R. i. P. Jess Franco

R. i. P. Jess Franco (geboren als Jesús Franco Manera, am 12. Mai 1930 in Madrid, gestorben am 2. April 2013 in Malaga)

Das ist zu gut, um es euch vorzuenthalten:

Screenshot Berliner Zeitung Jess Franco Todesmeldung

Denn, auch wenn in der dpa-Meldung (die wahrscheinlich dumm gekürzt oder blind von Wikipedia übernommen wurde), steht, dass Jess Franco beim Publikum wenig Anerkennung fand, ist das natürlich Unfug. Denn Jess Franco war ein klassischer Publikumsregisseur, der mit Horror, Sex und Gewalt, unter diversen Pseudonymen) versuchte ein möglichst großes Publikum zu erreichen und in den sechziger und siebziger Jahren gehörten Titel wie „Necromonicum – Geträumte Sünden“, „Vampyros Lesbos“ und „Mondo Cannibale“ mit ihrem Versprechen auf Sex und Gewalt zu den Klassikern des Bahnhofskinos. Später raunte man sich die Titel zu und hätte die verbotenen Filme gerne gesehen. Nicht weil man glaubte, ein Meisterwerk der Filmkunst entdecken zu können, sondern weil sie nicht erhältlich waren.

Einige Connaisseure des Horrorfilms begannen schon früh ein Loblied auf einige seiner surrealistischen Filme voller Sex und Gewalt anzustimmen. Denn unter seinen 199 Filmen (aktueller Stand bei der IMDB) war auch viel Schrott, der vor allem in den vergangenen Jahren niemals Deutschland erreichte, und die etablierte Filmkritik konnte mit ihm wenig anfangen. Hier mal einige Zitate, wild herausgegriffen aus dem „Lexikon des Horrorfilms“ (im „Lexikon des internationalen Films“ dürfte der Daumen ebenfalls chronisch nach unten zeigen) zu einigen Jess-Franco-Trash-Klassikern:

Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London (Deutschland 1976, mit Klaus Kinski): „Jess Franco…verlässt sich hier ganz auf den Londoner Nebel, in dem Dramaturgie und Spannung beinahe spurlos verschwinden. Dazu gibt es billigen Sex..und übel chargierende Darsteller.“ (Filmdienst) „In nur wenigen Tagen hastig zusammengeschustert, dient dieser Film zu nichts anderem als zu beweisen, dass sich im Laufe der Jahre nichts an der Talentlosigkeit von Herrn Franco geändert hat.“ (Philippe Setbon: Klaus Kinski – Sein Leben, seine Filme)

Marquis de Sade: Justine (Deutschland/Italien/Frankreich 1968, mit Klaus Kinski): „Franco ist offen gesagt, ein sehr schlechter Regisseur und ‚Justine’…ist dementsprechend kein bisschen besser als seine bisherigen Filme.“ (Philippe Setbon: Klaus Kinski – Sein Leben, seine Filme)

Mondo Cannibale – 3. Teil: Die blonde Göttin der Kannibalen (Frankreich/Spanien 1979): „Leider wurden die nötigen Kotztüten nicht mitgeliefert.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms)

Nachts, wenn Dracula erwacht (Deutschland/Spanien/Italien 1969, mit Christopher Lee und Klaus Kinski): „Identische Sequenzen werden dutzendfach wiederholt, und die Spezialeffekte der am Ende erfolgenden Verbrennung des Grafen (steht das überhaupt so im Roman?) sind so schrecklich amateurhaft, dass man nur noch lachen kann.“ (John McCarthy, Cinefantastique) „Bei Francos Dracula-Version handelt es sich vielleicht um die schönste Verfilmung des Stoker-Romans überhaupt.“ (Rolf Thissen/Leo Phelix: Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms)

Die Nacht der offenen Särge (Portugal/Spanien/Liechtenstein 1972): „Wie hat Jess Franco es geschafft, für dieses handwerklich völlig indiskutable Dummstück gleich drei Produktionsfirmen zu gewinnen?“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms)

Necromonicon – Geträumte Sünden (Deutschland 1967): „Was Jess Franco auch anpackt – immer kriegt er eins auf die Rübe! In diesem Fall gleich von allen, die dem Film bei der Uraufführung beiwohnten.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms) „’Necronomicon’…ist ein ungewöhnlicher aber witzloser Hybride aus Horror-, Sexploitation- und Neue Welle-Film. Soweit ich mich erinnern kann, besteht er aus einem Mischmasch aus Sadismus, Erotizismus und Übernatürlichem.“ (Gary Arnold, The Washington Post)

Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula (Deutschland/Spanien 1970): „Mit jedem einzelnen Meter…stürzt (der Film) den unglücklichen Betrachter in die verzweifelte Situation des Alex aus ‚Uhrwerk Orange‘. Der wird im Rahmen der ‚Ludovico-Therapie‘ gezwungen, sich bis zum Erbrechen furchtbarste Filmschnipsel anzugucken, wobei er dem Einfluss einer Droge ausgesetzt ist, die entsetzliche Übelkeit verursacht. ‚Vampiros Lesbos‘ kann freilich auf solch eine Droge getrost verzichten – die Übelkeit stellt sich hier von ganz allein ein.“ (Rolf Giesen: Kino, wie es keiner mag)

Genug gemeckert. Immerhin fanden sich später auch einige positivere Stimmen.

Zu „Vampyros Lesbos“, dem – allein schon wegen des Titels – Kultfilm, bei dem die Filmmusik von Sigi Schwab und Manfred Hübler in den Neunzigern dank einer CD-Veröffentlichung zu neuen Ehren (auch in der Disco) kam, schreibt Harald Keller in „Schräg, schrill, scharf und schundig – Tausend Filme zwischen Trash und Kult“ (2000): „Jess Franco zeigt sich inspiriert und setzt bekannte Motive der Vampirliteratur als mal schwülen, mal duftigen Wachtraum in Szene.“

Und zu „Necronomicon“ steht in James Marriott und Kim Newmans „Horror“ (2006): „Willkürlich bis zum Verrücktwerden in seiner Imagination und seiner Technik, mit all den Wortspielen der Figuren, Hoch- und Alltagskultur, Trash und Experimentalkino vermischend, verleiht die flickenhafte Uneinheitlichkeit, die daher rührt, dass es kein Drehbuch gab (Franco notierte jede Nacht Drehbuchideen und gab diese am nächsten Morgan an die Schauspieler weiter), ‚Necromonicom‘ eine halluzinatorische, psychedelische Qualität.“

Am besten nähert man sich einem Jess-Franco-Film (wobei man vielleicht seinen bekanntesten Werken den Vorzug geben sollte) wie einem Drogentrip: zurücklehnen und nicht nach dem Sinn fragen. Das geht bei „Vampyros Lesbos“ auch im nicht-untertitelten O-Ton:

Nachrufe gibt es bei Spiegel Online, taz, Variety, Empire Online, Huffington Post und Fangoria

 

 

 

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