Verfilmte Bücher: „Der Hypnotiseur“ ist „Der Hypnotiseur“

Kepler - Der Hypnotiseur - 2

Schon bevor ich die erste Zeile lese, sprechen zwei gute Gründe gegen Lars Keplers Debüt „Der Hypnotiseur“:

Das Buch hat 656 engbedruckte Seiten. Für einen zünftigen Kriminalroman sind das oft einige Seiten zu viel.

Es ist im Präsens geschrieben – und genau wie bei einem 3D-Film reißt mich das immer wieder aus der Geschichte. Denn nur wenigen Autoren gelingt es, eine Geschichte flüssig im Präsens zu erzählen.

Während der Lektüre kommt noch ein weiterer Grund hinzu: die Konstruktion der Geschichte. Denn Lars Kepler gehört zur Stieg-Larsson-Schule des Erzählens: auf hunderten von Seiten verirren diese Autoren sich in belanglose Subplots, erzählen die weitgehend überflüssigen Backstories der Charaktere auf Dutzenden von Seiten und breiten, bevor sie jeden Einrichtungsgegenstand der Wohnungen liebevoll beschreiben, wirklich jeden Informationshappen, den sie irgendwann recherchierten, aus. Nur die Hauptgeschichte, also die Story, weshalb wir das Buch lesen, wird wie eine lästige Pflichtübung abgehandelt. Auch in „Der Hyponiseur“ ist die Tat schneller aufgeklärt, als ich „Pups“ sagen konnte.

Sie glauben es nicht?

Also: In Stockholm wird eine Familie bestialisch ermordet. Nur der fünfzehnjährige Sohn Josef Ek überlebt schwerverletzt und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Kommissar Joona Linna (ein echtes Genie, dessen der Wahrheit entsprechender, furchtbar rechthaberischer Trademark-Satz „Ich hatte Recht“ ist, was ihn entsprechend unsympathisch machen würde, wenn er nicht so fürchterlich blass wäre) überzeugt Erik Maria Bark, Experte für Traumabehandlung, den Sohn zu hypnotisieren. Linna hofft so, ein Bild von dem Täter zu bekommen, der vielleicht die Tochter der Familie, die an einem unbekannten Ort ist, auch ermorden will. In der Hypnose gesteht Ek die Tat. Wir sind jetzt auf Seite 89 von gut 640 Seiten – und ich fragte mich, ob das nicht ein falsches Geständnis ist.

Ist es aber nicht. Auf Seite 188 flüchtet Ek aus dem Krankenhaus. Auf seiner Flucht ermordet er eine Krankenschwester, flüchtet über einen Friedhof, hängt dabei die ihn verfolgende Staatsgewalt lässig ab, verletzt einen Autofahrer schwer und klaut dessen Auto (Wow, diese scherverletzten Komapatienten haben es echt drauf). Aber anstatt jetzt eine zünftige Verfolgungsjagd nach einem flüchtigen, mordlüsternem Serienkiller zu erzählen, wird auch noch der schwerkranke Sohn der Barks entführt und das Ehepaar wälzt Eheprobleme, während Simones Vater, ein pensionierter Polizist, sich auf die Jagd macht und eine falsche Fährte nach der nächsten verfolgt. Dafür erfahren wir einiges von den Problemen, die Kinder und Pubertierende mit Gleichaltrigen haben (Yeah, das interessiert uns jetzt wirklich brennend). Von Seite 357 bis Seite 486 gibt es dann eine Rückblende, in der Bark von einer Hypnosegruppe erzählt, die er vor zehn Jahren betreute. Dass da irgendwo ein Hinweis auf die Entführerin von Benjamin Bark versteckt ist, können wir uns denken. Immerhin hat, auch das sei verraten, Josef Ek ihn nicht entführt.

Spannender wird das ganze dadurch nicht, aber wir können geruhsam darüber nachdenken, warum die Charaktere sich so bescheuert verhalten, warum offensichtliche Spuren nicht verfolgt werden und warum die Polizei sich lange Zeit nicht um ein entführtes Kind kümmert und sie bei der Jagd nach einem durchgeknallten Serienmörder Dienst nach Vorschrift macht. Und, wenn wir schon dabei sind, warum Simone nachdem ihr Sohn entführt wurde, sich liebevoll um ihre Galerie kümmert und schnell mit einem Künstler ins Bett springt.

Urgh.

Der Hypnotiseur“ ist nicht schlecht ausgedacht. Er ist blind zusammengeschustert worden.

Aber der Roman wurde ein Bestseller und die Verfilmung von Lasse Hallström startet am 21. Februar in unseren Kinos. Zum Glück nahmen die Macher sich etliche Freiheiten und verbesserten so die Geschichte des Autorenpaares Alexandra und Alexander Ahndoril. Ein guter Thriller ist es trotzdem nicht geworden.

Lars Kepler: Der Hypnotiseur

(übersetzt von Paul Berf)

Bastei Lübbe Taschenbuch, 2012

656 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Bastei Lübbe, 2010

Originalausgabe

Hypnotisören

2009

Verfilmung

Der Hypnotiseur (Hypnotisören, Schweden 2012)

Regie: Lasse Hallström

Drehbuch: Paolo Vacirca, Paolo Vacirca (Story Adaption), Lasse Hallström (Story Adaption)

mit Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Helena af Sandeberg, Oscar Pettersson, Anna Azcarate , Jonatan Bökman, Jan Waldekranz, Eva Melander

Kinostart: 21. Februar 2013

Hinweise

Homepage von Lars Kepler

Krimi-Couch über Lars Kepler

Wikipedia über Lars Kepler

Buchjournal: Ein Besuch bei Lars Kepler

Deutsch Homepage zum Film

 

 

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