Mit Robert B. Parker in die „Wildnis“ und nach „Appaloosa“

Robert B. Parker hat neben den erfolgreichen Kriminalromane mit Privatdetektiv Spenser auch einige andere Romane geschrieben. Dazu gehört die kurzlebige Serie mit Privatdetektivin Sunny Randall, die eine so überdeutliche weibliche Version von Spenser war, dass sie in der Krimi-Szene niemals akzeptiert wurde. Besser erging es Parker mit dem Kleinstadtpolizisten Jesse Stone. Diese Romane weichen deutlich von der „Spenser“-Formel ab. Die erfolgreichen TV-Filme mit Tom Selleck als Jesse Stone halfen auch. Inzwischen führen Ace Atkins die Spenser-Serie und Michael Brandman die Jesse-Stone-Serie fort.

Außerdem schrieb Robert B. Parker einige Einzelwerke, wie „Wildnis“, oder den Western „Appaloosa“, der dann doch der Erste von weiteren Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romanen war.

1979, nach fünf „Spenser“-Romanen und dem autobiographischen „Three Weeks in Spring“ geschrieben mit seiner Frau Joan H. Parker über ihren Kampf gegen den Brustkrebs, veröffentlichte Robert B. Parker seinen ersten Einzelroman: „Wildnis“. In dem Thriller kollidiert Spensers Welt mit der des erfolgreichen, glücklich verheirateten Autors Aaron Newman. Er beobachtet beim Joggen einen Mord, geht zur Polizei und kann den Täter identifizieren: den skrupellosen Gangster Adolph Karl, dem es bislang immer gelang, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen. Die Beamten freuen sich, dass sie endlich einen Zeugen haben, der vor Gericht nicht einknicken will.

Als Aaron vom Polizeirevier zurückkehrt, findet er seine Frau Janet gefesselt auf ihrem Bett liegen und eine Botschaft von Adolph Karl. Er zieht seine Aussage zurück und damit könnte die Sache, abgesehen von etwas geknickter Ehre und einigen Vorwürfen seiner Frau, erledigt sein.

Aber sein Freund Chris Hood, ein Kriegsveteran, der für den Krieg lebt, setzt ihm den Floh ins Ohr, dass sie den Gangster töten müssen. Auch damit Aaron seine verletzte Ehre wiederherstellt.

Sie beobachten den Verbrecher und als er sich auf den Weg zu seinem einsam gelegenem Wochenendhaus macht, beschließen Aaron, Janet und Chris Hood ihn und seine Begleiter während einer Wanderung durch die titelgebende Wildnis zu töten.

Wildnis“, das jetzt in einer überarbeiteten Übersetzung vorliegt, ist ein fast schon archetypischer Thriller, in dem Parker sehr schön zeigt, was passiert, wenn kein Hardboiled-Detektiv, sondern ein Normalbürger gegen einen skrupellosen Gangster kämpfen muss. Eben diese veränderte Ausgangslage verändert auch die Diskussionen über Ehre und Selbstjustiz, die hier zwischen dem liberalen Intellektuellen Aaron Newman, der höchstens in seinen Romanen gewalttätig ist, und Chris Hood, der hier die Rolle von Spensers skrupellosem Freund Hawk übernimmt, stattfinden. Hood ist gleichzeitig, obwohl er im Korea-Krieg war, ein Kriegsversehrter, der sich nur im Krieg, im direkten Kampf um Leben und Tod zwischen Männern, lebendig fühlt. Für ihn ist die Jagd nach dem Gangster auch der Beweis, dass er noch lebt.

Allerdings ist die Art, wie in „Wildnis“ über das männliche Selbstverständnis und über seine Rolle als Beschützer gesprochen wird und wie liberale Ansichten über einen funktionierenden Rechtsstaat gegen alttestamentarische Western-Mythen, in denen ein Mann tut, was ein Mann tun muss, aufeinanderprallen, zutiefst ein Diskurs aus den siebziger Jahren, als das traditionelle Bild des Mannes heftig angegriffen wurde.

Abgesehen von diesen gesellschaftspolitischen Implikationen, der naheliegenden Überlegung, wie sehr Robert B. Parker sich in „Wildnis“ fragte, was er in so eine Situation tun würde und dem mühelosem Entdecken von zahlreichen autobiographischen Details (ein erfolgreicher Autor, der an einer Universität unterrichtet, schreibt über einen gleichaltrigen erfolgreichen Autor …), kann „Wildnis“ auch einfach als spannender Seventies-Thriller (Für euch Jungspunde: das war die Zeit vor PCs und Handys) verschlungen werden.

Obwohl Robert B. Parker in seinen Romanen immer wieder Western-Motive aufgreift, wandte er sich erst 2001 dem Western zu. Da erschienen der Spenser-Roman „Potshot“, ein Quasi-Western, und „Gunman’s Rhapsody“ über Wyatt Earp, seine Liebe zu dem Revuemädchen Josie Marcus und wie es zu der Schießerei am O. K. Corral kam.

