Neu im Kino/Filmkritik: „Argo“ erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte einer Geiselbefreiung

In „Wag the Dog“ (USA 1997) war es einfach nur die Idee in einer Komödie: wir inszenieren im Fernsehen einen Krieg, um von einem Seitensprung des US-Präsidenten abzulenken und dessen Wiederwahl zu sichern.

In Larry Beinharts Polit-Thriller war diese Idee Teil eines größeren Bildes und weil Beinhart zu den US-Autoren zählt, die auch die Realität in ihren Krimis reflektieren, konnte man vermuten, dass es so etwas schon einmal gegeben hat.

In „Argo“ erfahren wir jetzt, dass Hollywood und Washington schon einmal prächtig zusammen arbeiteten. Mindestens.

Der grandiose Polit-Thriller „Argo“ erzählt nämlich die wahre Geschichte einer CIA-Operation. Im November 1979 konnten in Teheran, Iran, während der Kämpfe, die auch zur Geiselnahme von 52 US-Botschaftsangehörigen führten, sechs US-Botschaftsangehörige von der US-Botschaft in die kanadische Botschaft flüchten. Dort waren sie sicher, aber gefangen. Denn die Machthaber hätten ihnen niemals erlaubt, das Land zu verlassen.

Aus verschiedenen Gründen schieden alle Fluchtmöglichkeiten aus. Die beste Idee war: wir inszenieren als Ablenkungsmanöver einen SF-Fantasy-Spielfilm und holen die Leute so raus.

Das klingt so fantastisch, dass es wahr sein muss. Die Idee stammte von CIA-Agent Tony Mendez (Ben Affleck).

Der Film hieß „Argo“ und Hollywood spielte mit.

Ben Affleck, der als Schauspieler irgendwo zwischen den hirnlosen Blockbustern „Armageddon“ (USA 1998) und „Pearl Habor“ (USA 2001) zum Lieblingswatschenmann der Presse und Filmfans wurde, hat diese Geschichte verfilmt und, nach der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“ (USA 2007) und der Chuck-Hogan-Verfilmung „The Town“ (USA 2010), hat er einen weiteren grandiosen Film inszeniert. Dieses Mal sogar mit einigen Seitenhieben auf Hollywood und den Starkult. Produzent John Chambers (John Goodman), eigentlich Maskenbildern, unter anderem für „Planet der Affen“ und „Raumschiff Enterprise“ (die Ohren von Spock), und Regisseur Lester Siegel (Alan Arkin) sind echte Hollywood-Haifische, die auch gut in der Elmore-Leonard-Verfilmung „Schnappt Shorty“ (Get Shorty, USA 1995) aufgehoben wären. Denn bevor Mendez nach Teheran fliegen kann, muss das Filmprojekt „Argo“ in der Öffentlichkeit als ‚das nächste große Ding‘, das legitime Folgeprojekt von „Krieg der Sterne“, bei dem alle Hollywood-Stars mitspielen wollen, lanciert werden. Wenn dann Hollywood an das Projekt glaubt und sich die Stars um Rollen streiten (so fragt ein Mann, der eine verdächtige Ähnlichkeit zu dem Hauptdarsteller von „Shining“ hat, nach einer Rolle in „Argo“), werden auch die Revolutionäre im Iran an das Filmprojekt glauben.

In Teheran muss Mendez in wenigen Tagen die Botschaftsangehörigen auf ihre Rolle als Filmschaffende vorbereiten und das Projekt der dortigen Regierung verkaufen. Denn wenn sie entdeckt werden, werden sie umgebracht.

Stilistisch (allein schon die Verwendung das alten Warner-Logos gibt die Richtung an) und erzählerisch orientiert Affleck sich am New-Hollywood-Kino der siebziger Jahre und den damaligen Polit-Thrillern. Das passt gut, auch weil der Film um 1980 spielt. Und dass die Geschichte und die Charaktere im Mittelpunkt stehen, ist ja wirklich kein Nachteil.

Der Polit-Thrillern „Argo“ ist angenehm altmodisches Erzählkino, das auch von Clint Eastwood sein könnte, wenn er beim Drehbuch oft nicht oft so nachlässig wäre.

Argo (Argo, USA 2012)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Chris Terrio

LV: Antonio J. Mendez: The Master of Disguise, 1999; Joshuah Bearman: The Great Escape, 2007 (in Wired Magazin)

mit Ben Affleck, Bryan Cranston, Alan Arkin, John Goodman, Victor Garber, Tate Donovan, Clea DuVall, Scoot McNairy. Rory Cochrane, Christopher Denham, Kerry Bishé, Kyle Chandler, Chris Messina, Zeljko Ivanek

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Argo“

Metacritic über „Argo“

Rotten Tomatoes über „Argo“

Wikipedia über „Argo“ (deutsch, englisch)

Joshuah Bearman: The Great Escage“ (Wired Magazin, Mai 2007; Reportage als pdf)

und, als Bonus, ein halbstündiges, gutes Interview mit Ben Affleck

2 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „Argo“ erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte einer Geiselbefreiung

  1. […] Kino läuft gerade Ben Afflecks dritter Spielfilm „Argo“. Der auf Tatsachen beruhende Spionagethriller setzt Afflecks Serie toller Filme nahtlos […]

  2. […] Meine Besprechung von Ben Afflecks “Argo” (Argo, USA 2012) […]

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