Neu im Kino/Filmkritik: Die Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“, zweiter Versuch

Len Wisemans Remake von Paul Verhoevens Science-Fiction-Actionthriller „Total Recall“ ist eine wirklich seltsame Angelegenheit. Denn einerseits bietet der Film unzählige Ansätze für einen Totalverriss, aber andererseits langweilte ich mich beim Ansehen auch niemals. Ich genoss das Remake wie eine Geisterbahnfahrt: ich war mir immer bewusst, dass ich in einem Wagen sitze, während die plötzlich auftauchenden Geister und die schauerlichen Geräusche mich mehr oder weniger gut erschreckten. Gut, eher weniger. Jedenfalls ist eine Geisterbahnfahrt nur eine Abfolge von Schocks, ohne einen tieferen Sinn und eine irgendwie schlüssige Geschichte.

Die Macher von „Total Recall“, die Drehbuchautoren Kurt Wimmer („Equilibrium“, „Ultraviolet“, „Salt“) und Mark Bombach („Stirb langsam 4.0“, „Unstoppable – Außer Kontrolle“) und Regisseur Len Wiseman („Underworld“, „Stirb langsam 4.0“), nahmen einfach die Geschichte des Arnold-Schwarzenegger-Films und folgen ihr, oft sogar bis in die Dialoge, weitgehend ohne Änderungen. Allerdings warfen sie die gesamte Logik des Originals weg und entsorgten dabei auch die einfachen, aber sehr effektiven und glaubwürdigen Motive und Handlungen der Charaktere, bis nur noch ein bunter, aber sinnfreier Actionreigen, teils mit ebenso sinnfreien, aber CGI-intensiven Actionszenen übrig blieb und der geneigte Science-Fiction- und Action-Filmfan eifrig die Vorbilder auf einer beeindruckend langen Liste abhaken kann. Denn die einzige wirklich originelle Idee in dem Remake ist, dass die Welt nach einer Katastrophe, bis auf zwei Zentren, unbewohnbar ist. Das eine Zentrum ist im heutigen London die United Federation of Britain, das andere in Australien, die Kolonie, die auch ganz banal „The Colony“ heißt, und etliche Bewohner der Kolonie (die wie ein vergessenes „Blade Runner“-Set aussieht) fahren täglich mit dem „Fall“, einem Fahrstuhl mit Sitzgelegenheit, in 16 Minuten (Wow, das ist schnell.) von der einen Seite der Erde die 12.700 Kilometer auf die andere Seite der Erde.

Dass dieser Fahrstuhl durch den Erdkern eine vollkommen absurde Idee ist, soll uns nicht weiter kümmern. Denn die Macher versuchen auch nie, ihre in dem Science-Fiction-Spektakel entworfene Welt schlüssig zu erklären. Denn hätten sie das auch nur eine Nanosekunde versucht, hätten sie kein Best-of der SF-Filme der letzten Jahre auf die Leinwand geklatsch.

Unser Held Douglas Quaid (Colin Farrell) lebt mit seiner Frau Lori (Kate Beckinsale) in der Kolonie. In London baut er im Akkord die Synths zusammen. Diese menschenähnlichen Polizeiroboter erinnern an das Kanonenfutter aus den „Krieg der Sterne“-Filme. Er hat auch Alpträume und irgendwann geht er zu „Rekall“, einer Firma, die anscheinend in einer hinteren Ecke des Vergnügungsviertels liegt und wie die Hollywood-Version eines chinesischem Freudenhaus mit Triadenconnection aussieht. „Rekall“ implantiert falsche Erinnerungen. Quaid hätte gerne die Erinnerungen vom gefahrvollen Leben eines Geheimagenten. Als die Ärzte ihm die Erinnerungen implantieren wollen, stellen sie fest, dass Quaid Geheimagent ist – und schon stürmt eine Armada schwerbewaffneter Soldaten in den Raum. Quaid tötet sie und kann flüchten. Zu Hause erfährt er, dass seine Frau eine Agentin ist, die ihn bewachen sollte und jetzt töten will.

Ab da ist „Total Recall“ nur noch einige einzige Jagd, unterbrochen von spartanischen Erklärungen und einer kleinen Etüde auf dem Klavier.

Und man kann sich, auch ohne das Original zu kennen (schwierig) oder es noch szenengenau im Kopf zu haben (schon eher möglich), über den unlogischen Plot nur wundern. Denn es wird niemals klar, wogegen die Rebellen rebellieren, warum der Bösewicht so böse ist und warum Lori ihren Geheimagenten-Göttergatten wie gedopt im allerbesten Terminator-Stil verfolgt. Das ist alles l’art pour l’art.

