Neu im Kino/Filmkritik: Über Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“

Kathryn Bigelow sagt in „Zero Dark Thirty“ nicht, dass Folter zur Ergreifung des Terroristen Osama bin Laden führte. Das war kleinteilige und entsprechend langweilige Geheimdienstarbeit, in der Informationen gesammelt, geprüft und nochmal geprüft werden und am Ende hat man, wie eine Besprechung der Geheimdienstler und hochrangiger Beamter vor der Entscheidung, ob sie ein Navy-SEALS-Team nach Abbottabad schicken sollen, nur eine Gewissheit von sechzig Prozent. Nach all der monatelangen Beobachtung des Hauses hätte man genausogut eine Münze werfen können.

Aber dieser Punkt kann leicht übersehen werden und Bigelow hat die Geschichte der Jagd der CIA nach Osama bin Laden von dem Anschlag auf das World Trade Center bis zu seinem Tod in einer bestimmten Art und Weise angeordnet, die mindestens den Schluss nahelegt, dass Folter ein probates Mittel sei, um an valide Informationen zu kommen und dass Folter deshalb ein unverzichtbarer Teil bei dem erfolgreichen Kampf gegen al Qaida war. Was diese These für künftige Kriege bedeutet, können wir uns denken.

Denn diese Behauptung ist mindestens umstritten. Ich würde sogar sagen Quatsch. In jedem Fall – weil sie die Jagd ausschließlich aus der Binnenperspektive der CIA erzählt – verliert sie kein Wort über die nationale und internationale Diskussion über Folter und zu welchem Ansehensverlust der USA diese Verletzung elementarer Menschenrechte führte. Sie sagt auch nichts über die vielen Unschuldigen, die gefoltert wurden, und die vielen unnützen Informationen, die die Gefolterten den Folterern gaben.

Diese Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Legitimation war ihr, auch wenn sie die Folterungen am Filmanfang quasi dokumentarisch zeigt, sehr wichtig. Immerhin ist „Zero Dark Thirty“ mit gut drei Stunden Laufzeit überlang geraten und man hätte durchaus über Kürzungen nachdenken können.

Ungefähr die erste Stunde der Filmgeschichte, die unmittelbar nach dem 11. September 2011 beginnt, vergeht mit episch gezeigten Folterungen, einem Bombenattentat auf ein Hotel, in dem Westler speisen, und einem Selbstmordattentat in einer US-Militärbasis, bei dem viele US-Soldaten und auch eine CIA-Agentin sterben. Sie war eine ältere Kollegin von Maya Lambert (Jessica Chastain), einer jungen CIA-Agentin, die sich gerade die ersten Sporen verdient und die so etwas wie die Protagonistin des Films ist.

Im zweiten Teil werden dann die kleinteiligen Recherchen von Maya über viele Jahre und ihr zunehmender, nie erklärter Fanatismus bei der Jagd nach bin Laden, gezeigt. Da wird sie fast zu einer Erin Brokovich, die einen aussichtslosen Kampf aufnimmt. Sie hat recht. Aber all die CIA-Männer glauben ihr nicht.

Im dritten Teil, der mit den direkten Vorbereitungen wieder ungefähr eine Stunde dauert, wird dann der Einsatz des Navy SEALS Team Six auf das Anwesen in Abbottabad in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 2011 gezeigt. Ungefähr in Echtzeit. Jedenfalls gibt es so um die fünfundvierzig Minuten dunkle, verwackelte Bilder, teilweise auch grünstichige Aufnahmen durch die Nachtsichtgeräte der Soldaten, keine Musik und nur wenige, kaum verständliche Dialoge, meistens über Funk. Maya bleibt bei diesem Einsatz außen vor – und weil die Soldaten, die Terroristen und die Bewohner des Hauses alle austauschbar bleiben, langweilt diese Szene auch zunehmend. Fast so, als ob man sich ein Fußballspiel ansieht, bei dem die Spieler gesichtslos bleiben und das Ergebnis auch schon bekannt ist.

Bigelow erzählt diese Geschichte chronologisch, aber eher fragmentarisch. Fast so, als habe man ausgewählte Tonbandmitschnitte aneinander geklebt. Das soll das Authentische betonen. Allerdings ist davon, im Gegensatz zu einer Reportage, nur wenig überprüfbar. „Zero Dark Thirty“ ist, weil die Macher in Interviews immer wieder das Dokumentarische, die große Faktentreue, die vielen Interviews, die sie mit Insidern führten, betonen und den Film einen „Reportagefilm“ nennen, der vom New Journalism (also Autoren wie Tom Wolfe, Gay Talese, Hunter S. Thompson, Truman Capote und Norman Mailer) beeinflusst sei, nicht das von ihnen behauptete filmische Äquivalent zu einer Reportage, sondern zu einem Kommentar. Sie erzählen nur eine dramatisierte Version der Wirklichkeit.

Nach dem gelungenen „The Hurt Locker“, der ersten Zusammenarbeit von Mark Boal und Kathryn Bigelow, ist „Zero Dark Thirty“ eine ziemlich herbe Enttäuschung, die unter einem unfokussiertem Drehbuch und der Absicht, den Menschen im Schatten, die Osama bin Laden jagten und töteten ein Denkmal zu setzen, leidet. Für ein solches Heldenporträt muss man nicht gleich den gesamten Film ausschließlich und ohne jegliche Distanz aus der Perspektive der CIA-Agenten und Soldaten erzählen.

Zero DarkThirty - Plakat

Zero Dark Thirty (Zero Dark Thirty, USA 2012)

Regie: Kathryn Bigelow

Drehbuch: Mark Boal

mit Jessica Chastain, Jason Clarke, Jennifer Ehle, Fares Fares, James Gandolfini, Kyle Chandler, Harold Perrineau, Reda Kateb, Mark Strong, Edgar Ramirez, Frank Grillo, Mark Valley

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Zero Dark Thirty“

Metacritic über „Zero Dark Thirty“

Rotten Tomatoes über „Zero Dark Thirty“

Wikipedia über „Zero Dark Thirty“ (deutsch, englisch)

 

 

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