2005 folgte „Appaloosa“, der erste Roman mit Virgil Cole und Everett Hitch, die als Revolvermänner ihre Art von Recht und Gesetz durchsetzen. Denn gerade Coles Selbstrechtfertigung, dass er sich immer an das Gesetz halte, wenn er jemand erschieße und ihn das von anderen Revolvermännern, die für Geld jeden erschießen, wird immer fadenscheiniger, weil Cole sich nur an die von ihm propagierten Gesetze hält.

Jetzt werden sie nach Appaloosa gerufen. Dort erschoss der Ranchbesitzer Randall Bragg kaltblütig den City Marshal. Virgil Cole, der in der Vergangenheit bereits mehrere Städte mit Everett Hitch (der die Geschichte erzählt) befriedete, wird von den Stadtoberen als sein Nachfolger eingestellt. Als erstes hängt Cole seine Gesetze aus – und wer sich nicht an sie hält, wird, nachdem er freundlich darauf hingewiesen wurde, erschossen. Das bekommt auch Bragg zu spüren, den sie, nachdem ein Zeuge auftaucht, verhaften.

Appaloosa“ nimmt selbstverständlich die bekannten Themen von Freundschaft, Ehre und Verantwortung auf, die wir aus Robert B. Parkers anderen Romanen kennen und die Gespräche zwischen Cole und Hitch sind gar nicht so weit entfernt von den Gesprächen zwischen Spenser und seinem skrupellosem Freund Hawk oder ihm und seiner Freundin Susan. Entsprechend vertraut klingen sie für langjährige Parker-Leser.

Die Geschichte liest sich wie ein Best-of der aus zahlreichen anderen Western bekannten Motive und Situationen. So verhaften Cole und Hitch Bragg, sperren ihn im Gefängnis ein, müssen das Gefängnis gegen die Gefolgsleute von Bragg verteidigen, Bragg wird später aus einem Zug befreit, es gibt eine Verfolgungsjagd durch die Wildnis, eine Belagerung von Indianern, ein Shoot Out in einem Kaff und Bragg, der später versucht, die Stadt mit seinem Geld zu kaufen.

Insofern überzeugt „Appaloosa“ durchaus als zünftiger Western, der den Eindruck hinterlässt, dass Robert B. Parker sich hier beim Schreiben etwas mehr Gedanken über die Handlung gemacht hat, als bei seinen letzten Spenser-Romanen: – was vielleicht auch daran liegt, dass „Appaloosa“, nachdem sie sich bei dem TV-Western „Monte Walsh“ (USA 2003) kennen lernten, als Drehbuch für einen Western mit Tom Selleck begann und, via Romanveröffentlichung, zu einem Western mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons und Lance Henriksen wurde, der dem Buch bildgewaltig ohne große Änderungen folgt.

Trotzdem hatte ich beim Lesen von „Appaloosa“ den Eindruck, dass mehr möglich gewesen wäre. So ist es nur ein flott zu lesender Western, in dem Robert B. Parker seine vertrauten Themen in einem anderen Setting behandelt.

Robert B. Parker: Wildnis

(vollständig überarbeitete und aktualisierte Übersetzung, übersetzt von Ute Tanner)

Pendragon, 2012

288 Seiten

10,95 Euro

Originalausgabe

Wilderness

Delacorte, 1979

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1984

Robert B. Parker: Appaloosa

Berkley Books, 2006

320 Seiten

7,99 US-Dollar

(derzeit bei Amazon für 6,30 Euro erhältlich)

Erstausgabe

G. P. Putnam’s Sons, 2005

Verfilmung

Appaloosa (Appaloosa, USA 2008)

Regie: Ed Harris

Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris

mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen

(Boston Film Festival: Preis für bester Film und bestes Drehbuch)

 

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

 

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2 Responses to Mit Robert B. Parker in die „Wildnis“ und nach „Appaloosa“

  1. Claus sagt:

    Ich habe zufälligerweise Parkers „Wildnis“ und Osborns „Jagdzeit“ im Urlaub nacheinander gelesen und muss gestehen, dass (obwohl ich Parkers Spenser sehr schätze wie Du weißt) Osborns Roman mir um Längen besser gefallen hat. Beide sind in den 70ern erstmals erschienen und weisen viele Parallelen auf. Parkers Roman ist mir aber zu moralisierend und irgendwie weckt Parkers „Doppelgänger“ kein Interesse in mir, zuviel Reflektion, zuviel Repetition. Osborn schert sich wenig um Moral, um Gut und Böse und trifft am Ende doch den Punkt.

  2. AxelB sagt:

    Und Robert B. Parker wurde in seinen Spenser-Romanen auch immer moralisierender.
    Die „Jagdzeit“ liegt immer noch auf meinem Zu-lesen-Stapel.

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