Es wird auch nie ein schlüssiges Bild der Zukunft gezeichnet. Da geht alles kunterbunt durcheinander und die Logik ist in „Total Recall“ nicht mehr der ärgste Feind des Regisseurs. Denn hier ist nichts logisch.

Die Actionszenen sind zwar zahlreich und auf den ersten Blick auch optisch beeindruckend, wenn es lange Verfolgungsjagden, natürlich immer mit exzessivem Schusswaffengebrauch, in halb fliegenden Autos (weil sie zwar fliegen, aber durch Magneten auf der Fahrbahn gehalten werden) und zwischen sich in rätselhafter Weise kreuz und quer bewegenden Fahrstühlen gibt.

Gute Schauspieler, wie Bill Nighy als Rebellenführer Matthias, werden lieblos mit einer beliebigen Szene abgefertigt. Aber warum sollte es ihm besser gehen als der Frau mit den drei Brüsten. Im Original hatte sie eigene kleine Geschichte und deshalb berührte uns ihr Tod. Im Remake entblößt sie sich am Anfang und zeigt dem an ihren Reizen desinteressierten Quaid den Weg zu „Rekall“. Das hat die Qualität eines Cameos, das die Macher schnell und lieblos hinter sich bringen, um die Zuschauer nicht von der eigentlichen Geschichte abzulenken.

Insofern ist Wisemans Remake ein grandioses Beispiel für ein gescheitertes Remake: denn anstatt die Fehler des Originals auszumerzen oder der bekannten Geschichte neue Aspekte abzugewinnen oder sie für die Gegenwart zu aktualisieren oder, basierend auf der Prämisse der literarischen Quelle eine neue Geschichte zu erzählen, begnügt sich Wiseman mit einem Malen nach Zahlen. Seinem Remake fehlt der schwarze Humor, die Inspiration, der Ideenreichtum, auch im detaillierten Zeichnen einer damals fernen Zukunft mit Bildtelefonen, implantierten GPS-Sonden und zimmergroßen Flachbildschirmen, das vielschichtige Ansprechen von philosophischen Fragen, wie dem Unterschied von Realität und Traum, und die ätzende Kapitalismuskritik des Originals.

Es gibt eigentlich nichts, was wirklich für Len Wisemans Film spricht oder ihn über das Niveau eines 08/15-Actionfilms mit den schon hunderttausendmal gesehenen Standardsituationen hebt, abgesehen natürlich von den guten Schauspielern, den hübschen Tricks und der Philip-K.-Dick-Vorlage, die ungleich witziger, absurder und logischer als diese Verfilmung ist.

Und trotzdem hat mir der Film gefallen. Beim Sehen. Denn die Erinnerung verblasst schnell.

Total Recall (Total Recall, USA 2012)

Regie: Len Wiseman

Drehbuch: Kurt Wimmer, Mark Bomback (nach einer Geschichte von Ronald Shusett & Dann O’Bannon und John Povill und Kurt Wimmer)

LV: Philip K. Dick: We can remember it for you wholesale (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, April 1966, deutscher Titel „Erinnerungen en gros“, zahlreiche Nachdrucke in beiden Sprachen in verschiedenen Sammelbänden)

mit Colin Farell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bryan Cranston, John Cho, Bill Nighy, Bokeem Woodbine

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Total Recall“

Metacritic über „Total Recall“

Rotten Tomatoes über „Total Recall“

Wikipedia über „Total Recall“ (deutsch, englisch)

Homepage von Philip K. Dick

Philip K. Dick in der Kriminalakte

 

 

2 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: Die Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“, zweiter Versuch

  1. Janine sagt:

    Ich werde den Film nicht sehen bzw. warten bis er im Fernsehen läuft. Ich fand ja noch nie, dass Dick ein sonderlich guter Autor war (obgleich er wirklich tolle Ideen gehabt hat, nur die schriftstellerische Umsetzung war halt in meinen Augen nicht gelungen), aber ich dachte schon bei der ersten Verfilmung von „Total Recall“: Das hat der Philip einfach nicht verdient.

  2. […] wenn man nach einigen enttäuschenden (ich sage nur „Prometheus“ und „Total Recall“) und grottenschlechten Science-Fiction-Filmen (ich sage nur „Battleship“) mal wieder den […]

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