Neu im Kino/Filmkritik: Viel Gerede, etwas Gewalt und keine Frauen in „Killing them softly“

Wie gerne hätte ich Andrew Dominiks neuen Film „Killing them softly“ gnadenlos abgefeiert, aber es war wohl ein Fehler, vor dem Besuch der deutschen Fassung den Roman „Cogan’s Trade“, die Vorlage zum Film, zu Lesen.

Cogan’s Trade“ erschien bereits 1974 und George V. Higgins, der mit seinem ersten Roman „Die Freunde von Eddie Coyle/Hübscher Abend bis jetzt“ (The Friends of Eddie Coyle, 1971) einen Kriminalromanklassiker, Unterabteilung Gangsterkrimi, schuf, weil er ein ungeschöntes Bild des Kleingangstertums zeichnete und die Dialoge sich wie Abhörprotokolle lasen. Dieses Ohr für den Slang der Verbrecher hatte er vorher als Anwalt und Staatsanwalt in Boston geschärft. Das war eine Sprechweise, die teilweise auch von US-Amerikanern kaum verstanden wurde (und es den Übersetzern nicht leicht machte). Außerdem entfaltet sich die Geschichte nicht in den Taten der Verbrecher, sondern in ihren Gesprächen darüber.

Auch Higgins‘ dritter Roman „Cogan’s Trade“ besteht fast nur aus Dialogen. Über Seiten reden die Gangster ohne Punkt und Komma. Die Gespräche kreisen oft, mit Wiederholungen, um sich selbst. Oft ist lange Zeit nicht klar, wo das Gespräch hinführen soll. Gerade das macht den Roman einerseits mühsam zu lesen (Oh man, warum geht die Story nicht im Richard-Stark-Tempo weiter?), aber auch faszinierend (Uh, das ist die Wirklichkeit.). Higgins‘ erste Romane, vor allem sein Debüt, wurde von der Kritik abgefeiert und auch heute noch zählt er zu den Innovatoren des Genres. Elmore Leonard änderte danach seinen Schreibstil und er wird nicht müde, Higgins‘ stilistischen Einfluss auf sein Werk zu betonen. Quentin Tarantinos Endlosdialoge sind ebenfalls von Higgins beeinflusst.

Und Hollywood glaubt wohl, wegen der vielen Dialoge und den spärlichen Beschreibungen, fast schon ein Drehbuch vor sich zu haben.

Aber, und das zeigt sich in Dominiks sehr werkgetreuer Verfilmung von „Cogan’s Trade“, es ist auch nicht besonders filmisch. Denn die meiste Zeit sitzen mittelalte Männer in Autos, an Tischen und in Sesseln und reden über Dinge, die sie getan haben, oder von jemand gehört haben. Als Lektüre ist das faszinierend. In einem Film würde ich aber genau diese Erzählungen lieber sehen, anstatt immer nur von ihnen zu hören.

Dabei ist die Geschichte denkbar einfach: zwei Kleingangster rauben ein illegales Kartenspiel aus. Cogan, der Troubleshooter des Syndikats, soll die beiden Gangster finden. Schnell ist er auf der richtigen Spur und er will sie, als Denkzettel, umbringen. Kompliziert wird sie nur durch ihre Erzählweise.

Auch die Schauspieler sind gut. Brad Pitt als Cogan. James Gandolfini als physisches Wrack. Richard Jenkins als Verbindungsmann des Syndikats. Ray Liotta als Leiter der Spielhalle (die er selbst bereits einmal ausraubte), Sam Shepard (leider viel zu kurz) als Vollstrecker des Mobs. Scott McNairy und Ben Mendelsohn als die die beiden Räuber. Und Vincent Curatola als der Organisator des Coups. Sie haben erkennbar ihren Spaß an den Dialogen.

Es sind Dialoge und eine Geschichte, die tief in den siebziger Jahren steckt und über weite Teile auch wie ein aus der Zeit gefallener Siebziger-Jahre-Gangsterthriller aussieht, in dem die Gangster, die bis dahin in Büchern und Filmen normalerweise über kein nennenswertes Privatleben verfügten, sich stundenlang über die ganz normalen Probleme von mittelalten Männern unterhalten: das Einkommen, die Ehefrau, die Kinder und die kleinen Zipperlein, die die Arztrechnungen in ungeahnte Höhen treiben. Der Profi-Killer Mickey (James Gandolfini) zeigt eine mögliche Zukunft für Cogan auf: als larmoyanter, ängstlicher Alkoholiker, der an seinem Beruf zerbrach. Gangster als normale Menschen mit alltäglichen Problemen und, oft, dem Habitus eines kleinen oder mittleren Angestellten. Das war damals neu. Heute haben wir „Die Sopranos“ gesehen.

Dominik, der zuletzt den Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford, USA 2007, den ich elend langweilig fand) drehte und dort die Charaktere ihn ihrer historischen Zeit leben ließ, verlegt in „Killing them softly“ Higgins‘ Geschichte aus den frühen siebziger Jahren in die Fast-Gegenwart. Sie spielt jetzt 2008, während der letzten Amtstage von George W. Bush, im vom Hurrikan Katrina verwüsteten New Orleans, in der Hochphase des Präsidentschaftswahlkampfes von John McCain und Barack Obama. Immer wieder weisen TV-Nachrichten mit Redeausschnitten darauf hin. Die USA werden – mit einem erhobenen, „Tatort“-würdigem Zeigefinger – als ein sich ökonomisch im freien Fall befindendes Land, in dem jeder nur noch um das eigene Überleben kämpft, porträtiert. Diese Aktualisierung, als ob Gangsterkrimis nicht auch immer Kapitalismuskritik wären, wirkt allerdings die ganze Zeit wie ein vollkommen unpassender Fremdkörper in einem Männerfilm, der überdeutlich in den siebziger Jahren (und vor dem damaligen historischen Hintergrund, der von Higgins auch deutlich gezeichnet wird) spielt.

Killing them softly (Killing them softly, USA 2012)

Regie: Andrew Dominik

Drehbuch: Andrew Dominik

LV: George V. Higgins: Cogan’s Trade, 1974 (Neuauflage als „Killing them softly“, keine deutsche Übersetzung)

mit Brad Pitt, James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Killing them softly“

Metacritic über „Killing them softly“

Rotten Tomatoes über „Killing them softly“

Wikipedia über „Killing them softly“ (deutsch, englisch) und George V. Higgins

Weekly Lizard: Andrew Dominik über „Killing them softly“

Krimi-Couch über George V. Higgins

Fantastic Fiction über George V. Higgins

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book „The Friends of Eddie Coyle“

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One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Viel Gerede, etwas Gewalt und keine Frauen in „Killing them softly“

  1. […] Bill Massey über George V. Higgins (dessen Roman “Cogans Trade” jetzt als Killing them softly” verfilmt wurde): […]

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