„Der Nachtwandler“ Sebastian Fitzek ist auch „Abgeschnitten“ von dem Langeweile-Gen

 

Dass Sebastian Fitzek seine lesehungrigen Fans, wie Dan Brown, darben lässt, kann nicht behauptet werden. Normalerweise erscheinen seine Psychothriller ungefähr im Jahrestakt, aber vor einem halben Jahr erschien sein mit Michael Tsokos geschriebener Thriller „Abgeschnitten“, dann hatte die Verfilmung von „Das Kind“ Premiere und jetzt erschien „Der Nachtwandler“, das, wie schon „Der Seelenbrecher“, nur in einem Haus spielt. Und damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen dem Nachtwandler und dem Seelenbrecher auch schon auf.

 

Fitzek - Der Nachtwandler - 2

 

Denn in „Der Nachtwandler“ fragt sich der 28-jährige Leon, ob er wieder im Schlaf wandelt und dabei auch seine Freundin verprügelte. Nachdem sie ihn, in Tränen aufgelöst, verlässt und er sie nicht für ein klärendes Gespräch erreicht, besorgt Leon sich eine Kamera, die er auf seinem Kopf befestigt und die aufnimmt, was er im Schlaf tut.

 

Am nächsten Tag sieht er auf den Aufnahmen, dass es in seiner Mietwohnung hinter einem Schrank eine Tür gibt, die er vorher noch nicht kannte. Die Tür führt in ein Gewirr von Gängen, durch die er in die anderen Wohnungen gelangen kann.

 

Und viel mehr soll jetzt von der Geschichte nicht verraten werden. Immerhin ist „Der Nachtwandler“ ein typischer Fitzek-Roman, in dem immer wieder unklar ist, wie zurechnungsfähig Leon noch ist und ob er gerade wach ist oder schläft. Ich glaube, dass Fitzek das am Ende nicht ganz sauber aufgelöst hat, aber bis zu dem überraschenden, Fitzek-typischen Ende ist so für ordentlich Spannung in dem verwunschenem Mietshaus mit seinen seltsamen Bewohnern, ihren mysteriösen Warnungen, den geheimen Gängen und Räumen gesorgt. Es ist natürlich auch eine reine, leicht atemlose Oberflächenspannung, weil die Charaktere sich immer der Handlung, vor allem der Schlußpointe, unterordnen müssen und, um des Thrills wegen, es dann doch immer wieder absurde Wendungen gibt. So sind die verborgenen Gänge in dem Haus fast schon größer als das in einer x-beliebigen größeren Stadt stehende Haus.

 

Aber man will schon wissen, wie es ausgeht und so wird man in der Nacht, in der man „Der Nachtwandler“ liest, garantiert nicht zum Nachtwandler.

 

Die Auflösung, auch wenn Sebastian Fitzek auf der Buchvorstellung sagte, er plane keine „Fortsetzung“ von „Der Nachtwandler“, liefert eigentlich die Idee für einen weiteren Roman im „Nachtwandler“-Kosmos. Jedenfalls hätte ich mindestens zwei Ideen.

 

Fitzek - Tsokos - Abgeschnitten

 

Abgeschnitten“, das Gemeinschaftswerk von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos, ist dagegen ein ziemlich vorhersehbarer Thriller über einen in Scheidung lebenden Rechtsmediziner, der seine entführte Tochter, die bei ihrer Mutter lebt und zu der er eigentlich keinen Kontakt mehr hat, retten will und dabei nicht bei Nacht und Nebel, sondern bei Sturm und Schneetreiben von Berlin in Richtung Helgoland hetzt. Denn auf der durch einen Orkan vom Festland abgeschnittenen Insel gibt es in einer Leiche einen weiteren Hinweis, den er innerhalb einer bestimmten Zeit finden und entschlüsseln muss und der ihn zu dem Versteck seiner Tochter oder einer weiteren Leiche führen kann.

 

Weil Paul Herzfeld nicht rechtzeitig auf der Insel sein kann, leitet er die Comiczeichnerin Linda, die sich vor ihrem gewälttätigen, sie stalkenden Freund auf die Insel zurückzog und die die Leiche entdeckte, zu einer fachgerechten Obduktion an. Und dank der Mitwirkung von Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin, stimmen auch die Details der Obduktion. Einige Anekdoten aus Herzfelds Leben und einige von Herzfeld erzählten Todesfälle sind auch aus Tsokos‘ Leben.

 

Der Roman selbst leidet daran, dass der Bösewicht sich einen furchtbar komplizierten Plan ausgedacht hat, in dem er in mehreren Leichen sorgfältig versteckte Hinweise platziert und er davon ausgeht, dass Herzfeld sich in einer bestimmten Art und Weise verhält. Dass Herzfeld diesen Anweisungen dann doch nicht bedingungslos folgt, bringt seinen Plan nur geringfügig durcheinander und alles läuft ziemlich geradlinig auf die Konfrontation zwischen Gut und Böse auf der Insel hinaus.

 

Abgeschnitten“ fesselt zwar, hat Pageturner-Qualitäten, aber so richtig packend ist der Roman nie und die den Roman einrahmenden vier Zeitungsartikel über Fälle, in denen Wirtschaftskriminelle eine hohe und Sexualstraftäter eine niedrige Strafe erhielten, und das damit verbundene Motiv des Bösewichts, hinterlassen in ihrer biertischhaften Moral einen reaktionären Nachgeschmack, den ich so bei Sebastian Fitzek und Michael Tsokos nicht vermutet hätte.

 

 

Sebastian Fitzek: Der Nachtwandler

 

Knaur, 2013

 

320 Seiten

 

9,99 Euro

 

 

Sebastian Fitzek/Michael Tsokos: Abgeschnitten

 

Droemer, 2012

 

400 Seiten

 

19,99 Euro

 

 

 

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung der Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (D 2012)

 

Meine Besprechung von Michael Tsokos‘ „Dem Tod auf der Spur“ (2009)

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One Response to „Der Nachtwandler“ Sebastian Fitzek ist auch „Abgeschnitten“ von dem Langeweile-Gen

  1. Ali Dawson sagt:

    ich finde fitzek auch genial und frage mich immer wie er auf solche verrückten ideen kommt. er ist einfach nur hammer!

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