DVD-Kritik: „Kriegerin“ oder Ein deutscher Spielfilm über eine Nazibraut

Drei „Deutsche Filmpreise“, „Prädikat: besonders wertvoll“, Kritikerlob bis zum Abwinken: David Wnendt hat mit seinem Debütfilm „Kriegerin“, der auch seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf war, der im Januar im Kino anlief und jetzt auf DVD erschien, einen Nerv getroffen.

Er erzählt die Geschichte von Marisa. Die Zwanzigjährige ist eine ständig genervte, hochaggressive Nazibraut in einer ostdeutschen Kleinstadt. In diesem Sommer liegt ihr über alles geliebter Großvater im Sterben, die fünfzehnjährige Svenja ist von der Nazi-Clique fasziniert und der junge Asylbewerber Rasul scheint in ihr eine Ansprechpartnerin zu sehen. Eher widerwillig hilft sie ihm – und wir bekommen wenigstens einen Hauch von Story in diesem so schrecklich ausgewogenem Film, der neben Marisas Geschichte fast gleichbedeutend die Geschichten von Svenja und Rasul erzählt, und der kaum etwas über die Hintergründe der Naziszene und ihrer Faszination für Jugendliche verrät. Denn sie erscheint als eine leicht anpolitisierte Sauf- und Prolkultur. Implizit bestätigt der Film sogar die Nazi-Ideologie von den faulen Asylbewerbern. Denn der Afghanistan-Flüchtling Rasul nutzt Marisas Vorurteile schamlos aus, wenn er Marisa immer wieder moralisch erpresst: zuerst indem sie ihn Lebensmittel klauen lässt, ihn dann zu seinem Ziel fährt, ihm später Unterschlupf gewährt und ihn sogar aus Deutschland herausschmuggeln will, indem sie ihm die Schiffspassage bezahlt.

So bleibt „Kriegerin“ als Charakterstudie an der Oberfläche. Denn immer dann, wenn es interessant wird, schweigt Wnendt.

Er erzählt nicht, wie eine rechtsextreme Jugendsubkultur sich in einem Gebiet verfestigen konnte. Er bietet keine Erklärung dafür an, dass sich gerade in Ostdeutschland eine breite rechtsextreme Szene, teils mit sehr gefestigten Strukturen, etablierte, Nazis in Parlamente einziehen und ein Nazi-Terror-Trio entstehen konnte. Denn beim Kinostart im Januar war der Kurzschluss von NSU zur „Kriegerin“ und damit dem Loben von „Kriegerin“ als Film zu den aktuellen Ereignissen einfach zu naheliegend.

Er schweigt auch – und das ist das größte Problem des Films -, wenn es darum geht, zu erklären, warum Nazis für Jugendliche attraktiv sind.

So ist „Kriegerin“ nur ein das Fremde hervorhebender Einblick in eine Sauf- und Proll-Jugendkultur, garniert mit einigen Nazi-Symbolen und etwas mehr Gewalt als es in einem handelsüblichen deutschen Problemfilm üblich ist.

Denn mehr ist „Kriegerin“ nicht: ein typisch deutsches Sozialdrama, das beim Zuschauer einfach nur eine sedativ wirkendes Unwohlsein hervorruft. So wie der „Tatort“, der uns am Sonntag einen esoterischen Blick in die Hartz-IV-Haushalte gibt, damit wir am Montag beruhigt zur Arbeit gehen können.

Besser noch einmal „This is England“ ansehen. Da erfährt man mehr über Jugendkulturen, vor allem die Skin-Kultur, die Verbindungen zu Alt-Nazis und eben die Faszination von Cliquen.

Für die deutschen Besonderheiten muss man dann halt ein Buch lesen.

 

Das Bonusmaterial

 

Für deutsche Verhältnisse ist die DVD mit gut vierzig Minuten Bonusmaterial sehr gut ausgestattet. Das elfminütige „Making of“ wirkt zwar wie eine TV-Reportage, bietet aber einige gute Einblicke in den Film. Die Interviews mit Hauptdarstellerin Alina Levshin und Regisseur David Wnendt, insgesamt sechzehn Minuten, die teilweise im „Making of“ verwendet wurden, geben weitere Einblicke in den Film. Die „Behind the Scenes“-Bilder sind so überflüssig, wie meistens. Dafür gibt es ein 19-seitiges Filmheft, das die Themen des Films vor allem für den Schulunterricht vertieft.

Kriegerin (D 2011, R.: David Wnendt)

Drehbuch: David Wnendt

mit Alina Levshin, Jella Haase, Sayed Ahmad Wasil Mrowat, Gerdy Zint, Lukas Steltner, Uwe Preuß, Winnie Böwe, Rosa Enskat, Haymon Maria Buttinger, Klaus Manchen

DVD

Ascot Elite

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews, Behind the Scenes, Unterrichtsmaterial (pdf-Dokument), Originaltrailer, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kriegerin“

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: