Neu im Kino/Filmkritik: Das wirklich, wirklich wahre Biopic „Abraham Lincoln, Vampirjäger“

Bis Steven Spielbergs anscheinend sehr staatstragender Abraham-Lincoln-Film „Lincoln“ in die Kinos kommt, können wir uns mit Timur Bekmanbetovs Version von Abraham Lincolns Leben vergnügen. Der „Wanted“-Regisseur wagt in seinem Biopic einen neuen Blick auf das Leben von Abraham Lincoln (12. Februar 1809 – 15. April 1865). Danach, wie schon Seth Grahame-Smith in seiner lesenswerten Biographie „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ enthüllte, war Abraham Lincoln nicht nur Ehemann, Vater, Präsident der USA und Befreier der Sklaven, sondern auch ein sehr erfolgreicher Vampirjäger.

In seinem Roman folgt Seth Grahame-Smith den Konventionen einer Biographie, in dem er Lincolns Leben scheinbar objektiv von seiner Geburt bis zum Tod schildert, seine Behauptungen mit Bildern und Fußnoten erhärtet, peinlich genau auf die Schreibfehler in Abraham Lincolns lange verschwundenen Tagebüchern hinweist und natürlich die große Enthüllung macht, die zum Kauf des Buches animieren soll: Abraham Lincoln war Vampirjäger – und weil der Biograph Seth Grahame-Smith von Henry Sturges, einem Freund Lincolns, im heutigen New York die Tagebücher, über die es lange Zeit nur Gerüchte gab und deren Existenz von Historikern bezweifelt wurde, erhalten hat und Grahame-Smith auch mit einigen, hm, Zeitzeugen reden konnte, kann er wirklich neues über Abraham Lincoln berichten. Der Roman ist ein großer Spaß.

Für den Film nahmen sich die Macher dann, wie auch in anderen Biopics, zahlreiche Freiheiten, die Historiker die Wände hochgehen lassen, aber das Leben filmisch dramatisieren und auf die gängigen filmischen Konventionen hinbiegen. Da wird Abraham Lincolns Kampf gegen die Vampire zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit, die in einem großen Kampf von Lincoln gegen Adam, den für den Film erfundenen Anführer der Vampire, mündet. Ein Kampf, der auch über das Ende des Bürgerkrieges entscheidet. Dabei ist dieser Krieg, im Film, kein Krieg über die Zukunft der Sklaverei, sondern über die Zukunft Amerikas, das, wenn Lincoln verliert, ein Vampirstaat wird. Denn für die Vampire sind die Sklaven eine unerschöpfliche Quelle von billigen Mahlzeiten.

Schon davor geht es heftig zur Sache, wenn Abrahm Lincoln, dessen Leben im Film von 1820 bis 1865 episodenhaft geschildert wird, mit seiner Lieblingswaffe, einer Axt (Oookay, vielleicht nicht wirklich die beste Waffe, um gegen Vampire vorzugehen. Vor allem in engen Räumen. Aber optisch sieht’s gut aus und mit Schwertern wurde im „Highlander“ und in Old Europe geköpft.), ganze Vampirhorden abschlachtet. Bekmanbetov inszenierte dies, in schönster „Wanted“-Manier, in Zeitlupe – und immer einen Hauch zu unblutig. Fast so, als hätten die Macher – erfolglos – auf eine „frei ab 12 Jahre“-Freigabe spekuliert.

Und viele dieser Schlachten und Kämpfe sind einfach zu übertrieben und zu sehr in einer Comicwelt, um wirklich ernst genommen zu werden. Die 3D-Effekte und die viel zu vielen Spezialeffekte (CGI rules!) verstärken diesen Effekt des Unrealistischen noch. Da hilft es auch nichts, dass die Vampire gegen die Abraham Lincoln und seine Freunde kämpfen, nicht vom „Twilight“-Virus infiziert, sondern echte Blutsauger sind, die auch am Tag zubeißen können.

Davon abgesehen folgt „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ weitgehend den bekannten Pfaden eines Biopics, wie es schon zu Hollywoods Glanzzeiten gediegen und durchaus etwas langatmig in seiner chronologischen Abhandlung der wichtigen Erlebnisse des Porträtierten inszeniert wurde.

Allerdings wird im Film gerade dieser Widerspruch zwischen der absurden Prämisse und der konventionellen Form nicht genutzt.

Letztendlich ist „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ nur „Wanted“ im 19. Jahrhundert, getarnt als blutleeres Biopic. Und dabei hätte der Film wirklich spaßig werden können.

Abraham Lincoln, Vampirjäger (Abraham Lincoln: Vampire Hunter, USA 2012)

Regie: Timur Bekmanbetov

Drehbuch: Seth Grahame-Smith

LV: Seth Grahame-Smith: Abraham Lincoln – Vampire Hunter, 2010 (Abraham Lincoln, Vampirjäger)

mit Benjamin Walker, Dominic Cooper, Anthony Mackie, Mary Elizabeth Winstead, Rufus Sewell, Martin Csokas, Erin Wasson

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Vorlage

Seth Grahame-Smith: Abraham Lincoln, Vampirjäger

(übersetzt von Carolin Müller)

Heyne, 2011

496 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Abraham Lincoln – Vampire Hunter

Grand Central Publishing, 2010

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Abraham Lincoln, Vampirjäger“

Metacritic über „Abraham Lincoln, Vampirjäger“

Rotten Tomatoes über „Abraham Lincoln, Vampirjäger

Wikipedia über „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ (deutsch, englisch)

Freigabebegründung der FSK (oder Wie ich in lobenden Worten den Horrorfilmfans erkläre, dass sie nicht in den Film gehen müssen)


Bonus

Seth Grahame-Smith stellt sein neuestes Buch „Unholy Night“ vor

und sein damals neuestes Buch „Pride and Prejudice and Zombies“ (Stolz und Vorurteil und Zombies)

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