Neu im Kino/Filmkritik: Gelungener Einstand für „Jack Reacher“

Die erste Überraschung erleben die Menschen, die bislang noch keinen von Lee Childs Jack-Reacher-Romanen gelesen haben, nach ungefähr zehn Minuten. Denn bis dahin baute Drehbuchautor und Regisseur Christoper McQuarrie in seiner Verfilmung von „Sniper“ (One Shot) die Spannung auf die Ankunft des edlen Retters kontinuierlich auf.

In Pittsburgh, Pennsylvania, erschießt ein Sniper am helllichten Tag fünf Menschen. Detective Emerson (David Oyelowo) sichert die Beweise und schnell hat er einen wasserdichten Fall gegen James Barr (Joseph Sikora). Dieser verlangt nur, dass Jack Reacher geholt werden soll. Aber dieser Reacher ist ein Geist. Er war Militärpolizist, jetzt reist er ohne Gepäck durch die USA und als er in den Nachrichten von der Anklage gegen Barr hört, macht er sich auf den Weg nach Pittsburgh.

Aber er reitet in das Büro des zuständigen Staatsanwalts Rodin (Richard Jenkins) nicht als der große Retter Shane ein, sondern er ist ein Racheengel der nur aus einem Grund nach Pittsburgh gekommen ist: er will sich vergewissern, dass Barr auch wirklich für diese Tat verurteilt wird. Während des Golfkriegs ermordete der Army-Scharfschütze mehrere US-Soldaten aus dem Hinterhalt. Aufgrund höherer politischer Erwägungen und zu Jack Reachers Ärger entging Barr damals seiner Bestrafung.

Das scheint jetzt nicht wieder zu passieren und Reacher will die Stadt wieder verlassen. Aber da bittet Barrs Verteidigerin Helen Rodin (Rosamund Pike) ihn, in dem Ort zu bleiben und sich als ihr Ermittler die Beweise noch einmal anzusehen. Immerhin hat Barr, bevor er ins Koma geprügelt wurde, ausdrücklich darum gebeten, Jack Reacher zu rufen.

Reacher sieht sich die Beweise an und, weil sie zu gut sind, um wahr zu sein, beginnt er nach dem wahren Mörder und den Hintergründen für die Tat zu suchen. Das ist jetzt auch für die Menschen, die noch keinen Jack-Reacher-Roman gelesen haben (es aber unbedingt nach dem Filmbesuch tun sollten) keine Überraschung. Ebenso, dass Jack Reacher eine Menge Ärger bekommt und letztendlich in der Stadt kräftig aufräumt.

Dabei verlässt Jack Reacher sich weniger auf seine Kampfkünste, als auf seinen Verstand und seine Beobachtungsgabe. So scheint er bereits schnell das halbe Komplott durchschaut zu haben.

Drehbuchautor und Regisseur Christopher McQuarry („Die üblichen Verdächtigen“, „Operation Walküre“) bemüht sich kräftig, Jack Reacher in möglichst jeder Szene als den großen mythologischen Helden zu inszenieren und er plündert dabei fast jedes Western-Topoi, das irgendwie in den Film hineinpasst und gibt ihm in jeder Szene mindestens einen Oneliner. Dabei ist „Jack Reacher“, wie Lee Childs grandioser Roman „Sniper“, an den der Film sich weitgehend hält, in erster Linie ein Rätselkrimi, in dem ein smarter Ermittler den Mörder (dessen Identität uns Zuschauern von Anfang an bekannt ist) und dessen Auftraggeber sucht. Denn er glaubt nicht, dass die Opfer zufällig ausgewählt wurden.

Der Auftraggeber für die Morde, The Zec, ist ein grandioser Besetzungscoup. Denn er wird von Werner Herzog gespielt, der in den Siebzigern einer der wichtigsten Regisseure des Neuen Deutschen Films war, in den Neunzigern bei uns in Vergessenheit geriet, während er in den USA als Regisseur von Spiel- und Dokumentarfilmen bekannt wurde und dort schon fast kultisch verehrt wird; was sicher auch an seinem Humor liegt. Jedenfalls darf er als Zec, mit ausdruckloser Mine und in der Originalfassung seinem wunderschönem Akzent, einige so tiefsinnige, absurde und böse Sätze sagen, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Wahrscheinlich haben McQuarrie und Cruise (der den Film auch produzierte) als sie Herzog engagierten, einfach ihrem Fantum nachgegeben. Jedenfalls war das eine kluge Entscheidung.

Jack Reacher“ ist ein guter, wenn auch unspektakulärer Thriller mit einem in jeder Beziehung angenehmen Retro-Touch, bei dem die Schauspieler, die Dialoge und altmodische Erzähltugenden im Vordergrund stehen. Entsprechend unaufgeregt inszenierte McQuarrie den Film und Tom Cruise gibt – nachdem die Fans der Romane Cruise lautstark wegen seiner Körpergröße ablehnten (immerhin ist Reacher in den Romanen fast zwei Meter und Tom Cruise ist nur 1,70 Meter) – einen überzeugenden Jack Reacher. Denn er ist im Film genausowenig zu stoppen wie in den Romanen. Außerdem sind die wenigen Action-Szenen, die angenehm altmodisch ohne Wackelkamera, Schnittgewitter und „Mission Impossible“-Overkill inszeniert wurden, so auch viel glaubwürdiger. Denn welche Bande von Kleinstadtmachos fängt eine Schlägerei mit einem Zwei-Meter-Muskelprotz an? In „Jack Reacher“ versuchen sie es. Kurz darauf sind liegen sie krankenhausreif auf dem Boden.

Und was hätten die Die-Hard-Fans der Romane zu Brad Pitt, Hugh Jackman, Jamie Foxx, Vince Vaughn und Will Smith, die alle vor Tom Cruise für die Rolle im Gespräch waren, gesagt?

Jack Reacher - Plakat4

Jack Reacher (Jack Reacher, USA 2012)

Regie: Christopher McQuarrie

Drehbuch: Christopher McQuarrie

LV: Lee Child: One Shot, 2005 (Sniper)

mit Tom Cruise, Rosamund Pike, Richard Jenkins, David Oyelowo, Werner Herzog, Jai Courtney, Vladimir Sizov, Joseph Sikora , Michael Raymond-James, Alexia Fast, Josh Helman, Robert Duvall, Lee Child (Cameo als Polizist)

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Jack Reacher“

Metacritic über „Jack Reacher“

Rotten Tomatoes über „Jack Reacher“

Wikipedia über „Jack Reacher“ (deutsch, englisch)

Homepage von Lee Child

Wikipedia über Lee Child (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lee Childs „Tödliche Absicht“ (Without fail, 2002)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Abschussliste“ (The Enemy, 2004)

Meine Besprechung von Lee Childs „Sniper“ (One Shot, 2005)

Meine Besprechung von Lee Childs „Outlaw“ (Nothing to Loose, 2008)

Meine Besprechung von Lee Childs (Herausgeber) „Killer Year – Stories to die for…from the hottest new crime writers“ (2008)

Kriminalakte über Lee Child und „Jack Reacher“

 

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