterbrach, dabei.

Außerdem sind, von der jüngeren Garde der Action-Stars Jason Statham, Jet Li, Randy Couture und Terry Crews wieder dabei. Als Neulinge sind Liam Hemsworth und Yu Nan im „Expendables“-Team dabei.

Die Story, nun, die war schon damals in den Achtzigern nicht so wichtig, und solange es genug Action und One-Liner gab, hat man darüber hinweggesehen. Die One-Liner gibt es auch in „The Expendables 2“. Denn die Stars nehmen sich und ihr Image lustvoll auf die Schippe. Schwarzenegger darf seine ikonischen „Terminator“-Sätze sagen, Willis etwas die harden und Chuck Norris ist der Mann, der alleine arbeitet, niemals nachladen muss (im Gegensatz zu den Expendables, denen ständig die Munition ausgeht) und einige der unglaublichsten Geschichten über ihn – Remember the Chuck-Norris-Facts! – bestätigt.

Und dann gibt es noch die grandiosen und sehr bleihaltigen Action-Szenen, die sich um eine rudimentäre Story reihen: also: Barney Ross (Stallone) und seine „Expendable“-Jungs Lee Christmas (Jason Statham), Yin Yang (Jet Li), Gunnar Jensen (Dolph Lundgren), Toll Road (Randy Couture), Hale Caesar (Terry Crews) und Billy the Kid (Liam Hemsworth) sollen im Auftrag von Mr. Church (Bruce Willis) aus einen supergesicherten Safe („Der Code ändert sich alle 120 Sekunden.“ und bei dem falschen Code macht es BUMM) eine Festplatte herausholen. Der Safe ist in einem in der albanischen Einöde abgestürztem Flugzeug. Kaum haben sie das Teil geborgen, wird es ihnen von Jean Vilain (Jean-Claude Van Damme – Ja, die Namensgebung ist sehr einfallsreich.) geklaut und Vilain macht seinem Namen alle Ehre, indem er kaltblütig vor den Augen der Expendables ihren Neuzugang, den Sniper Billy the Kid, der sowieso das Team verlassen wollte, ersticht.

Klarer Fall, dass die „Expendables“ jetzt auf Rache aus sind. Und dass Vilain mit dem auf der Festplatte enthaltenem Code den Zugang zu fünf Tonnen waffenfähigem Plutonium (oder: zu viel Wumms in den falschen Händen) hat, treibt sie noch etwas mehr an. Oh, und Vilain unterdrückt in Bulgarien einen ganzen Landstrich, indem er die Männer der Dörfer in den unterirdischen Gängen der Sowjetmilitärstation nach dem Plutonium graben lässt.

Okay, ihr habt es gemerkt: einen Pulitzer-Preis wird diese Story nicht erhalten. Aber dafür bietet sie, neben ordentlichen Portionen Sentiment, auch das Gerüst für eine atemberaubende Pre-Title-Sequenz, in der Ross‘ Söldnergruppe in Nepal zwei Geisel befreit, dabei zuerst den Ort in Schutt und Asche legt, durch den Dschungel und über einen Fluss flüchtet und immer wild um sich schießt; einen ausgedehnten Schusswechsel in einem ehemaligen Trainingsgelände der sowjetischen Armee, das vor der Schießerei wie eine US-Kleinstadt aussah (Hm, „Die rote Flut“?); eine Brückensprengung mit anschließender, abenteuerliche Bruchlandung und am Ende des Films treffen sich dann die Guten und die Bösen auf einem Flughafen, der anschließend eine umfassende Renovierung benötigt.

Das ist ziemlich sinnfreies, testerongestärktes, sehr gewalttätiges Action-Entertainment, das sich – zum Glück – nicht sonderlich ernst nimmt, die Genre-Klischees ironisch bestätigt und sich auf grob gestrickte Unterhaltung beschränkt; im Gegensatz zu den reaktionären 80er-Jahre-Actionfilmen, wie die „Missing in Action“-Filme, „Invasion USA“, der zweite und dritte „Rambo“-Film oder „Delta Force“, in denen der Held lässig Hundertschaften böser Kommunisten und andere Feinde der Freiheit tötete. In „The Expendables 2“ sind die Handlanger des Bösewichts nur noch williges Kanonenfutter.

Simon West, der mit „Con Air“ krachend die Filmszene betrat und später „Lara Croft: Tomb Raider“ über den Globus hetzte, setzt auch die Expendables kompetent und optisch sehr ansprechend in Szene. Auch auf dieser Ebene ist „The Expendables 2“ deutlich gelungener als das von Sylvester Stallone höchstselbst inszenierte Macho-Abenteuer „The Expendables“.

Achtziger-Jahre-Action-Fans werden entzückt sein. Die anderen werden sich, wie schon damals, in Grausen abwenden.

The Expendables 2 (The Expendables 2, USA 2012)

Regie: Simon WestdeutschenDrehbuch: Richard Wenk, Sylvester Stalone (nach einer Geschichte von Ken Kaufman & David Agosto und Richard Wenk, nach den Figuren von David Callaham)

mit Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Chuck Norris, Jean-Claude Van Damme, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Terry Crews, Randy Couture, Liam Hemsworth, Scott Adkins, Amanda Ooms, Charisma Carpenter

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Expendables 2“

Metacritic über „The Expendables 2“

Rotten Tomatoes über „The Expendables 2“

Wikipedia über „The Expendables 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Simon Wests „The Mechanic“ (The Mechanic, USA 2011)

 


Kurzkritik: Thierry Jonquet: Die Haut in der ich wohne

August 29, 2012

Wenn Alfred Hitchcock einen Roman verfilmte, ging er mit der Vorlage oft ziemlich freizügig um. Auch bei Pedro Almodóvars Verfilmung von Thierry Jonquets Roman „Die Haut, in der ich wohne“ kann man sich, bei einem Blick auf die Geschichte schon fragen, wo die großen Gemeinsamkeiten sind und das liegt nicht nur daran, dass der Roman 1984 und der Film heute spielt.

Damals war die Schönheitschirurgie noch nicht so weit entwickelt. Doch über weite Strecken ist in Thierry Jonquets Roman der Beruf von Richard Lafargue austauschbar. Wichtiger ist, dass er in seiner Villa seine Frau gefangen hält, sie unter Drogen setzt und zum Sex mit Freiern zwingt, während er sie dabei beobachtet. Bis wir erfahren, warum er das tut, vergeht einige Zeit, in der wir einen jungen Mann kennen lernen, der eine Bank überfiel, dabei einen Polizisten erschoss, selbst verletzt wurde und sein Gesicht der Überwachungskamera präsentierte. Jetzt ist sein Porträt auf allen Titelseiten.

Und in einer Höhle hält ein Mann einen jungen Mann fest, der sich verzweifelt fragt, warum er gefangen genommen wurde und was mit ihm geschehen soll.

Erst mit der Zeit kristallisiert sich heraus, wie diese drei parallel erzählten und fast gleichberechtigten Geschichten miteinander zusammenhängen und die Lösung ist atemberaubend perfide.

Thierry Jonquet, der in Frankreich fünfzehn Kriminalromane und etliche Jugendbücher veröffentlichte, mehrere Drehbücher schrieb und einige Preise erhielt, ist bei uns fast unbekannt. Neben „Die Haut, in der ich wohne“ wurde nur „Die Goldräuber“ und „Die Unsterblichen“ übersetzt. Dabei reiht er sich mit „Die Haut, in der ich wohne“ in die Riege der guten französischen Noir-Autoren ein, die eine vollkommen schräge Geschichte absolut glaubhaft erzählen und die sich nicht scheuen, gesellschaftlicher Außenseiter und wahnwitzige Obsessionen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte zu rücken. In Jonquets angenehm kurzen Roman ist es ein Racheplan, der in seiner Gemeinheit weit über das Alte Testament hinausgeht und der dann doch in einer Liebesgeschichte mündet, die aber letztendlich nur die gegenseitige Abhängigkeit der Charaktere auf eine neue Ebene hebt.

Almodóvar erzählt in seinem, in der Gegenwart spielendem Film eine durchaus ähnliche Geschichte, veränderte aber auch so viel, dass, ausgehend von einigen Gemeinsamkeiten, eine vollkommen andere Geschichte entstand. Vor allem ist bei ihm Antonio Banderas als Schönheitschirurg die Hauptfigur; soweit bei einem Almodóvar-Film davon gesprochen werden kann.

Die anderen Änderungen verschweige ich jetzt, um nicht den Spaß an der Lektüre zu mindern. Denn ich frage mich immer noch, ob Thierry Jonquet oder Pedro Almodovar die gemeinere Geschichte erzählt.

Thierry Jonquet: Die Haut, in der ich wohne

(übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller)

Heyne, 2009

144 Seiten

7,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Hoffmann und Campe, 2008

Originalausgabe

Mygale

Éditions Gallimard, Paris 1984

Verfilmung

Die Haut, in der ich wohne (La Piel que habito, Spanien 2011)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

mit Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Blanca Suárez, Jan Cornet, Edard Fernández, Ana Mena, Roberto Alamo

Hinweise

Homepage von Thierry Jonquet

Wikipedia über Thierry Jonquet (englisch, französisch)

Krimi-Couch über Thierry Jonquet

Film-Zeit über „Die Haut, in der ich wohne“


TV-Tipp für den 29. August: Der Texaner

August 29, 2012

SWR, 23.00

Der Texaner (USA 1976, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Phil Kaufman, Sonia Chernus

LV: Forrest Carter: The Rebel Outlaw: Josey Wales, 1973 (Gone to Texas; The Outlaw Josey Wales; Josey Wales

Missouri, während des Bürgerkriegs: Marodierende Nordstaatler bringen die Familie von Farmer Josey Wales um. Er schwört Rache, schließt sich den Südstaatlern an, ergibt sich nicht am Ende des Bürgerkrieges, wird als Outlaw gejagt und will irgendwann nur noch seine Ruhe haben. Aber langsam hat er eine Ersatzfamilie im Schlepptau.

Ein feiner Western

mit Clint Eastwood, Chief Dan George, Sondra Locke, Bill McKinney, John Vernon, Paula Trueman, Sam Bottoms

Hinweise

Wikipedia über “Der Texaner” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Hereafter – Das Leben danach” (Hereafter, USA 2010)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


%d Bloggern gefällt das: