DVD-Kritik: Kriminelle Geschäfte in „Romanzo Criminale – Staffel 2“

In der ersten Staffel der italienischen Krimiserie „Romanzo Criminale“ verfolgten wir atemlos den Aufstieg einer Bande Kleinkrimineller zu den Königen von Rom. Am Ende der in den siebziger Jahren spielenden Geschichte wurde der Libanese, so etwas wie ihr unausgesprochener Chef der gleichberechtigten und daher ihre Entscheidungen kollektiv treffenden Bandenmitglieder, am 13. September 1980 auf offener Straße erschossen.

Die zweite und letzte Staffel von „Romanzo Criminale“ schließt sich unmittelbar an die erste an. Freddo (Vinicio Marchioni), Dandi (Alessandro Roja), Scrocchia (Riccardo De Filippis) und Bufalo (Andrea Sartoretti), die überlebenden Köpfe der Bande, wollen herausfinden, wer Libano (Francesco Montanari) erschoss. Außerdem müssen sie die kriminellen Geschäfte weiterführen und ihre internen Konflikte lösen. Es geht also, nachdem in der ersten Staffel über elf packende Stunden eine Geschichte vom Aufstieg erzählt wurde, die sich letztendlich auf einen charismatischen Charakter konzentrierte, um die Verteidigung des Erreichten. Es geht um Stellungskämpfe, Freundschaft, Vertrauen, Misstrauen, Verrat und wechselnde Bündnisse. Insofern fehlt der zweiten, aus zehn etwa fünfzigminütigen Episoden bestehenden, Staffel die rohe Kraft der ersten Staffel. Es fehlt auch das alles einigende Kraftzentrum der ersten Staffel. Stattdessen stehen jetzt mehrere, gleichberechtigte Charaktere und ihre Versuche, ihr Verbrecherimperium zu erhalten und zu konsolidieren, im Mittelpunkt der Geschichte, die zwischen 1980, dem Tod des Libanesen, und 1989, dem Fall der Mauer und dem endgültigen Ende der Bande, nachdem sie bereits vier Jahre vorher in einem Megaprozess teilweise zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, spielt.

Dabei zeigen sich nach dem Mord an dem Libanesen in der ursprünglichen Blutsbrüderschaft der aus ärmlichen Verhältnissen kommenden Verbrecher immer mehr Brüche. Bufalo will unbedingt den Libanesen rächen und landet nach einem unbedachten Feuergefecht auf offener Straße im Gefängnis. Er hält Dandi, der ihm bei dem Schusswechsel nicht half, für einen Feigling und Verräter, den er unbedingt töten will. Dandi zögert zwar, Menschen zu töten, aber er zögert nicht, ein Angebot der Mafia anzunehmen. Er versucht sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen, indem er die Prostituierte Patrizia (Daniela Virgilio) heiratet und auch mit dem Vatikan Geschäfte macht.

Und Freddo versucht weiterhin die Bande zusammen zu halten und das Erbe von Libano zu bewahren. Dass er dabei Donatella (Giovanna Di Rauso) immer mehr vertraut und ihr wichtige Aufträge gibt, wird von den anderen Bandenmitgliedern nur widerwillig akzeptiert. Donatella ist dabei eine schillernde Figur mit fabelhaften Verbindungen, aber unklaren Loyalitäten.

Auf der anderen Seite des Gesetzes werden sie immer noch von Commissario Scialoja (Marco Bocci), der sich ebenfalls in Patrizia verliebt hat, verfolgt. In der letzten Episode der grandiosen Serie erhält er ein überraschendes Angebot.

Während die erste Staffel von „Romanzo Criminale“ knapp gesagt „Scarface“ war, ist die zweite Staffel „Es war einmal in Amerika“, mit einer ordentlichen Portion „Der Pate“ – und wenn man am Ende, nachdem die Loyalitäten und Freundschaften der einzelnen Charaktere immer wieder auf die Probe gestellt wurden, erlebt, wie eine Jugendfreundschaft endgültig verraten wird, dann echot das Ende von „Es war einmal in Amerika“ durch den Film.

Nachdem das Ende der ersten Staffel die alte Botschaft „Verbrechen lohnt sich nicht“ verkündete und das Mitleid mit dem Libanesen, der zunehmend herrischer, sprunghafter und drogensüchtig wurde, sich in Grenzen hielt, fragt die zweite Staffel, wie wichtig Freundschaft ist und wie sehr sie sich unter veränderten Bedingungen immer wieder anpassen muss. Weil man mit Freddo, Dandi, Scrocchia, Scialoja, Patrizia und sogar dem schon am Anfang der zweiten Staffel unberechenbarem, später zunehmend verrückt werdendem Bufalo mitfiebert, ist deshalb das Ende der zweiten Staffel von „Romanzo Criminale“, das auch einen Bogen zur allerersten Szene von „Romanzo Criminale – Staffel 1“ schlägt, viel deprimierender und düsterer als das Ende der ersten Staffel.

Und wenn man die ganze grandiose Serie ansieht (was man unbedingt tun sollte), erlebt man eine mitreisende, auf Tatsachen basierende Saga vom Aufstieg und Ende der römischen Magliana-Verbrecherbande, die als Vorbild für die Serie diente, und ihrer Verbindungen zur Mafia, Camorra und dem italienischen Staat, der sich immer wieder schützend vor sie stellte.

Romanzo Criminale - Staffel 2 - DVD-Cover

Romanzo Criminale – Staffel 2 (Romanzo Criminale, Italien 2010)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Daniele Cesarano, Barbara Petronio, Leonardo Valenti, Paolo Marchesini, Giancarlo De Cataldo

LV: Giancarlo De Cataldo: Romanzo Criminale, 2002 (Romanzo Criminale)

mit Vinicio Marchioni, Alessandro Roja, Marco Bocci, Daniela Virgilio, Andrea Sartoretti, Mauro Meconi, Riccardo De Filippis, Lorenzo Renzi, Giovanna Di Rauso, Francesco Montanari (in Rückblenden und als Geist)

DVD

Edel

Bild: 19:9 (PAL)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0 & 5.1), Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 500 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Romanzo Criminale“ und über Giancarlo De Cataldo

Krimi-Couch über Giancarlo De Cataldo

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 1“

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