Kurzkritik: Jeff Lemire: The Nobody

Lemire - The Nobody - 2

Eines Tages kommt in Large Mouth („Heimat des größten Barschs der Welt“ und „754 Einwohner“ steht auf dem Ortsschild) ein Fremder an, der durch sein Aussehen sofort auffällt: er ist vom Kopf bis zum Fuß mit Mullbinden bandagiert. Trotz seines seltsamen Aussehens und seinem zurückgezogenem Leben in einem Hotelzimmer, wird er schnell zu einem Teil des Dorfes. Er gehört halt einfach irgendwie zu Large Mouth. Auch wenn niemand etwas über ihn weiß.

Nur die sechzehnjährige Vickie freundet sich mit John Griffen, wie er sich nennt, an – und der Name erinnert nicht zufälligerweise an Jack Griffin, „Der Unsichtbare“ (The invisible man, USA 1933, Regie: James Whale). Bei ihren Besuchen in seinem Zimmer erfährt sie auch, dass er an irgendetwas herumexperimentiert – und wir ahnen schon, was sein Geheimnis ist. Griffen ist unsichtbar und er versucht jetzt, das fehlgeschlagene Experiment ungeschehen zu machen.

Jeff Lemire verlegte H. G. Wells „The Invisible Man“ (Der Unsichtbare) mit einigen entscheidenden Änderungen in der Geschichte gelungen in die Fast-Gegenwart. „The Nobody“ spielt 1994 und das dürfte ungefähr das letzte Jahr sein, in dem die Geschichte noch glaubhaft mit einer starken Verbeugung an das Original erzählt werden kann. Denn heute würde man Griffen und seine Angaben einfach googeln und in Nullkommanichts wüsste man, ob seine Geschichte stimmt.

Aber so wird auch die winterliche Hetzjagd auf Griffen, der nur seine Ruhe will, nachvollziehbar. Denn die schon die ganze Zeit latent vorhandene Kleinstadtparanoia und die in offenen Hass umschlagende Abneigung gegen den Fremden, dem man jede Schandtat zutraut, bricht nach dem Verschwinden einer Mitbürgerin ungehindert gegen den vermeintlichen Übeltäter aus.

Mit seinen kargen, fast schon abstrakten Schwarz-Weiß-Blauen Panels zeichnet Jeff Lemire das Bild einer friedlich-langweiligen Kleinstadt, die nur einen Anlass braucht, um ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Jeff Lemire: The Nobody

(übersetzt von Gerlinde Alhoff)

Panini Comics, 2013

148 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Nobody

Vertigo/DC Comics 2009

Hinweise

Homepage/Blog von Jeff Lemire

Wikipedia über „The Nobody“ (deutsch, englisch)

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