Neu im Kino/Filmkritik: Als drogensüchtiger Bruchpilot mit „Flight“ in Richtung Oscar

Wenn Sie nach dem Trailer jetzt einen packenden Gerichtsthriller, vielleicht mit etwas Medien- und Kapitalismuskritik erwarten, dann werden sie mit „Flight“ wenig anfangen können. Denn Robert Zemeckis (Zurück in die Zukunft, Forrest Gump, Cast Away) erzählt nach einem Drehbuch von John Gatins (Coach Carter, Real Steel) die Geschichte von Whip Whitaker (Denzel Washington), der als Flugzeugkapitän zwar eine fluguntaugliche, vollbesetzte Maschine so landen kann, dass nur sechs der einhundertzwei Passagiere und Crewmitglieder sterben. Er wird zum Held des Tages. Dummerweise hatte er bei dem Flug auch immense Mengen Drogen im Blut. Wie fast immer. Denn Whip ist Alkoholiker – und die Filmgeschichte dreht sich um sein Leben: seine Versuche mit der drogensüchtigen Nicole Maggen (Kelly Reilly), die er nach dem Flugzeugabsturz im Krankenhaus kennen lernt, von seiner Sucht loszukommen, seinen Rückfällen und seiner Selbstgerechtigkeit.

Das wird dann, durchgehend gut gespielt (wobei Denzel Washington etwas zu sehr auf den Oscar schielt), handwerklich sauber, vor allem an Ende ordentlich schmalzig und kein Alkoholikerklischee auslassend (aber immerhin mit einigen Auftritten von John Goodman als Whips lässiger Drogenhändler mit dudehafter Lebowski-Attitüde), nach den bewährten dramaturgischen Regeln auf gut hundertvierzig Minuten ausgewalzt.

Nur hätte man dieses Alkoholikerdrama auch ohne den Flugzeugabsturz erzählen können. Denn über diese spektakuläre Aktion, die im Zentrum der Werbung für den Film steht und von einem ähnlichen Vorfall inspiriert ist, und wie der Absturz danach von den zuständigen Stellen aufgearbeitet wird, wie Whip zu einem Spielball unterschiedlicher Interessen, die im Film weitgehend diffus bleiben, wird, hätte man gerne mehr erfahren. Aber diese Probleme lösen sich, dank des Geschicks von Strafverteidiger Hugh Lang (Don Cheadle, gut wie immer, aber mit zu wenig Filmzeit), schnell in Luft auf und Whip könnte am Ende von der Öffentlichkeit weiterhin als nicht-geläuterter Held gefeiert werden.

Aber eben jenes Gerichtsdrama wird nicht erzählt.

Stattdessen gibt es ein überlanges Alkoholikerdrama, das, um nur einen Film zu nennen, im Schatten von Billy Wilders mit vier Oscars ausgezeichnetem, vierzig Minuten kürzerem Alkoholikerdrama „Das verlorene Wochenende“ (The lost Weekend, USA 1945) steht.

Flight - Plakat4

Flight (Flight, USA 2012)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: John Gatins

mit Denzel Washington, Don Cheadle, Kelly Reilly, John Goodman, Bruce Greenwood, Melissa Leo, Brian Geraghty, Tamara Tunie, James Badge Dale

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Flight“

Metacritic über „Flight“

Rotten Tomatoes über „Flight“

Wikipedia über „Flight“ (deutsch, englisch)

Bonus

Billy Wilders „The lost Weekend“ (USA 1945)

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: