DVD-Kritik: „Die Morde von Snowtown“ sind nichts für Zartbesaitete

Justin Kurzels Debütfilm „Die Morde von Snowtown“ ist ungefähr so angenehm wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Und dabei sehen wir von dem Morden wenig. Wir erfahren auch wenig über die Hintergründe. Jedenfalls über bestimmte Hintergründe. Denn „Die Morde von Snowtown“ basiert auf einer wahren Mordserie, die 1999 Australien schockierte und die deshalb dort nicht genauer erklärt werden muss.

Zwischen August 1992 und Mai 1999 brachten John Bunting, der Anführer der Gruppe, Robert Wagner, Mark Haydon, James Vlassakis, seine Mutter Elizabeth Harvey (die bei einem Mord mithalf) und Thomas Trevilyan (der von den anderen Bandenmitgliedern umgebracht wurde) zwölf Menschen um. Für elf dieser Taten wurden sie angeklagt und verurteilt. Die Öffentlichkeit war damals von der Bestialität der Taten geschockt. Erstaunlich war, dass die Serienmorde nicht von einem Einzeltäter, sondern von einer Gruppe begangen worden. Sie begründeten ihre Taten, zunehmend rudimentärer, mit dem Kampf gegen Kinderschänder, Homosexuelle und sonstige Schädlinge der Gesellschaft. Dabei wurden sie von ihrem Umfeld gedeckt, das die Taten tolerierte.

Einer der Polizisten von Snowtown, wo die Leichen, die an anderen Orten in Südaustralien ermordet wurden, in einem verlassenen Bankgewölbe gefunden wurden, sagte zum Fundort der Leichen: „Es war eine Szene aus meinem schlimmsten Alptraum.“

Die Filmemacher müssen das alles dem heimischen Publikum nicht erklären. Sie können sich sofort mit ihrer Interpretation der Morde beschäftigen. Die Gründe sehen sie vor allem in dem armen, perspektivlosem Leben der Mörder und in ihrem reaktionärem Umfeld. In dem verslumten Vorort, in dem nur Weiße leben, herrscht das archaische Recht des Stärkeren, das der introvertierte siebzehnjährige James ‚Jamie‘ Spyridon Vlassakis noch lernen muss. Als er und seine jüngeren Brüder von dem neuen Freund ihrer Mutter missbraucht werden, taucht John Bunting auf. Ihm gelingt es, die Schamgefühle der Jungen in Aktionen gegen den Pädophilen zu lenken, bis dieser das Viertel freiwillig verlässt. Danach beginnt der Neo-Nazi Bunting, der Pädophile und Homosexuelle inbrünstig hasst, Jamie in seinem Sinn zu erziehen, bis er ihn zu den von ihm und seinen Freunden verübten Morden mitnimmt.

Dabei werden die Opfer immer austauschbarer und, weil wir nichts über sie wissen, erscheinen die Morde noch grundloser, als sie es schon in der Realität waren. Auch über die anderen Täter erfahren wir so gut nichts.

Dafür zeichnet Justin Kurzel ein Milieu, das von Perspektivlosigkeit, der Abwesenheit einer moralischen Instanz, staatlicherr Macht, Zivilisation und Bildung gekennzeichnet ist. Es gibt nur das überwältigende Gefühl eines Gruppenzwanges, eines Hasses auf alles und alle andere und einer allumfassenden Verrohung. So soll Jamie John Buntings Hund umbringen und als Jamie zögert, erschießt John in seiner Küche seinen Hund. Später foltern und bringen sie, in ihrem Viertel, eines ihrer Opfer in einer Badewanne in einem bewohnten Familienhaus um.

Die Morde von Snowton“ ist kein schöner Film, aber beeindruckend in seiner formalen Geschlossenheit und Düsternis, die eine ausweglose Welt zeigt, in der die Habenichtse Habenichtse bleiben. Das wird besonders in den letzten Minuten deutlich.

Allerdings ist genau das auch das große Problem von „Die Morde von Snowtown“. Keiner der Charaktere, auch nicht der ruhige Jamie, bietet sich als Identifikationsfigur an. Sie sind alle in verschiedenen Abstufungen ablehnenswert und ihr Schicksal ist uns herzlich egal.

Dagegen ist „Winter’s Bone“ ein Feelgood-Movie und ein Torture-Porn-Horrorfilm eine nette Abendunterhaltung. „Die Morde von Snowtown“ ist ein deprimierender Film über eine Serie sinnloser Morde.

Die Morde von Snowtown (Snowtown, Australien 2011)

Regie: Justin Kurzel

Drehbuch: Shaun Grant, Justin Kurzel

LV: Debi Marshall: Killing for Pleasure, 2006; Andrew McGarry: The Snowtown Murders, 2005

mit Daniel Henshall, Lucas Pittaway, Craig Coyne, Richard Green, Louise Harris

DVD

Pierrot Le Fou/Universum

Bild: 1:1,85

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Audiokommentar mit Justin Jurzel, Deleted Scenes, Casting Footage, Trailer

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Die Morde von Snowtown“

Wikipedia über „Die Morde von Snowtown“ und die Mordserie

Und wer noch mehr über die Snowtown-Morde wissen will

eine zweite Doku, mit schlechtem Ton und Bild

 

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