DVD-Kritik: Hercule Poirot hat ein „Rendezvous mit einer Leiche“

Zum dritten Mal schrieb Anthony Shaffer (der auch die Drehbücher für „Frenzy“ und „Mord mit kleinen Fehlern“ [Sleuth] schrieb) für eine Agatha-Christie-Verfilmung das Drehbuch und zum dritten Mal spielte Peter Ustinov Hercule Poirot in einem Kinofilm. Nach den ersten beiden Shaffer-Christie-Kinofilmen spielte Peter Ustinov den belgischen Detektiv auch in drei TV-Spielfilmen, aber am bekanntesten sind immer noch die mit mit ihm und einem Staraufgebot vor prächtiger Kulisse prunkenden Verfilmungen „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, GB 1977) und „Das Böse unter der Sonne“ (Evil Under the Sun, GB 1981).

Für „Rendezvous mit einer Leiche“ wurde dieses Erfolgsrezept einfach wieder aufgekocht und mit Lauren Bacall, Carrie Fisher, John Gielgud, Piper Laurie und David Soul waren auch einige bekannte Namen an Bord. Die Kulisse, zuerst etwas Kreuzfahrtschiff, später das Heilige Land und, hauptsächlich, das Tote Meer (Oh, und in Venedig wurde auch gefilmt), ist prächtig und man hat sich auch wirklich um stimmiges Zeitkolorit bemüht. Denn die Geschichte spielt 1937.

Die Amerikanerin Emily Boynton, ein wahrer Hausdrache, der früher als Gefängniswärterin arbeitete und ihre erwachsenen Kinder entsprechend herumkommandiert, unternimmt mit ihnen nach dem Tod ihres vermögenden Mannes eine Europa- und Levante-Urlaubsreise. Das Klima in der Familie ist noch angespannter als normalerweise, weil sie vor kurzem vom Familienanwalt das Testament ihres Mannes, das ihre Kinder reich gemacht hätte, vernichten ließ; eine Tochter hat eine außereheliche Affäre mit dem Anwalt und ihr Sohn verliebt sich auf der Reise.

Als sie die Ausgrabungen bei Qumran am Toten Meer besuchen, wird sie, während ihre Kinder einen von ihr genehmigten Ausflug in die nahegelegenen Berge unternehmen, ermordet.

Hercule Poirot, der sie bereits während der Reise interessiert beobachtete (und dabei auch einen missglückten Mordanschlag von ihr auf den Anwalt entdeckte), meint, das große Rätsel sei, warum sie nicht schon früher ermordet wurde. Dennoch macht er sich auf die Mördersuche.

Rendezvos mit einer Leiche“ ist die unbekannteste Shaffer/Ustinov-Christie-Verfilmung. Obwohl man sich, auf den ersten Blick, an das bewährte Rezept hielt. Allerdings ist Michael Winner kein Regisseur für einen so betulich-altmodischen Krimi. Er ist der Mann für Genrefilme wie „Ein Mann sieht rot“ und etliche weitere Charles-Bronson-Vehikel, die oft auch ein provozierender Kommentar zur gesellschaftlichen Realität waren. Gerne mit einer satten Portion Action und Sex.

Bei dem „Rendezvous mit einer Leiche“ läuft alles sehr gemütlich nach der vertrauten Rätselkrimiformel ab. Erst in der Filmmitte gibt es den unblutigen Mord, danach befragt Hercule Poirot die Verdächtigen nach ihrem Alibi und am Ende versammelt er alle an einem Ort und enthüllt, nachdem er der Reihe nach fast jedem der Anwesenden ein gutes Motiv und eine gute Gelegenheit für den Mord nachweist, die Identität und das Motiv des Mörders. Wobei in „Rendezvous mit einer Leiche“ eben diese große Überführungsszene an zwei Orten spielt (einmal nachmittags auf einer Terrasse, einmal beim Abendessen in einem Restaurant) und der Täter mittels Suizid die Geschichte beendet.

Das entspricht alles den Erwartungen, die wir an eine gediegene Agatha-Christie-Verfilmung haben, die uns weder mit Sex, noch Gewalt, noch rasanter Action belästigt. Auch die Weltpolitik (immerhin spielt die Geschichte 1937) kommt nicht vor.

Allerdings stört der ständige Unernst der Schauspieler, die niemals den richtigen Ton treffen, und sich daher in einem gelangweilten Überspielen ergehen, und der sehr schwache Rätselplot. Der Mörder ist zwar nicht der Gärtner (weil kein Gärtner dabei ist), aber seine Identität ist arg offensichtlich. Jedenfalls nachdem der Mord geschehen ist.

In meiner Erinnerung waren da der „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“, für die Anthony Shaffer alleine das Drehbuch schrieb, besser.

Rendezvous mit einer Leiche (Appointment with Death, USA 1988)

Regie: Michael Winner

Drehbuch: Anthony Shaffer, Peter Buckman, Michael Winner

LV: Agatha Christie: Appointment with Death, 1938 (Der Tod wartet; Rendezvous mit einer Leiche)

mit Peter Ustinov, Lauren Bacall, Carrie Fisher, John Gielgud, Piper Laurie, Hayley Mills, Jenny Seagrove, David Soul, Nicholas Guest

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie

FSK: ab 12 Jahre

Länge: 98 Minuten

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rendezvous mit einer Leiche“

Wikipedia über „Rendezvous mit einer Leiche“ (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Kirjasto über Agatha Christie

Wikipedia über Agatha Christie (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Agatha Christie

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2 Responses to DVD-Kritik: Hercule Poirot hat ein „Rendezvous mit einer Leiche“

  1. Jule sagt:

    Warum die sehr ungewohnte Synchro für Peter Ustinov?
    Warum spricht er sich da nicht selber?

  2. AxelB sagt:

    Keine Ahnung. Er hat es ja auch nicht immer gemacht

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