Neu im Kino/Filmkritik: Fatih Akins Doku „Müll im Garten Eden“

Als die Kamera zum ersten Mal die Lage der Mülldeponie in Camburnu zeigte, fragte ich mich: „Wer kommt auf die bescheuerte Idee, eine Mülldeponie mitten in einem Wohngebiet zu planen?“

Das hatten sich 1997 die Bewohner des Bergdorfs im Nordosten der Türkei, am Schwarzen Meer, auch gefragt und sie protestierten gegen die Nutzung der stillgelegten Kupfermine als Mülldeponie für die gesamte Region. Erfolglos durch alle Instanzen. Auch der jetzige Bürgermeister kämpfte dagegen, stellte sich sogar gegen seine Partei, die Regierungspartei AKP und wurde wegen Verhinderung von Staatsinteressen angeklagt.

Währenddessen wurde die Brache ab 2006 planiert und Müll reingekippt. Die Planer und Bauherren versicherten immer wieder, dass diese Deponie nicht stinken werde, dass sie das Wasser nicht belaste, dass es keine Probleme geben wird. Nichts davon stimmte und Fatih Akin, dessen Großeltern aus Camburnu kommen und der dort 2006 das Finale seines Spielfilms „Auf der anderen Seite“ drehte, legt jetzt eine Dokumentation, die den Kampf der Bewohner gegen die Mülldeponie von 2006 bis heute chronologisch nachzeichnet, vor. Es ist ein Manifest des Widerstandes und der Zivilcourage.

Denn die Anwohner warnten vor vielen der Probleme, die während des Baus und des Betriebs, der kürzlich um zwei weitere Jahre verlängert wurde, entstanden. So rieß die Isolationsschicht; eine Plastikplane, die verhindern sollte, dass das Müllwasser in das Grundwasser dringt. Sie wurde notdürftig geflickt. Die Abwasserrohre waren zu klein dimensioniert und das Müllwasser lief über. Es stank. Zur Abhilfe spritzten die Betreiber der Deponie Parfüm in die Luft. Starke Regenfälle, die dort absolut üblich sind, führten immer wieder dazu, dass die Deponie überlief. Tiere gelangen auf die nicht abgesperrte Deponie und können Krankheiten und giftige Stoffe auf die Erntefelder tragen. Denn in Camburnu wird seit Ewigkeiten Tee geerntet. Und, als Höhepunkt der Fehlplanungen, bricht am 6. Dezember 2011 die Mauer des Abwasserbeckens und das hochgiftige Abwasser verseucht die Felder.

Mit diesem Ereignis hört Akins Film, der bereits in Cannes in „Official Selection“ lief, auf.

Er hat sich für den Dokumentarfilm mit Unternehmern, Beamten, auch von der Umweltschutzbehörde, Arbeitern und höheren Angestellten der Deponie, die unisono die Gefahren und Katastrophen verharmlosten unterhalten. Er hat auch den Bürgermeister von Camburnu und vielen Einwohnern von Camburnu interviewet, die teils gegen die Deponie kämpfen, teils, vor allem die Jüngeren, resigniert ihre Heimat verlassen. So sank die Zahl der Einwohner seit der Eröffnung der Deponie von 3500 auf 1200.

Ein guter Teil des Filmmaterials kommt von Bünyamin Seyrekbasan, einem örtlichen Fotografen. Stilistisch ist „Müll im Garten Eden“ ein Dokumentarfilm mit teils verwackelten Bildern, Interviews und einigen impressionistischen Bildern. Auf der formalen Ebene ist das nicht besonders bemerkenswert. Aber als Dokument einer menschenverachtenden Politik, einer Politik, die keine Rücksicht auf die Betroffenen nimmt, und zeigt, dass der bürokratische und politische Wahnsinn überall zuschlagen kann, überzeugt „Müll im Garten Eden“.

Denn Camburnu liegt auch in Deutschland. Ich erinnerte mich während des Films, an Pläne, Müllverbrennungsanlagen für Rheinland-Pfalz vor meiner Haustür zu bauen (wir konnten es verhindern), oder an den neuen Berliner Flughafen BER, der direkt vor den Toren der Stadt gebaut wird (der andere, einige Kilometer weiter südlich liegende Standort war für die Berliner Politiker Sibirien) oder an „Stuttgart 21“.

Müll im Garten Eden - Plakat

Müll im Garten Eden (Deutschland 2012)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Fatih Akin

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Müll im Garten Eden“

Wikipedia über Fatih Akin

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