Neu im Kino/Filmkritik: „Cloud Atlas“ ist ein merkwürdiger Film

Auf den ersten Blick sieht „Cloud Atlas“ vielversprechend aus: ein Bestseller, natürlich „unverfilmbar“, ein deutscher Regisseur mit Hollywood-Affinität, ein Hollywood-Blockbuster-Regioduo, mit philosphischen Ambitionen, ein hochkarätiges Ensemble von Hollywood-Stars.

Und der entstandene Film ist dann auch Blockbuster-Kino, das auch den Kopf beansprucht.

Aber trotzdem ist diese Verfilmung von David Mitchells Bestseller „Der Wolkenatlas“, die von Tom Tykwer („Lola rennt“, „The International“) und Lana (früher Larry) und Andy Wachowski (aka den Wachowski-Brüdern, „Matrix“) mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Ben Whishaw, James D’Arcy, Susan Sarandon und Hugh Grant, oft in mehreren Rollen, inszeniert wurde, irgendwie ein seelenloses Konstrukt, das formal begeistert, einen aber auch ratlos wegen des betriebenen Aufwands zurück lässt.

Denn, wie schon in dem Roman, werden mehrere Geschichten erzählt, die zu verschiedenen Zeiten spielen und dennoch miteinander verknüpft sind. So als ob wir Seelen durch die Jahrhunderte bei ihren Aufenthalten in verschiedenen Körpern verfolgen. Da wird dann ein Gespräch in der Vergangenheit begonnen und in der Zukunft fortgeführt. Verschiedene Charaktere machen ähnliche Erfahrungen und am Ende fasst ein alter Mann am Lagerfeuer die Botschaft zusammen.

Das ist zwar formal gut gelöst und, trotz der fast dreistündigen Laufzeit, auch enorm kurzweilig. Aber der philosophische Überbau, nämlich der der permanenten Inkarnation der Seelen, die sich immer wieder begegnen und vor existentiellen Entscheidungen stehen, wirkt dann doch eher bemüht. Denn er dient hier nur dazu, zu verschiedenen Zeiten leicht verschiedene Geschichten über die Freiheit des Individuums, über Werte und des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft, in verschiedenen Genres zu erzählen. Dabei sind diese sechs miteinander verknüpften Geschichten eher Kurzfilme, die ohne große Überraschungen vertrauten Genremuster folgen.

Es geht um einen Anwalt, der 1849 die Auswirkungen der Sklaverei kennenlernt, sich dagegen ausspricht und auf seiner Heimfahrt auf dem Schiff vergiftet werden soll.

Es geht 1936 um einen jungen, homosexuellen Komponisten, der sich bei einem alterndem, genialischen Komponisten einschleimt und der das „Wolkenatlas-Sextett“ (das musikalische Motiv des Films) schreibt.

1973 kommt eine junge Journalistin hinter die unlauteren Geschäfte eines Atomkonzerns und wir bewegen uns gelungen auf den Spuren von „Das China-Syndrom“ und zahlreichen Siebziger-Jahre-Paranoia-Thriller.

2012 will ein halbseidener und hochverschuldeter Verleger ein Buch veröffentlichen. Sein Bruder will ihm helfen und schickt ihn in ein Hotel, das sich als geschlossene Anstalt im Geist von „Einer flog übers Kuckucksnest“ entpuppt.

2144 gerät eine geklonte Kellnerin zwischen die Fronten. Denn auch Klone haben Gefühle und sie beginnt, angestiftet von einem Revolutionär und einem alten Film, darüber zu reden.

2346 soll in einer postapokalyptischen Welt (wir Erdlinge haben wohl wieder einmal unseren Planeten in die Steinzeit zurückgebombt) ein Einheimischer eine aus einer anderen Gesellschaft kommende Frau auf einen heiligen Berg führen.

Durch das nahtlose hin- und hergleiten zwischen den Geschichten befruchten sie sich gegenseitig und, obwohl hier von Musikerdrama über Polit-Thriller und Komödie bis hin zu Science-Fiction, immer wieder mit satirischen Anklängen, die unterschiedlichsten Genres und Stile bedient werden, zerfällt der Film nicht, sondern er wahrt immer ein Bild der Geschlossenheit.

Allerdings bleibt man auch immer ein Beobachter, der zuerst versucht die einzelnen Geschichten auseinanderzuhalten und später nur noch die Gestaltung bewundert. „Cloud Atlas“ erinnert dann eher an die Tradition der Qualität, in der formal alles richtig ist, der Film aber dennoch leblos, wie ein Museumsstück, ist. Das kann auch daran liegen, dass die Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten sich nicht aus ihnen heraus, sondern nur aus dem Willen der Macher, sie miteinander zu verknüpfen, ergibt und sie uns dann stolz ihre filmische Landkarte, auf der alles miteinander verknüpft ist, präsentieren. Aber jede Verknüpfung könnte auch anders sein.

Im Abspann werden dann die Schauspieler in ihren verschiedenen Rollen gezeigt. Dabei spielen sie alte und junge Menschen, Männer und Frauen, teilweise sogar mit einer anderen Hautfarbe. Es ist also ziemlich schwer, sie in den verschiedenen Geschichten zu erkennen. Es ist aber auch ein großer Spaß, wenn man mit seinem Nebenmann versucht, die Schauspieler zu erraten.

Cloud Atlas (Cloud Atlas, USA/D 2012)

Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)

mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)

Länge: 172 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cloud Atlas“

Metacritic über „Cloud Atlas“

Rotten Tomatoes über „Cloud Atlas“

Wikipedia über „Cloud Atlas“ (deutsch, englisch)

und noch einige Hintergrundberichte

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