Neu im Kino/Filmkritik: Die Sebastian-Fitzek-Verfilmung „Das Kind“

So schlecht wie man nach dem Lesen von einigen Kritiken über den deutschen Thriller „Das Kind“ vermuten könnte, ist Zsolt Bács‘ Verfilmung des Bestsellers von Sebastian Fitzek nicht. In den USA wäre der Film einer dieser unzähligen Direct-to-DVD-Filme, die mit etlichen bekannten Namen aufwarten (oft zweite oder dritte Garde oder zuverlässige Nebendarsteller oder Stars auf dem absteigenden Ast), eine okaye Geschichte halbwegs zügig erzählen, mit Kameraschnickschnack einen höherwertigen Eindruck erzielen wollen und durchwachsene Besprechungen erhalten.

Dabei sind die Hauptprobleme von „Das Kind“ gerade im – aus kommerzieller Sicht sicher nicht unklugem – Schielen auf den internationalen Markt zu finden. Die Hauptdarsteller, wobei Eric Roberts der Bekannteste ist, sind aus den USA. Gedreht wurde in Englisch. Berlin wurde komplett anonymisiert. Roland Emmerich machte es in den achtziger Jahren genauso, aber seine Filme spielten in den USA oder im Weltall und nicht in Deutschland.

Und die Bilder wurden so lange nachbearbeitet, bis „Das Kind“ über weite Strecken zu einen Braun-Beige-Film wurde, der bevorzugt Nachts und in schlecht beleuchteten Räumen spielt. Im Presseheft sagt Bács, dass David-Finchers-Noir-Thriller „Sieben“ das stilistische Vorbild gewesen sei. Man sieht es. Leider.

Die Filmstory folgt der Buchstory: der zehnjähriger, todkranke Simon Sachs (Christian Trauemer) sagt dem Staranwalt Robert Stern (Eric Roberts), dass er vor fünfzehn Jahren einen Mann ermordete. In einem verfallenen Lagerhaus finden sie bei einer nächtlichen Erkundung mit Taschenlampen die Leiche. Kurz darauf erhält Stern eine DVD, auf der Bilder von seinem totgeglaubten Sohn und seiner als Geisel genommenen Ex-Frau sind. Der Erpresser will, dass Stern innerhalb von 24 Stunden (Warum so schnell? Keine Ahnung. Im Buch hatte er etwas mehr Zeit.) den Mörder der eben entdeckten Leiche findet.

Und der Junge sagt Stern, dass er noch weitere Morde begangen hat und in wenigen Tagen auf einer Brücke einen weiteren Mord begehen wird.

Während Sterns Suche nach dem Täter entdeckt er, dass die Toten zu einem Pädophilenring gehörten und die Polizei, verkörpert durch die Kommissare Martin Engler (Peter Greene) und seinen austauschbaren Adlatus Brandmann (Clemens Schick), halten ihn für den Serienmörder. Immerhin kennt er die Verstecke der Leichen und er ist auch am Tatort eines weiteren Mordes.

Aber während der Roman ein echter Pageturner ist, erscheint der Film immer wieder zugleich zäh und hastig. Denn nie wird sich die Zeit genommen, die Personen etwas genauer zu charakterisieren. Die Handlung soll es richten. Und die folgt der kalten Mechanik des Plots und dem Prinzip „Überraschung“, unter galanter Missachtung der Logik. Aber so bleiben auch alle Charaktere, eben weil sie viel zu dürftig und oberflächlich charakterisiert sind, austauschbare und blasse Marionetten des Plots. Einige Schauspieler überspielen das mit ihrer Präsenz, wobei die deutschen Schauspieler einen stärkeren und positiveren Eindruck hinterlassen als die amerikanischen Schauspieler.

Das sind Ben Becker als Zuhälter mit dem goldenen Herzen, Dieter Landuris als in einem Wohnwagen lebender, vorbestrafter Pädophiler (Okay, seine Aufgabe bestand darin, sich verprügeln zu lassen), Dieter Hallervorden und Daniela Ziegler als miteinander verheiratete Organisatoren eines Pädophilenrings. Ihnen gefielen offensichtlich ihre Rollen als liebender Onkel und als eiskalte Empfangsdame.Reiner Schöne als gläubiger Krankenhauspatient überzeugt einfach durch seine Präsenz. Er hat auch nur zwei etwas längere und zwei kurze Auftritte.

Eine echte Entdeckung ist Christian Traeumer, der den zehnjährigen Simon spielt.

Aber der Rest des US-Cast (yep, Traeumer ist Amerikaner) bleibt austauschbar.

Sunny Mabrey als Simons Krankenschwester und Peter Greene als angekränkelter Polizist (bis er von einem Unbekannten vor den Augen von Stern erschossen wird) hinterlassen keinen größeren Eindruck.

Und Eric Roberts, der große Star aus den USA, der seine Karriere mit einer Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Nebendarsteller in „Runaway Train“ begann, danach als kommender Star gehandelt wurde und seitdem, oft als Bösewicht, ein auskömmliches Leben als Nebendarsteller in A-Filmen und Haupt- und Nebendarsteller in unzähligen B-Pictures (und schlechter) gefunden hat, hat die Hauptrolle übernommen: den des erfolgreichen Anwalts, der ein Kotzbrocken ist und der immer noch seinem vor zehn Jahren als Baby verstorbenem Sohn hinterhertrauert. Doch er taugt – im Gegensatz zum Roman – weder als Identifikationsfigur noch als Sympathieträger. Die meiste Zeit ist er, weil Eric Roberts ihn so furchtbar übertrieben und uneinheitlich spielt, einfach nur unsympathisch und entsprechend egal ist er uns.

Dabei hätte man einige Probleme des Films schon lösen können, in dem man sich gerade am Anfang vom Buch gelöst hätte. Denn der Film und das Buch beginnen mit dem nächtlichen Treffen an der Lagerhalle und der Entdeckung der ersten Leiche. In dem Moment wissen wir noch nichts übe die einzelnen Charaktere, aber Stern, der von dem nächtlichen Treffen und der absurden Geschichte des Jungen genervt ist, kommt im Film gleich als Kotzbrocken, dem seine Mitmenschen egal sind, rüber.

Hier hätte man sich vorher einige Minuten nehmen sollen, um Stern als Charakter einzuführen. Zum Beispiel indem er vor Gericht einen Freispruch für einen Mandanten, vielleicht für den Zuhälter Andy Borchert (Ben Becker), erreicht, indem er Engler (Peter Greene) als unzuverlässigen Zeugen erscheinen lässt. Dann wäre Stern für uns ein brillanter Anwalt gewesen (wir haben ihn bei der Arbeit gesehen), der alles für seine Mandanten tut (aber keine Zeit für Kindereien hat). Wir hätten verstanden, warum Borchert ihm später so bereitwillig hilft (im Film wird irgendwann gesagt, dass sie sich von früheren Gerichtsverfahren kennen) und warum Engler ihn hasst.

Dafür hätte man die atmosphärischen, aber nur den Erzählfluss störenden, Berlin-Impressionen weglassen und ein weniger überhöhtes Berlin-Bild zeichnen können, das irgendwo zwischen Wiederbelebung der Weimarer Jahre (ich sage nur „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“; auch das Polizeirevier scheint sich seit damals nicht geändert zu haben) und Metropolen-Ortlosigkeit schwankt. Denn dieses Berlin soll, obwohl der Film in Berlin spielt, möglichst wenig nach Berlin aussehen.

Da, und auch bei der Wahl der Schauspieler, hätte man ruhig einen Blick nach Frankreich oder Skandinavien werfen können, die derzeit mit ihren Thrillern ein weltweites Publikum begeistern.

So erscheint „Das Kind“, mit Amerikanern, die Deutsche spielen, einem Dreh in Englisch und einem Berlin das konsequent amerikanisiert wurde, immer etwas displaced.

Aber dennoch hoffe ich, dass „Das Kind“ ein Erfolg wird, weil es bei uns im Kino so wenige Genrefilme gibt und der einzige Weg für mehr Genrefilme im Kino ist halt, dass die Leute sich diese Filme ansehen. Denn nur so werden die Produzenten weitere Genrefilme produzieren und auch die Filmförderungsanstalten (die das Projekt ablehnten, weil ja niemand deutsche Genrefilme sehen wolle) werden dann nicht nur Selbstfindungsdramen und Komödien, sondern auch Thriller fördern.

Das Kind (Deutschland 2012)

Regie: Zsolt Bács

Drehbuch: Zsolt Bács, Sebastian Fitzek, Brian Cordray

LV: Sebastian Fitzek: Das Kind, 2008

mit Eric Roberts, Christian Traeumer, Sunny Mabrey, Ben Becker, Peter Greene, Dieter Hallervorden, Daniela Ziegler, Clemens Schick, Reiner Schöne, Dieter Landuris, Luc Feit

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Sebastian Fitzek: Das Kind

Droemer, 2008

400 Seiten

9,99 Euro (Knaur, Taschenbuch, mit Material zum Film)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Das Kind“

Wikipedia über „Das Kind“

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“ (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Augenjäger“ (2011)

 

Advertisements

One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Die Sebastian-Fitzek-Verfilmung „Das Kind“

  1. NEGATIV. dieser film ist so grottenschlecht, dass der obige rettungsversuch – wenn auch gut gemeint – vollkommen ins leere geht. von logiklöchern strotzend versuchen die macher einen bunten eintopf zu kochen, in der vermutung, je mehr ich reinwerfe, um so besser. aber in einen eintopf aus fleisch und gemüse passen nun mal himbeeren, milch und schraubenzieher nicht hinein. hier wird alles erdenkliche vermetzgert, in der hoffnung, international zu punkten. sogar jedmögliche kamera-, farb- und linsenversuche werden bemüht, um nur „up-to-date“ zu erscheinen. das resultat, untermauert von grauenhafter, permanent lästiger filmmusik, erzielt aber genau die gegenteilige wirkung. provinzieller adabei-käse ist das. im ganzen so traurig schlecht (schauspielersleistungen, die emotional nicht schlüssig an vorhergegangene szenen anschließen, eingerechnet), dass einem der b-schrott nicht mal ein lächeln abgewinnen kann. gh

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: